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Donald Trump in Pennsylvania : Die gebrochenen Herzen der amerikanischen Provinz

  • -Aktualisiert am

Mechanicsburg, Pennsylvania, an einem Montag im August. Bild: Fotos Daniel Zampogna/Pennlive.com

Die Leute sind freundlich und zivil. Warum breitet sich trotzdem der Schrecken aus? Eindrücke von einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump tief in Pennsylvania.

          7 Min.

          In Washington, D.C., nennen sie Stephen Miller nicht umsonst „Mad Man“. Sie nennen ihn nicht nur so, weil er so viel raucht und sich so anzieht wie ein Werber aus den Sechzigern. Das „mad“ steht auch für den Wahnsinn, der ihn treibt. Ihn, den Dreißigjährigen, der seit neun Jahren in D. C. arbeitet und nun Trumps wichtigster Berater ist, sein Chefideologe, sein Redenschreiber. Wäre Miller ein Hund, dann ein Zwergpinscher, klein und aggressiv, stolz und schnell.

          25 Minuten bevor Donald Trump die Bühne der Cumberland Valley High School in Mechanicsburg, Pennsylvania, betritt, ist Miller dran. Er ist der Einpeitscher, auf den die Leute gewartet haben.

          Schnell hat er die Menge im Griff:

          Miller beschimpft Hillary Clinton als Feindin der Arbeiterklasse.

          Die Menge grölt: Lock her up! Sperrt sie ein!

          Miller zeigt mit dem Finger auf die Journalisten im Saal: „Schaut sie euch an, wie sie dort in eurer Mitte stehen, sie machen sich lustig über euch, sie betrügen, sie belügen euch!“

          Eine Normalität, die keine sein kann

          Die Umstehenden schreien: Liars! Lügner! Buuuhhh! Die Journalisten, die meisten von ihnen reisen Trump bis zur Wahl hinterher, schauen nicht mal auf. Für sie ist das Misstrauen normal geworden.

          Miller preist Donald Trump als Heilsbringer. Als den, der die Jobs zurückholt, den „Islamischen Staat“ besiegt, der endlich wieder gute Deals macht. Er fragt: „Seid ihr bereit zu wählen?“

          Yeeeahhhhh!

          Acht Minuten sind um.

          Die Menschen skandieren: We want Trump! Wir wollen Trump! Aus den Lautsprechern dröhnt: „Time is on my side“ von den Rolling Stones.

          Die Kunst des Horrorfilms besteht im Spiel mit Erwartungen. Der erste Schritt in Richtung Abgrund ist fast immer das Etablieren einer Normalität, die keine sein kann. Und die am Ende das Übel gebiert. Weil sie voller Missverständnisse ist, voller unausgesprochener Gelüste. Eine Wahlkampfveranstaltung des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald J. Trump entfaltet sich nach einem ähnlichen Prinzip.

          Am Anfang ist die Normalität.

          Vom Horrorfilm lernen

          Es ist vier Uhr nachmittags, noch vier Stunden bis zu Trumps Auftritt, ein Montag im August. 99 Tage bis zur Wahl. Die 636 Schülerparkplätze der Highschool sind voll besetzt. Bitte weiterfahren, den Hügel rauf, da gibt es mehr. Ein Besucher hat mit schwarzem Stift „Make America Safe Again. Build the Wall. Vote for Trump“ auf das rostige Heck seines weißen Chevrolet Beretta gekritzelt.

          Die Menschenschlange windet sich um die parkenden Trucks und Vans. Die Stimmung ist gut. Ein bisschen so, als warte man auf die Ankunft eines Rockstars. Irgendwie stimmt das ja auch. Alles ganz normal. Keine Hitlergrüße, durchdrehenden Rockerbanden oder Schlägertypen.

          Erster Eindruck: Familien, Highschool-Sweethearts, Blondinen, trainierte Jungs mit vom Wrestling zerknüllten Ohren, zu braun gebrannte Mütter, ältere Herren in Woody-Allen-Aufzug – weiße Turnschuhe, beige Chinos, schlecht sitzende Karohemden.

          Erstaunlich, aber wahr: Ein Protestierender in Mechanicsburg. Wird natürlich sofort abgeführt.

          Trump-Anhänger sind freundlich, sie zeigen einem den Weg und fragen, ob man genauso aufgeregt sei, wie sie selbst es sind. Sie sind nett. Wären da nicht die roten und tarnfarbenen Mützen mit der Aufschrift „Make America Great Again“, die Anstecker mit Hillary Clintons Gesicht hinter Gittern, die T-Shirts, auf denen vorne steht „Hillary sucks but not like Monica“ und hinten „Trump That Bitch“.

          Alle paar Minuten grölt jemand über die Weiten des Parkplatzes: Lock her up! Sperrt sie ein!

          Blaue Kragen, weiße Kragen

          Hillary Clinton war drei Tage vor Trump im sogenannten Rust Belt unterwegs, dem Gebiet im Nordosten der Vereinigten Staaten, das früher die Schwerindustrie beherbergte und ein zentraler Schauplatz des Wahlkampfs ist. Bundesstaaten wie Pennsylvania, Ohio, Michigan sind Swing States, gespalten in Demokraten und Republikaner. Die Wahl gewinnt, wer die kleinen Leute erreicht, die Blue Collar Workers, die sich im Gegensatz zu den weißen Kragen in Washington, D. C., New York und San Francisco gerne weiter die Finger schmutzig machen würden, wenn es die dreckigen Jobs noch gäbe: für die Stahlwerker, Kohlekumpel, Landarbeiter.

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