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Offener Brief von Ruangrupa : Die schlechtesten deutschen Sitten

Netzwerk Kunstfreiheit: Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa hat die Teilnehmer der Documenta 15 ausgewählt und wehrt Antisemitismusvorwürfe routiniert ab. Bild: Gudskul

Wo ist hier der Blick von außen? Die Documenta-Kuratoren des indonesischen Kollektivs Ruangrupa kommentieren die Antisemitismusvorwürfe in perfektem Bürokratendeutsch.

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          ­Wir nehmen Bezug auf, be­hal­ten uns vor, dürfen noch einmal daran erinnern, verwahren uns in aller Deutlichkeit, er­klä­ren vorsorglich, können nicht verstehen: Willkommen in Deutschland! In diesem Stil wird in diesem Land gestritten; man ist sogar stolz darauf und nennt es Streitkultur. Wenn es um etwas Ernstes geht im öf­fentlichen Raum, um Zutritt, Gleich­behandlung und Rederechte, ist die bevorzugte Textsorte, egal ob offener Brief, Aufruf oder Appell über dem Elaborat steht, die Eingabe. Beflissen imitieren die Wortführer der Zivilgesellschaft den Duktus der Bürokratie; die allgemeinen Phrasen zeigen, dass sie für die Allgemeinheit zu sprechen meinen. Stilkritisch betrachtet, ist ef­fek­ti­ve Rechthaberei ein strenger Formalismus: Mit der inhaltlichen Er­ör­te­rung darf man gar nicht erst an­fangen. Selbstdisziplin ist geboten und hat Kosten: Schnell klingt man irritiert.

          Ruangrupa, das Kollektiv aus In­do­ne­sien, dem die Auswahl der Künstler für die fünfzehnte Documenta anvertraut worden ist, fühlt sich im deutschen Kulturbetrieb ausgegrenzt, noch bevor die Kasseler Weltkunstschau eröffnet hat. Aber wer den überlangen offenen Brief in der „Berliner Zeitung“ liest, mit dem die Documenta-Leiter erläutern, warum sie ei­ne Gesprächsreihe über Antisemitismus und verwandte giftige Themen ab­gesagt haben, macht eine fast so bö­se Entdeckung wie im geflügelten Wort Lichtenbergs der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte: Sie gehören dazu.

          Den formelhaften Antisemitismusvorwürfen antworten sie mit ebenso formelhaften Gegenklagen. Als hätten sie seit Jahren die Mitteilungen des Vereins Deutsche Sprache abonniert, treffen sie den unguten Ton der im Behördendeutsch abzufassenden Beschwerde fehlerfrei. Pro-forma-Konzessionen inklusive: „Wir begrüßen den Brief des Zentralrats als Beitrag zur öffentlichen Debatte und nehmen die darin geäußerten Sorgen ernst.“ So bedankt sich auch Kardinal Woelki für die Be­schlüs­se des Synodalen Wegs. Und so verteidigt auch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit die Rednerauswahl seiner Tagungen: „Die Kritik an der ausgewogenen Zusammensetzung der geplanten Panels und ihrer Themensetzung lehnen wir daher entschieden ab.“

          Dass in Kassel etwas aufbrechen könnte in der deutschen Debatte über Israel und die sogenannte Israelkritik, durch Einmischung von außen und dank der Autonomie der Kunst, das schließen die Kuratoren selbst jetzt vorauseilend förmlich aus. Den deutschen Autoritäten „bleibt nur noch Diskursverwaltung“, lautet der Be­scheid aus der Kasseler Amtsstube.

          Ob man sich dort in der Kaffeeküche wenigstens diebisch freut über die eigene Kunstfertigkeit, die Perfektion der kulturellen Aneignung der schlech­testen deutschen Sitten? Wahrscheinlich nicht. Der Lakonismus der passiv-aggressiven Phantasielosigkeit ist einfach zu authentisch. „Das nehmen wir zur Kenntnis.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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