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Documenta und Antisemitismus : Keine Juden „als solche“

Aus der Broschüre „La Présence des femmes“ Bild: dpa

Die Documenta veröffentlicht die lang versprochenen Erläuterungen zu den algerischen Zeichnungen böser Juden. Das Ergebnis: Nirgendwo Antisemitismus zu erkennen.

          2 Min.

          Die Documenta hat am Dienstag endlich die versprochene „Kontextualisierung“ jener Zeichnungen geliefert, die vom größten Teil des Publikums bislang als antisemitisch gedeutet wurden. Jetzt hängen im Kasseler Fridericianum ein paar Texttafeln, welche die Entstehungsgeschichte und intendierte Lesart erläutern sollen.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Erläuterungen hat die Künstlergruppe „Les archives des luttes des femmes en Algérie“ verfasst – und bevor der Text zur Sache kommt, wirft er all jenen, die zum Beispiel in der Darstellung eines hässlichen, kleinen, hakennasigen Soldaten mit Davidstern auf dem Helm und dem Knie einer Frau im Unterleib tatsächlich Antisemitismus erkennen wollen, Unverständnis und eine Fehlinterpretation vor. Am Schluss des Textes erklärt sich die Gruppe zur verfolgten Unschuld, die, wegen der Antisemitismusvorwürfe, bedroht und angegriffen worden sei.

          Ein Bild aus der Broschüre - ist hier wirklich beim besten Willen kein Antisemitismus zu erkennen?
          Ein Bild aus der Broschüre - ist hier wirklich beim besten Willen kein Antisemitismus zu erkennen? : Bild: WerteInitiative - jüdisch-deutsche Positionen e.V.

          Was der Text dazwischen über das Palästina-Sonderheft der Zeitschrift „Présence des femmes“ erzählt, ist tatsächlich hilfreich und interessant – auch wenn der Satz, wonach dieses Heft „sich offen als Fürsprecher des palästinensischen Volkes positionierte“, heroischer klingt, als der Vorgang wohl war. Man stelle sich nur vor, in Algerien hätte sich jemand als Fürsprecher des israelischen Volkes positioniert.

          Das Jahr 1988, so berichtet der Text, sei einerseits ein wichtiges Jahr in der Geschichte Algeriens gewesen, weil die spontanen Aufstände, die im Herbst des Jahres begannen, von einer kulturellen Renaissance begleitet worden seien. Und im selben Herbst habe der Nationalrat der PLO in Algier den palästinensischen Staat ausgerufen, was wohl Grund genug für ein Palästina-Sonderheft war.

          Der Kampf der Frauen

          Die beiden Bilder des syrischen Künstlers Burhan Karkoutly, die monströse, roboterhafte Soldaten mit Davidstern auf dem Helm zeigen, wie sie offenbar palästinensische Kinder bedrohen – und über deren antisemitische Eindeutigkeit man tatsächlich womöglich streiten darf: Man könnte sofort den Davidstern durch ein anderes Zeichen ersetzen –, seien ursprünglich Illustrationen aus einem Buch, das „Palästinas Kinder“ heißt und offenbar davon erzählt, wie grausam das israelische Militär auch gegen die allerjüngsten Palästinenser vorgehe.

          Die Karikatur mit dem Tritt in den Unterleib – deren Eindeutigkeit niemand bestreiten wird, der schon mal eine „Stürmer“-Karikatur gesehen hat – stamme von dem Künstler Naji Al Ali; sie stelle die Intifada von 1987 dar und wolle illustrieren, wie bedeutend die Rolle der Frauen dabei war. Es ist dem Text offenbar wichtig, darauf hinzuweisen, dass Ali in der Karikatur auch die „Verstrickung zwischen diversen arabischen Regimes und dem israelischen Militär“ anprangere.

          Aus diesen Erläuterungen gehe hervor, was ja schon vorher immer wieder gesagt wurde: dass es hier nur gegen das israelische Militär gehe, gegen die Besatzung, nicht gegen „Juden ,als solche‘“. Man werde die Broschüre also auch weiterhin zeigen: „Es kommt für uns nicht in Frage, ein Dokument aufgrund seines Inhalts und der in ihm zum Ausdruck kommenden politischen Ansichten zu zensieren . . .“

          Und so ist dieser Text nicht nur die Fußnote zur Entstehungsgeschichte der Broschüre – sondern zugleich ein Kommentar zu ihren Kritikern. Dass die Ersten, denen die Bilder aufgefallen sind, die sich daran gestört und die Sache der Geschäftsführung mitgeteilt haben; dass also die ersten Kritiker dieser Bilder jüdische Besucher waren, die nicht fassen konnten, was da, siebenundsiebzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus, in Deutschland ausgestellt wird: Das ist der Kuratorengruppe keine Zeile wert.

          Was Antisemitismus ist, wissen Nichtjuden am besten. Und wenn Juden das anders sehen, bittet man sie nicht um Entschuldigung. Sondern fühlt sich vom Antisemitismusvorwurf bedroht.

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