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Kassels Documenta-Institut : Im Herzen der Stadt oder wo sonst?

Der Schriftzug „documenta“ steht auf einer Fensterscheibe des Documenta-Archivs, das den Grundstock des künftigen Documenta-Instituts bildet. Dienstagabend ist in einem Bürgerdialog in Kassels Documenta-Halle vehement über den Standort des neuen Großprojektes mit 6500 Quadratmetern Ausstellungs- und Archivfläche diskutiert worden. Bild: dpa

Das Geld ist da, fehlt nur noch die Entscheidung für den geeignetsten Standort: Kassels Bürger streiten engagiert über die Lage ihres künftigen Documenta-Instituts.

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          Etwas Balsam auf die Brandblasen kam erst gegen Ende der gut drei Stunden Bürgerdialog Dienstagabend in der Kasseler Documenta-Halle, wo hitzig über den künftigen Standort des Documenta-Instituts diskutiert wurde: Sabine Schormann, die Geschäftsführerin der alle fünf Jahre stattfindenden Weltkunst-Schau, verkündete, der Documenta-Teilnehmer der ersten Stunde, Bazon Brock, habe dem Institut seinen kompletten Vorlass überantwortet.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Institution, die noch nicht einmal gebaut, schon beschenkt wird, muss etwas Bedeutendes sein, mit offensichtlich erheblicher Außenwirkung. Und tatsächlich ist erklärtes Ziel, dass jeder jederzeit auch zwischen den Ausstellungen die Geschichte dieser Institution nachvollziehen kann, sich noch einmal seine erste oder liebste Documenta mit ausgewählten Bildern und Archivalien vor Augen führen oder auch zur nicht unbelasteten Frühgeschichte der Ausstellung in der Nachkriegszeit mit neun ehemaligen Parteimitgliedern (F.A.Z. vom 4. Februar) forschen kann – wann wäre die Notwendigkeit für ein solches Institut so offensichtlich gewesen wie gerade jetzt?

          Kassel würde mit seinem Markenzeichen Documenta entsprechend auch zwischen den Schauen international ausstrahlen, Besucher anziehen, das Institut die Stadt beleben. Soweit die Positiva.

          Luxusproblem oder verbaute Chance?

          In der Realität ist es nicht ganz so einfach. Zwar hat Kassel das „Luxusproblem“ – wie es gleich mehrmals an diesem Abend bezeichnet wurde –, dass die Stadt von siebzehn möglichen Standorten immer noch über drei realisierbare, teils sogar stadteigene und nicht erst teuer anzukaufende Grundstücke verfügt, auf denen die 6500 Quadratmeter Bruttogeschoßfläche des Instituts in vier oberirdischen und zwei Kellergeschossen unterzubringen sind. Auch die Finanzierung von 31 Millionen Euro durch Bund, Land und ein relativ entspanntes Stadtsäckel ist gesichert. Während der Standort Papinplatz hinter dem Documenta-Ort Ottoneum vergleichsweise wenige Befürworter hat, wäre am zweiten Favoriten Wilhelmshöher Allee 2-4 am nördlichen Torhäuschen sogar Stadtreparatur möglich, obschon auf einem Grundstück des Landes und gleichsam in der zweiten Reihe. Doch das Institut, so sagen Gegner dieser Lösung, wäre dann in den Hang gebaut und etwas versteckt.

          Das kann man vom dritten Standort, der von der Kasseler Stadtregierung favorisiert wird, nicht sagen, im Gegenteil: Der stadteigene Parkplatz auf dem Karlsplatz liegt wenige Minuten vom Friedrichsplatz entfernt, wo traditionell das Herz der Documenta schlägt. Am 9. Dezember letzten Jahres aber ging der Standort auf einer Sitzung des Magistrats wegen einer fehlenden Stimme nicht durch. Zudem gibt es eine „Initiative Karlsplatz“ gegen den Standort, weil insbesondere die Händler dort bei einer Bauzeit von circa drei Jahren und dem Wegfall der Parkplätze Umsatzeinbußen und die Anwohner eine Verschattung ihrer Wohnungen befürchten. Es blieben bei der vorgesehenen Blockrandbebauung des Instituts in der Platzmitte immerhin sechzehn Meter zu den umstehenden Häusern, was der historischen Situation des erst seit dem Krieg leergebombten Karlsplatzes im Sinne einer „Stadtreparatur“ entspricht – also doch ein Luxusproblem weniger Anrainer?

          Ein Haufen Klötzchen inmitten des Karlsplatzmodells

          Gerechterweise ist zu sagen, dass auf dem Bürgergespräch, das sich in drei als Parcours abschreitbare Themenfelder eines 1:20-Modell der Fassaden rings um den durch zwei Dutzend graublauer Blöcke von den etwa 250 Anwesenden bebaubaren Karlsplatz, einer intensiven Pro-und-Contra-Diskussion der drei Standorte sowie einer Generierung weiterer offener Fragen gliederte, die Befürchtungen der Karlsplatz-Gegner nicht völlig zerstreut werden konnten. Das Volumenmodell, das da in Form der Pappklötze gedreht und gewendet wurde, wirkte unverhältnismäßig mächtig. Einer der Bürger stellt in seiner Verzweiflung über die monströse Größe kurzerhand die Klötze hochkant – kurzes Aufatmen der Beistehenden, aber baulich nicht zu realisieren. Die wenigen Euro mehr für semitransparente Durchfensterung oder bauliche Binnengliederung durch Vor- und Zurückspringen andeutende Kuben, die nicht schon durch ihre gräuliche Einfärbung massiven Beton signalisieren, hätte die Stadt aufbringen sollen, auch wenn über die bauliche Gestaltung vor Entscheidung der Standortfrage nichts gesagt werden kann.

          Auf dem abschließenden Podium, bei dem neben Schormann unter anderem auch Baudezernent Christof Nolda und Kulturdezernentin Susanne Völker mit Städtebau-Professoren der Universität Kassel von einer Moderatorin befragt wurden, war der Beifall von Gegnern und Befürwortern des Karlsplatzes teils ausgeglichen. Dass Nolda, als treibende Kraft des Projekts die Ergebnisoffenheit dieses demokratischen Abendforums eigens betonen musste – wiederholt unterbrochen von wütenden und dies bezweifelnden Zwischenrufern – gibt dann doch zu denken.

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