https://www.faz.net/-gqz-a8uzb

James Baldwin in Paris : Die Party ist vorbei

Bedrängt von Kamera und Tonmann: James Baldwin versucht, einem englischen Filmteam seine Lage als schwarzer Künstler in der Diaspora zu erklären. Bild: Mubi

Vom Scheitern an der eigenen Ignoranz: Ein Dokumentarfilm über James Baldwin in Paris erweist sich als außerordentlich aktuelles historisches Dokument.

          4 Min.

          James Baldwin, eine schmale Gestalt in langem rotbraunem Mantel und gleichfarbigem Schiffchen auf dem Kopf am Pariser Seine-Ufer in winterlichem Morgennebel – auf den ersten Blick ist das ein schönes Bild. Ein schöner Anfang für einen Film über diesen immer wieder erstaunlichen Mann, überragenden Schriftsteller, leidenschaftlichen Aktivisten und wachen Zeugen der dramatischen Umstände, in die er 1924 hineingeboren wurde und in denen er 1987 starb. Schön im Sinne von: harmonisch. Schließlich hatte Baldwin bereits mehr als zwanzig Jahre in Paris gelebt, als er am Fluss entlangging, seine Romane und Essays dort geschrieben, war berühmt geworden, zurückgekehrt in sein Heimatland, um dann erneut in Frankreich Zuflucht zu finden. Kein Asyl. Bekäme er, so fragt er im Laufe des Films, überhaupt irgendwo politisches Asyl? Weil Menschen, die aussehen wie er, dort, wo er herkommt, immer wieder ermordet werden?

          Verena Lueken

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Von Harmonie kann also nicht die Rede sein. Alles scheint falsch zu laufen am Vorhaben der Filmemacher, die über ihre Bilder und den Originalton ein Voiceover gelegt haben – was hier gar nicht anders denn als „master’s voice“ verstanden werden kann. Die Filmemacher sind konsterniert. War nicht etwas ganz anderes abgesprochen, als dieser Mann jetzt anbietet? Warum will er nicht über seine Bücher sprechen („Wenn sie etwas taugen, sprechen sie für sich selbst“), was will er am Place de la Bastille („Dass dieses Gefängnis gestürmt wurde, ist als Befreiungstat ein erinnerungswürdiges Ereignis, wenn Schwarze in Amerika ein Gefängnis stürmen, nennt ihr es Barbarei“), warum lässt er sich mit den jungen Männern ein, die den Dreh mit ihrem Auftreten nur stören? Was will er, wenn er Angela Davis und Bobby Seale, die gerade im Gefängnis sitzen, beim Namen nennt, wie auch Medgar Evers, den Bürgerrechtler, der sieben Jahre zuvor ermordet wurde und dessen Mörder damals noch frei herumliefen? Hat das irgendetwas mit ihrem Film zu tun? Die Filmemacher verstehen es nicht. Verstehen nicht, dass Baldwin nicht als Exot, sondern als Weltbürger porträtiert werden will. Immer wieder hat er um diese Position gekämpft, in jeder Talkshow bis hin zu jener, die Raoul Pecks Film über ihn seinen Titel gab: „I Am Not Your Negro.“ Das hätte er auch in Paris sagen können.

          Was läuft schief?

          Selten hat ein gescheitertes Filmvorhaben so überdeutlich klargemacht, wo die Ursachen für sein Scheitern liegen, wie dieser Dokumentarfilm der Briten Terence Dixon (Regie) und Jack Hazan (Kamera) aus dem Jahr 1970: „Meeting the Man: James Baldwin in Paris“. Das New York Film Festival hat ihn im letzten Jahr ausgegraben, und seit kurzem läuft er beim Streaminganbieter Mubi. Nur knapp eine halbe Stunde ist er lang. Ein Ereignis. Eine Übung für Menschen, die verstehen wollen, was immer noch schiefläuft im Austausch zwischen denen, die nie etwas riskieren mussten, und jenen, deren bloße Existenz bereits ein Risiko darstellt. In diesem Fall zwischen einem weißen Filmteam in einer westeuropäischen Hauptstadt und einem afroamerikanischen Schriftsteller ebendort.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Landesverband für Söder : Laschets Niederlage in Niedersachsen

          In einer mehrstündigen Beratung des drittgrößten CDU-Landesverbands ergab sich ein eindeutiges Stimmungsbild: zugunsten einer Kanzlerkandidatur des CSU-Vorsitzenden Markus Söder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.