https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/documenta-antisemitismus-experten-protestieren-18216303.html

Documenta-Debatte : Antisemitismus für Anfänger

Besucher auf der Documenta betrachten ein Video Bild: Stefan Boness/Ipon

Ein Gremium von Experten soll den Antisemitismus auf der Documenta untersuchen; zu melden haben die Wissenschaftler aber nichts. Wie wäre es, wenn man einfach jüdische Besucher fragte?

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          Es braucht kein Forschungssemester, wenn man Antisemitismus erkennen will – nicht dann jedenfalls, wenn es um die Zeichnung eines kleinen, hässlichen, hakennasigen Mannes geht, der einen Tritt in den Unterleib bekommt. Und der, damit erst keine Missverständnisse entstehen, noch einen Davidstern auf der Kopfbedeckung hat. Der höflichere Teil der deutschen Gesellschaft hat sich längst darauf geeinigt, dass die Begriffe, Bilder, Rollenklischees, die zum Beispiel von Afrodeutschen als Beleidigung oder Herabwürdigung empfunden werden, aus dem öffentlichen Raum entfernt werden sollten – ohne dass man die Betroffenen mit langatmigen begriffsgeschichtlichen oder kunsthistorischen Erläuterungen nervt, die so eine Beleidigung doch nicht lindern würden. Man sagt das N-Wort nicht; das ist ein Frage der Umgangsformen.

          Künstler unter Generalverdacht

          Umso erstaunlicher ist die Ratlosigkeit des Interims-Chefs der Documenta, Alexander Farenholtz, angesichts der vor Kurzem aufgetauchten Zeichnungen. Er sei kein Antisemitismus-Experte, er könne dazu nichts sagen. Ja, muss man ihm da antworten, das mag schon sein: Aber wie schwierig wäre es, Meron Mendel zu fragen oder die Leute von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus oder die Werteinitiative jüdisch-deutsche Positionen. Jüdische Besucher geben gerne Auskunft. Wenn Rassismus das ist, was nichtweiße Menschen beleidigt: Wie viel Forschung muss dann betrieben werden, wenn Juden sich beleidigt und verhöhnt fühlen – ausgerechnet in Deutschland, wo der feinsinnigen Hinweis darauf, dass das algerische Magazin, das die Bilder einst druckte, in Algerien ganz anders gelesen werde, als Entschuldigung nicht taugt.

          Wenn jetzt ein – tatsächlich sehr kompetent besetztes – wissenschaftliches Gremium den Antisemitismus auf der Documenta untersuchen soll, muss man das wohl als einen Versuch der Geschäftsführung werten, die Verantwortung so lange hin und her zu schieben, bis es keiner mehr gewesen ist. Der Auftrag ist eher unbestimmt definiert; die Wissenschaftler waren kaum benannt, da merkten sie schon, dass sie nichts zu melden haben. Und protestierten, zu Recht. Derweil kursiert ein Brief, den viele der an der Documenta teilnehmenden Künstler unterschrieben haben. Und in dem sie sich beklagen, dass eine Untersuchung sämtlicher Werke und Künstler eine Vorverurteilung und eine Respektlosigkeit sei. Was aus ihrer Sicht nur verständlich ist: Man lädt nicht Künstler ein, die man dann unter Generalverdacht stellt. Das Dilemma ist unauflösbar – wer sich mit dieser Documenta einlässt, wird beschädigt: Die Deutschen stehen als Zensoren da, die Künstler aus dem Süden werden den Antisemitismusverdacht nicht los. Und die jüdischen Besucher haben Bilder gesehen, wie es sie seit 77 Jahren hier nicht mehr zu sehen gab, nicht in einem solchen Rahmen jedenfalls. Diese Documenta ist wohl nicht mehr zu retten.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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