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Dostojewskis 200. Geburtstag : In der „Hölle von Baden“

Den Ehering verspielt, Turgenjews Erzählung nicht einmal angelesen: Dostojewski floh in Baden-Baden an den Spieltisch. Bild: picture-alliance

Fjodor Michailowitsch Dostojewski war ein Linker, später ein Rechter, ein Epileptiker, vielleicht auch ein Antideutscher, sicher ein Genie und ein Spieler. Eine Reise in den Kurort, der ihn ruinierte.

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          Die Hölle sieht hübsch aus, barock: Wasserspiele mit vergoldeten Enten, sehr viele Putten, mit Seide bezogene Wände. Warum also Hölle? Die Frau, die dieses Casino, diese Kurstadt so nannte, musste es wissen: Anna Snitkina war sieben Wochen in Baden-Baden gefangen. Denn ihr Mann war ein Süchtiger, er verspielte ihren Ehering, Schmuck, ihre Kleider. Wer ihr Mann war? Der Epileptiker und Hypochonder, der Linke, der später zum Rechten wurde, der Antisemit und das Genie Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Das erste Mal kam er ohne Anna und als Redakteur in den Kurort, musste für seine Zeitschrift beim Superstar-Schriftsteller Iwan Turgenjew eine Erzählung abholen. Das hat er auch, sie aber ungelesen zurückgegeben. Das Roulette kam dazwischen.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf ihn!, sage ich lautlos mir selbst, schiebe einen Jeton auf die Elf, denn am 11. November wird er zweihundert Jahre alt. Und einen Jeton auf die Zweiundzwanzig, denn am 22. Dezember wurde er noch mal geboren, das schrieb er selbst. Es war der Tag seiner Hinrichtung. Dostojewski war damals unterwegs in Zarenkritiker-Kreisen und deshalb zum Tod verurteilt, wurde aber begnadigt, kam nach Sibirien. Das war 1849.

          Vielleicht ein Antideutscher

          2021 sagt der Croupier: „Nichts geht mehr.“ Er macht seine stolze Croupierarmbewegung. Die Kugel rollt tapfer. Die Sechs gewinnt – und ich fühle nichts. Außer, dass es weitergehen muss. Deshalb zwanzig Euro auf Rot. Rot gewinnt. Deshalb vierzig Euro auf Rot. Rot gewinnt. Alles dreht sich. Deshalb immer weiter und weiter. Der Gewinn ist auf einmal dreistellig. Ich rechne und rechne – und mir wird übel. Die Kehle wird heiß, der Bauch zieht sich zusammen, vor den Augen tanzen unscharfe Punkte. Auf das schmerzvolle Glück dann Champa­gner. Im Restaurant des Casinos sind die Herren grau und französisch. Manche sind grau, aber deutsch. Die Damen tragen Dezentes, keinen großen Schmuck. Die reichen, berühmten Russen sind aber nicht da. Verdammt, eigentlich sollte es so werden wie in „Der Spieler“, das hatte ich gehofft. Ja, wie in dem harten, kurzen Roman, in dem der unglückliche Alexej nach der Liebe sucht und doch nur die Spielsucht findet. „Morgen, morgen wird alles zum guten Ende kommen!“, das ist der berühmteste Satz des Romans und der letzte. Heute Nacht wird es meiner. Denn nach dem Champagner kommt Pech. Alles und noch mehr als alles ist um Mitternacht verspielt und verloren. Das Unglück aber fühlt sich nicht so betäubend und stechend an wie das Glück vorher. Morgen, morgen!, denke ich wie Alexej. Gehe.

          Am Dostojewski-Haus ist eine Büste des russischen Schriftstellers angebracht.
          Am Dostojewski-Haus ist eine Büste des russischen Schriftstellers angebracht. : Bild: picture-alliance

          Am Morgen steht eine Jack-Wolf­skin-Jacken-Delegation am Casino-Eingang, Touristen, Ü-60. Es ist eine Führung, deshalb ist der Dresscode egal. Im Florentinersaal spricht die Frau, die uns führt, von Dostojewski, dem Junkie, sagt: „Es war tragisch!“ – „Wer war denn dieser Herr?“, fragt jetzt ein Windjacken-Herr. Das Gesicht der Casinofrau verrutscht daraufhin leicht. Und das Gesicht des Fragenden sieht auf einmal so aus wie das des Barons im „Spieler“: „... ganz wie bei Deutschen üblich, schief und von tausend kleinen Falten durchzogen (…) Im Gesichtsausdruck etwas von einem Hammel“. Vielleicht war Dostojewski ein Antideutscher. Sicher schrieb er über Deutschland sehr übel: Berlin machte auf ihn einen „sauren Eindruck“, etwas „Widerwärtigeres als den Typus der Dresdner Frauen“ hatte er noch nie vorher gesehen, und der Kölner Dom sah für ihn aus „wie irgend so ein Ding, das als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch zu stellen ist“. Das alles weiß die Windjacke nicht. Die Casinofrau bestimmt, behält es aber für sich und erklärt den Weltschriftsteller jetzt in zwei Sätzen.

          Und wer liest ihn heute?

          Kennt ihr Dostojewski?, frage ich am Mittag zwei Vielleicht-Dreizehnjährige. Sie sitzen zwischen den korinthischen Trinkhallen-Säulen. „Nein“, sagt die Brünette. „Den hatte mein Bruder in der Schule“, sagt ihre aschblonde Freundin. Was aber sagt es, wenn keiner mehr wirklich weiß, wer Dostojewski überhaupt ist, die Jungen nicht und nicht die Alten? Dass seine Romane nicht mehr zeitgemäß sind? Darf man so etwas überhaupt denken?

          Fjodor Dostojewski (1821-1881)
          Fjodor Dostojewski (1821-1881) : Bild: picture-alliance / akg-images

          „Nein! Natürlich kenn ich den“, sagt ein junger Mann in der Stadt. Er will Baklava kaufen – im Haus, in dem der Schriftsteller zwei Monate wohnte. Dort ist jetzt das Café „Hüfay“, „deutsche und türkische Spezialitäten“ steht auf der Tür. Der junge Baklavakäufer zeigt auf einen Balkon: „Da oben ist der“, sagt er. Dort stehen zwei verkleidete Schaufensterpuppen, Fjodor und Anna, geschmacklos und disneylandhaft. „Schön!“, sagt der junge Mann. Ja, lüge ich.

          Das Casino öffnet erst abends. Was also tun? Spazieren. Zum Dostojewski-Denkmal. Da steht er, in einem Park, schaut in Richtung Casino, in Bronze und barfuß auf einer Weltkugel. Warum trägt er keine Schuhe? Und wer liest ihn heute?, denke ich, denke dann aber: Wie lange denn noch? Nur noch eine Stunde! „Ich habe ein Vorgefühl, und es muss, es muss so kommen“, das glaubt Alexej am Ende noch immer – und ich auch. Wie zeitgemäß Dostojewski-Romane sind, versteht jeder Spieler. Deshalb zurück ins Casino! Nichts geht mehr! Auf ihn!

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