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„El Chapo“ und Sean Penn : Die Mission ist noch längst nicht beendet

  • -Aktualisiert am

Spektakuläre Flucht, spektakuläre Verhaftung: Joaquin Guzman. Bild: AP

Zuerst bricht der mexikanische Drogenkönig Joaquin „El Chapo“ Guzmán spektakulär aus dem Gefängnis aus. Dann gibt er dem Schauspieler Sean Penn ein Interview. Kurz darauf wird Guzman verhaftet. Was sollen wir von einer solchen Aufführung à la Hollywood halten?

          Nach der erneuten Festnahme des Drogenkönigs Joaquín „El Chapo“ Guzmán vor zwei Wochen stellen sich einige Fragen. Sean Penns Interview mit Guzmán hat mehr für Empörung gesorgt, als dass es Licht in die Sache gebracht hätte. Die mexikanische Regierung behauptet, man habe von dem Treffen a) gewusst, b) nichts gewusst oder c) jedenfalls nichts Genaues gewusst. In keiner dieser Varianten gibt die Regierung ein gutes Bild ab. Wenn sie von dem Treffen wusste, was hat man dann in den drei Monaten vor Guzmáns Ergreifung getan? Wenn sie nichts davon wusste, wie können ein Filmschauspieler und ein Seifenopernstar das Versteck des meistgesuchten Verbrechers finden, wenn die Regierung das nicht geschafft hat (oder kein Interesse daran hatte)? In dieser Variante sieht die Regierung bestenfalls inkompetent aus, schlimmstenfalls will sie etwas vertuschen. Solange noch immer nicht alle Fakten bekannt sind, müssen wir davon ausgehen, dass die Aktion das Ergebnis eines Deals ist.

          Guzmán hielt sich in seinem Heimatstaat Sinaloa auf und soll mit hundert Leibwächtern in der Gegend herumgefahren sein - nicht gerade unauffällig für eine gesuchte Figur, ungeachtet seines Flirts mit Hollywood. Höchstwahrscheinlich hatte Guzmán die Unterstützung und das Vertrauen seiner Partner innerhalb des Kartells verloren und damit auch politischen Einfluss und Schutz. Zweifellos gab es Leute in den mexikanischen Sicherheitsdiensten und Bundesbehörden, die bei seinem jüngsten „Ausbruch“, angeblich durch einen Tunnel, um den viel Tamtam gemacht wurde, eine Rolle gespielt haben, und andere, die ihn unbedingt ergreifen wollten. Letztere haben den Machtkampf offenbar für sich entschieden. Aber wie und warum?

          Er hält sich, solange er anderen nützt

          Im organisierten Verbrechen kann sich jeder, auch Guzmán, nur so lange halten, wie er anderen nützt. Die Amerikaner haben die mexikanische Regierung so stark unter Druck gesetzt, dass der Mann nach sechs Monaten zu einem Geschäftsrisiko wurde. Seit seinem „Ausbruch“ hat er schlechte Geschäftsentscheidungen getroffen, und seine Idee von einem Film über sein Leben kann seinen öffentlichkeitsscheuen Partnern nicht gefallen haben. War er zu einer Belastung geworden, deren man sich entledigen musste? Ist ein Nachfolger bereits gekürt? Guzmán war exakt so lange in Freiheit, wie die Klärung dieser Frage dauerte. Sein bizarres Treffen mit Penn und Kate de Castillo hat die Sache womöglich entscheidend beschleunigt.

          Warum wurde Guzmán lebend festgenommen? Fünf seiner Leute wurden bei der Aktion erschossen, sechs andere gefangengenommen. Noch liegen nicht alle Informationen vor, aber bekannt ist, dass die Aktion von den FES durchgeführt wurde, einer Spezialeinheit der mexikanischen Marine, die im Ruf steht, nicht besonders zimperlich zu sein, zumal wenn es um Figuren wie Guzmán geht. Bei der Aktion haben amerikanische Fahnder mitgeholfen, die seit langem mit den Marines kooperieren und ihnen, aber nur ihnen, wichtige Informationen zur Verfügung stellen. Auch hier gibt es mehrere Möglichkeiten. War das Ganze abgesprochen, wie bei den letzten beiden Malen, als Guzmán einsaß und sein Kartell aus dem Gefängnis heraus dirigierte? Seine erste Haftzeit glich einem Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Hotel. Er führte ein luxuriöses Leben - Prostituierte, Filme, Gourmetessen, Partys. Er verfügte über eigene Leibwächter, die mit Baseballschlägern bewaffnet waren. Aus der zweiten Haft entkam er mit einer Mühelosigkeit, die komisch wäre, wenn sie nicht so ernste Konsequenzen hätte.

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