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Lehren aus Trumps Erfolg : Nicht für die Schule, für das Leben hassen wir

Ein Demonstrant bedankt sich bei Barack Obama. Bild: AP

Mit der Wahl von Donald Trump beenden Amerikas Wähler acht Jahre erfolglose Massenerziehungsbemühungen durch Barack Obama. Wohin es führt, wenn Belehrung statt Streit als politisches Mittel gewählt wird.

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          So, wie es bei Buddhastatuen Körperhaltungen gibt, die ausdrücken, dass der Erleuchtete gerade etwas lehrt, wird man sich an Barack Obama erinnern als ethischen Erzieher, der mahnt: Bekehrt euch zur Krankenhilfe nach dem Solidarprinzip, zu nachhaltiger Energie als Klimaschutzmaßnahme, zur Achtung der Würde auch von Gefangenen, zur internationalen Politik des Ausgleichs anstelle von Vorherrschaftsarroganz, zu Kosmopolitismus, Antirassismus, Antisexismus, wie ihn die Gebildeten und Toleranten in New York schon lange lieben und leben.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Krankenversicherungsprojekt endete in der Praxis als unentwirrbares Knäuel von desaströsen Deals mit Gesundheitsunternehmen wie Humana, United-Health Group und Wellpoint. Den Weg zur grünen Energie säumten Absprachen mit Konzernen wie General Electric und Duke Power, die sich die Erfüllung neuer Auflagen leisten können und so die schwächere Konkurrenz aus dem Feld drücken, deren Belegschaft damit auf der Straße steht und die Statistik in Richtung der schlechtesten Beschäftigungsquote seit den Siebzigern verschieben hilft. Die bessere Behandlung Terrorverdächtiger fasste der Lehrer in der Ankündigung zusammen, Guantánamo zu schließen - man wartet noch heute darauf. Die Politik des Ausgleichs führte von einer wunderschönen Rede in Kairo zu Drohnentod, NSA-Skandal und einem Riesenmilitärbudget. Das zivilisatorische Vorbild New York schließlich ist eine Stadt, in der die Chancenungleichheit durch de facto segregierte Schulen eklatanter ist als in manchen Regionen des rückständigen Südens, während die Berufsmöglichkeiten für weiße Mittelstandsfrauen in der Weltmetropole des liberalism vor allem von nichtweißen Nannies verbessert werden.

          Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, bastelt mit!

          Im Wahlkampf schwoll Obamas Ethikstunde zum gesamtmedialen Chor an: Man drohte Trump und seinen Fans, wenn sie ihre ekligen misogynen Bäuerchen absonderten oder antisemitisch „Jew-S-A!“ grölten, mit schlechten Verhaltensnoten, als ob die das interessierte. Den Provokateuren von der „Alt-Right“, vom Macho-Motivationstrainer Mike Cernovich über den hämischen Troll Milo Yiannopoulos, der keine Gelegenheit verstreichen lässt, Vorwürfe wegen Diskriminierung von Minderheiten damit zu kontern, er sei schließlich selbst homosexuell und es gehe ihm lediglich um die Meinungsfreiheit, bis zum Hardcore-Schwarzenhasser Theodore Beale, verschaffte man die Gelegenheit, sich als tabubrecherische Spaßguerilla von rechts zu inszenieren, die den „SJWs“, den Social Justice Warriors, ihr Bevormundungsspiel vermiest. Trump ist der Held dieser Szene, das geht bis zu Heroenlegenden, die sich daran erbauen, er sei in seinen Flegeljahren (denen er, deuten sie augenzwinkernd an, nie entwachsen sei) auch vor physischen Auseinandersetzungen mit Privatschulpädagogen, die ihn hätten zähmen wollen, nicht zurückgeschreckt. Immer eifriger warf sich die Mitte-Links-Crew in die Erziehungs- statt in die langweiligere, an Zahlen und Verfahren orientierte Aufklärungsarbeit: Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, bastelt mit am bunten, am netten Amerika, Hoffnung, Herz, Brücken statt Mauern!

          Noch kurz vor der Wahl erklärten die beliebten Infotainment-Stars Jon Stewart und Stephen Colbert mittels Gesang, Tanz, Wortspiel und Slapstick im Fernsehen einem singenden kleinen Mädchen, was für ein Scheusal der Mann mit den irren Haaren ist - kein kleines Mädchen dürfte danach noch Trump gewählt haben. Stattdessen jubelten und jubeln ihm Menschen zu, die, anstatt sich zum Guten bekehren zu lassen, selbst denjenigen Teil des Lehrkörpers verachten, der sich duzen lässt, gefärbte Haare hat und Fächer wie Musik und Kunst unterrichtet - Lady Gaga, Bruce Springsteen, Miley Cyrus, Jon Bon Jovi, Madonna und tutti quanti.

          „Die große Schwester hat euch lieb“

          Andererseits, was hätten diejenigen, die aus den allervernünftigsten, allerevidentesten Gründen der Welt Trump verhindern wollten, denn tun sollen? Vielleicht zuallererst: den modischen Affekt gegen professionelle Politik nicht nähren, also nie davon phantasieren, dass Massenkundgebungsseligkeit und Zusammengehörigkeitseuphorie als in Sprechchören und Fäusterecken bei Versammlungen ausagiertes Solidaritätssurrogat die Reichen und Bösen schon zur Räson bringen würden. Elitär und salonlinks sollte nach dem Willen der in den armen Bernie Sanders Verliebten jede und jeder sein, die hier skeptisch blieben und lieber hofften, dass Hillary Clinton der Versuchung widerstehen würde, ihre aus Torschlusspanik resultierende technokratische Gerissenheit gegen ein peinliches „Die große Schwester hat euch lieb“-Streichelzoo-Theater auszutauschen, in das sie sich schließlich fallen ließ und das sie zur Niederlage geführt hat.

          Nach Wahlsieg von Trump : Obama will reibungslose Übergabe

          Man hätte auf der braven Linken ja mal darüber reden können, dass Trump, wenn er „America first!“ brüllt, zuallererst gelöchert und beharrlich aufgefordert werden sollte, gefälligst zu erklären, wie er der „working class“, von der er am Wahlabend schwadronierte, die Nachteile des Weltmarkts vom Hals schaffen will, ohne dass sie dafür wirtschaftlich schlimmer bluten muss als selbst unter Obama. Soll die patriotische Familie amerikanische Waren kaufen oder billige? Bringt eine Mauer nach Süden ökonomische Autarkie? Sind Trumps Parolen, sobald man sie zu Programmen umrechnet, für Nicht-Millionäre nicht einfach teurer als die teuerste Staatspleite? Läuft also der ganze trumpsche Quatsch nicht auf einen Militär- und Polizeistaats-Keynesianismus hinaus, der als Gruselaussicht zum Beispiel den zwecklosen Anti-Trump-Widerstand klassisch konservativer Teile der republikanischen Partei erklären könnte, die sich jetzt vor einer Nacht der langen Messer fürchten müssen?

          Die Herdentierberechnung seiner Fans

          Aber darüber zu reden wäre Streit gewesen statt Belehrung. Trumps Wählerschaft setzt auf weißen Nationalismus als Zusammenrottungs- und Abschottungsstrategie - nicht aus Dummheit oder Unbildung, sondern als Kalkül von Menschen, die ihren befürchteten Abstieg (vom Verlust des Lebensstandards bis zu dem der öffentlichen Sicherheit, Stichwort Terror) aufhalten wollen, indem zwischen ihnen und dem Boden der globalisierten Tatsachen eine Pufferzone aus Untergebutterten bestehen bleiben oder eingerichtet werden soll.

          Trump versteht das auszunutzen, weil er Ähnliches im New Yorker Immobiliengeschäft gelernt hat, dessen Realität ihm jahrzehntelang erlaubte, von „the Jews” und „the Italians“ und „the Chinese“ zu reden, wie der Blogger Phil Sandifer erklärt hat: Trump ist ein erfahrener Instrumentalisierer der „fast schon geologisch verfestigten Struktur von Manhattan nach dem Maß historischer ethnischer Migrationsbewegungen“. Gegen die Herdentierberechnung seiner Fans, die er mit den so erworbenen demagogischen Redemustern zu bedienen versteht, hilft keine Moral, sondern nur der praktische, aus der Geschichte des letzten Globalisierungsvierteljahrhunderts vielfach belegbare Hinweis darauf, dass, wer andern so eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. Wer sich zum Stärkeren schlägt, wird vom Stärkeren geschlagen, wenn’s dem gefällt. Aber das lernt man nicht im Klassenzimmer, sondern nur auf dem Schulhof.

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