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Kritik an #Dorfkinder-Kampagne : Wo die schlimmen Kerle wohnen

Julia Klöckners #Dorfkinder-Kampagne Bild: BMEL

Wer sich nach dem Start von Julia Klöckners merkwürdiger #Dorfkinder-Kampagne auf Twitter umschaut, hat den Eindruck, niemand komme mehr von diesem „Land“. Es muss ein schrecklicher, düsterer Ort sein.

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          Es gibt in Deutschland nahezu niemanden mehr, der vom Dorf kommt. Jeder, der halbwegs was auf sich hält, ist in einer von Gentrifizierung bedrohten Großstadtsiedlung aufgewachsen oder kann immerhin darauf verweisen, im überfüllten Kreißsaal eines städtischen Krankenhauses zur Welt gekommen zu sein, das darf man dann schon als Heimatstadt deklarieren und darauf hoffen, dass keiner nach der schrecklich trostlosen, in Trägheit und Langeweile und muffigen Schulbussen verbrachten Kindheit fragt, die man längst verdrängt hat.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Osten haben die Dorfkinder sowieso nur Reaktionäres im Kopf. Aber auf dem Land aufgewachsen zu sein, prädestiniert auch ganz grundsätzlich für Engstirnigkeit, hinterwäldlerischen Neid und die lebenslange Mitgliedschaft in der gewaltbereiten örtlichen Roller-Gang. Mit kultureller Vielfalt, Migrationsgeschichten und unterschiedlichen sexuellen Orientierungen hat man auf dem Dorf niemals je zu tun, da wohnen nur weiße, heterosexuelle Mittelständler, deren Schützenvereinsvorsitzende uns Dorfkindern damals beim Stammtischabend unter Hirschgeweihen erklärten, warum es so wichtig war, dass das auch so blieb. Und das blieb hängen.

          „Bekenntnis zum Land“

          Genau so einfach ist das mit dem Stadt-Land-Gefälle, wenn es nach der gerade auf Twitter entbrannten Debatte geht. Unter dem Hashtag #Dorfkinder wirbt die CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner für die Kampagne ihres Ministeriums, die sich der Menschen in ländlichen Regionen annimmt, was ja gut gemeint ist, aber irgendwie nach Marsbegehung klingt. Die Kampagne lenke „den Blick auf die Menschen, die Tag für Tag daran mitwirken, die Dörfer und Landgemeinden voranzubringen“, heißt es da. Klöckner gebe ein „Bekenntnis zum Land“ ab. Und: „Wir haben allen Grund, stolz zu sein auf unsere ländlichen Regionen.“ Bei einem Wettbewerb sollen Ideen für ein attraktives Dorfleben ausgezeichnet werden.

          Ob man jetzt unbedingt stolz sein muss auf sein Dorf, sei dahingestellt, vielleicht reicht es doch bei aller Frustration über schlechte Infrastruktur und langsames Internet einfach anzuerkennen, dass die Stockfehden in der Lichtung auf dem Wald in etwa so viel zur Identitätsbildung beigetragen haben wie die abendlichen Streifzüge entlang der Bahngleise bei den Stadtkindern. Dass man auf den wonnig-verklärenden Blick von außen gern verzichtet hätte, der das Dorfleben in die Motive Fußballteam, freiwillige Feuerwehr und Dorfladen unterteilt (denn das ist es eben, was man so tut auf dem Land, einen Dorfladen führen und Möhren verkaufen und beim Bauern in der Scheune Feuer löschen), war ziemlich schnell klar.

          Fußballteam, freiwillige Feuerwehr und Dorfladen

          Aber mindestens genauso schrecklich sind doch die, die jetzt voller Abscheu von Perspektivlosigkeit, schreiben, von all den strammen Rechten und Alkoholismus und dem armseligen Wunsch, ein Haus zu besitzen. „Leute, die sich als stolze Dorfkinder bezeichnen sind rassistische, sexistische und homophobe Konservative, die ihre –ismen bestenfalls als ‚Humor‘ abtun.“ In der Tat gibt es neben dem Ruf einiger Regionen, systematisch die Ausgrenzung Andersdenkender zu betreiben, in beinahe jedem Dorf diese Stammtischgespräche und das peinliche Schweigen nach rassistischen Witzen. Und besonders schwierig ist es für jene, die zu einer Minderheit gehören, die spüren, dass da kein Verständnis ist für sie und das Dorf zum Gefängnis wird. Sie sind in der Stadt oft besser aufgehoben.

          Aber waren die meisten von denen, die sich jetzt empören, nicht irgendwann Teil davon, als Punk, als Ministrant, als Streberin, Banden-Anführerin, Pöbler auf der Dorfkirmes, Zeitschriftenverteiler, Finanzvorstand im Gesangsverein? Hat man es nicht mitbestimmt, das Leben auf dem Dorf? Sich jetzt angeekelt wegzudrehen, als lebten auf dem Land die Menschenhasser und in den Städten, in die wir später flüchteten, die großen Empathiker, würde bedeuten, zahllose ehemalige Spielgefährten, Lehrer, Roller-Gang-Mitglieder, boshafte Nachbarn und Ortsladenverkäufer zu stigmatisieren. Und wir dachten, es ginge darum, gerade das zu vermeiden.  

          Es gibt übrigens eine interessanten Trend in der Buchbranche. Im Zentrum der großen Gegenwartsromane, der erfolgreichsten Geschichten in der deutschen Literaturlandschaft, der Buchpreisträgerbücher und Bestsellerlistenthemen steht schon seit geraumer Zeit die Provinz. Weil das Leben dort wahrer, realistischer scheint, weil der Phantasieraum des abgelegenen Landes die Menschen verzaubert. Ihre Protagonisten sind Eigenbrötler, Widerständler, Diskriminierte, Sonderlinge.

          Vielleicht lohnt es sich, wieder einmal in die alte Heimat zu fahren und nachzusehen.

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