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Skandal bei der Documenta : Antisemitisches Bild wird entfernt

  • Aktualisiert am

Aktualisierte Judensau: Banner des Kollektivs Taring Padi Bild: Meron Mendel

Das antisemitische Wandbild des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wird abgehängt. Zuvor hatte es für massive Kritik gesorgt.

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          Das antisemitische Bildelemente enthaltende Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wird abgehängt. Das teilte die Documenta-Leitung am Dienstagnachmittag mit. Die Entfernung des Werks sei überfällig, erklärte Kulturstaatsministerin Claudia Roth in einem Statement. Antisemitismus dürfe auf der Documenta wie insgesamt in der Gesellschaft keinen Platz haben. Die Entfernung sei allerdings nur der erste Schritt: „Es muss aufgeklärt werden, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass das Wandbild dort installiert wurde.“

          Zunächst hatte das für die Arbeit „People's Justice“ verantwortliche indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung nur entschieden, das Banner am Kasseler Friedrichsplatz zu verdecken und eine Erklärung dazu zu installieren.

          Taring Padi erklärten, ihr Werk stehe „in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung“. „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen“, heißt es in der Erklärung vom Montagabend.

          „Eine rote Linie überschritten“

          Vertreter jüdischer Organisationen und der Politik hatten das Banner deutlich kritisiert. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte die Verantwortlichen der Documenta aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Eine rote Linie sei überschritten. Einem Medienbericht zufolge wurde inzwischen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

          Der Verein Werte-Initiative – Jüdisch-deutsche Positionen hatte erklärt, auf dem fraglichen Werk werde „ein Jude vampirartig mit Schläfenlocken, Reißzähnen, Schlangenzunge, blutunterlaufenen Augen und einer SS-Rune auf dem Hut gezeichnet. Ein mit jüdischem Davidstern bildhaft dargestellter Mossad-Agent wird durch ein Schweinsgesicht charakterisiert“, so die Werte-Initiative. Deren Vorsitzender Elio Adler sprach von „klassische(m) Antisemitismus unter staatlicher Förderung“, einem „absolute(n) Dammbruch“ und „offene(m) Judenhass“.

          Antisemitische Stereotype wie im „Stürmer“: Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz
          Antisemitische Stereotype wie im „Stürmer“: Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz : Bild: dpa

          „Entsetzt über blanken Judenhass“

          Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, zeigte sich „entsetzt über den blanken Judenhass“, der sich in dem Bild zeige. „Personen mit Schläfenlocken und SS-Runen, dazu ein Schweinekopf mit der Aufschrift ,Mossad': Das ist derart plump und so unzweideutig antisemitisch, dass man sich fragt, wozu es all die Gesprächsreihen und die langen Debatten im Vorfeld der Documenta wirklich gebraucht hat, wenn am Ende trotzdem mitten in Kassel ein solches Bild gezeigt werden kann.“

          Den am Montagabend zunächst angekündigten Schritt, das Gemälde teilweise zu verdecken und zu „kontextualisieren“, kritisierte Knobloch als „absurd“. Das „Allermindeste“ sei es, dass die Verantwortlichen die antisemitische Bildsprache vollständig aus dem öffentlichen Raum entfernen. Dies sei auch im Interesse der übrigen Künstler, sagte sie.

          Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Volker Beck, hat einem Medienbericht zufolge die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Beck sagte zur „Bild“-Zeitung: „Gemessen an den Maßstäben des Urteils des Bundesgerichtshofs zur Wittenberger ,Judensau' stellt das Werk des Künstlerkollektivs Taring Padi einen rechtsverletzenden Zustand dar.“ Durch die Darstellung von „Juden- und Mossad-Säuen“ werde unmittelbar auch der Geltungs- und Achtungsanspruch eines jeden in Deutschland lebenden Juden angegriffen. „Die Identifizierung eines Juden mit Kippa und Hut, markiert mit einer SS-Rune, verteufelt Juden generell.“ Er habe sich entschieden, „die Sache der Staatsanwaltschaft in Berlin und Kassel zur Prüfung vorzulegen“, sagte Beck.

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