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Lehren aus Trumps Erfolg : Nicht für die Schule, für das Leben hassen wir

„Die große Schwester hat euch lieb“

Andererseits, was hätten diejenigen, die aus den allervernünftigsten, allerevidentesten Gründen der Welt Trump verhindern wollten, denn tun sollen? Vielleicht zuallererst: den modischen Affekt gegen professionelle Politik nicht nähren, also nie davon phantasieren, dass Massenkundgebungsseligkeit und Zusammengehörigkeitseuphorie als in Sprechchören und Fäusterecken bei Versammlungen ausagiertes Solidaritätssurrogat die Reichen und Bösen schon zur Räson bringen würden. Elitär und salonlinks sollte nach dem Willen der in den armen Bernie Sanders Verliebten jede und jeder sein, die hier skeptisch blieben und lieber hofften, dass Hillary Clinton der Versuchung widerstehen würde, ihre aus Torschlusspanik resultierende technokratische Gerissenheit gegen ein peinliches „Die große Schwester hat euch lieb“-Streichelzoo-Theater auszutauschen, in das sie sich schließlich fallen ließ und das sie zur Niederlage geführt hat.

Man hätte auf der braven Linken ja mal darüber reden können, dass Trump, wenn er „America first!“ brüllt, zuallererst gelöchert und beharrlich aufgefordert werden sollte, gefälligst zu erklären, wie er der „working class“, von der er am Wahlabend schwadronierte, die Nachteile des Weltmarkts vom Hals schaffen will, ohne dass sie dafür wirtschaftlich schlimmer bluten muss als selbst unter Obama. Soll die patriotische Familie amerikanische Waren kaufen oder billige? Bringt eine Mauer nach Süden ökonomische Autarkie? Sind Trumps Parolen, sobald man sie zu Programmen umrechnet, für Nicht-Millionäre nicht einfach teurer als die teuerste Staatspleite? Läuft also der ganze trumpsche Quatsch nicht auf einen Militär- und Polizeistaats-Keynesianismus hinaus, der als Gruselaussicht zum Beispiel den zwecklosen Anti-Trump-Widerstand klassisch konservativer Teile der republikanischen Partei erklären könnte, die sich jetzt vor einer Nacht der langen Messer fürchten müssen?

Die Herdentierberechnung seiner Fans

Aber darüber zu reden wäre Streit gewesen statt Belehrung. Trumps Wählerschaft setzt auf weißen Nationalismus als Zusammenrottungs- und Abschottungsstrategie - nicht aus Dummheit oder Unbildung, sondern als Kalkül von Menschen, die ihren befürchteten Abstieg (vom Verlust des Lebensstandards bis zu dem der öffentlichen Sicherheit, Stichwort Terror) aufhalten wollen, indem zwischen ihnen und dem Boden der globalisierten Tatsachen eine Pufferzone aus Untergebutterten bestehen bleiben oder eingerichtet werden soll.

Trump versteht das auszunutzen, weil er Ähnliches im New Yorker Immobiliengeschäft gelernt hat, dessen Realität ihm jahrzehntelang erlaubte, von „the Jews” und „the Italians“ und „the Chinese“ zu reden, wie der Blogger Phil Sandifer erklärt hat: Trump ist ein erfahrener Instrumentalisierer der „fast schon geologisch verfestigten Struktur von Manhattan nach dem Maß historischer ethnischer Migrationsbewegungen“. Gegen die Herdentierberechnung seiner Fans, die er mit den so erworbenen demagogischen Redemustern zu bedienen versteht, hilft keine Moral, sondern nur der praktische, aus der Geschichte des letzten Globalisierungsvierteljahrhunderts vielfach belegbare Hinweis darauf, dass, wer andern so eine Grube gräbt, selbst hineinfällt. Wer sich zum Stärkeren schlägt, wird vom Stärkeren geschlagen, wenn’s dem gefällt. Aber das lernt man nicht im Klassenzimmer, sondern nur auf dem Schulhof.

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