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Kolumne „Bild der Woche“ : Apokalyptische Fotos aus dem Asow-Stahlwerk

  • -Aktualisiert am

Eine Collage von Bildern von Dmytro Kosatskij, des letzten Fotografen im Werk Asow-Stahl von Mariupol Bild: Надія Сухорукова/Facebook

Eine Collage von Dmytro Kosatskij: Er ist der letzte Fotograf im Asow-Stahlwerk von Mariupol. Viele Ukrainer posten und re-posten solche Collagen im Moment, in der Hoffnung, dass es die Überlebenschancen der Verteidiger gegen die russischen Aggressoren erhöht.

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          Diese jungen Menschen sterben online. Seit Wochen sehen wir ihre Aufrufe in Netzwerken, ihre Fotos aus den Kellern von Asow-Stahl, dem kolossalen Stahlwerk von Mariupol, das allein 5 Prozent des ukrainischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet hat.

          Die Stadt ist zerstört. Das Werk liegt in Trümmern, auf einem Territorium von elf Quadratkilometern, eine kleine Stadt für sich, die auf dem Bild wie ein blutiges Herz aussieht. Das Blut fließt ins Meer. Asow-Stahl hat 34 Bunker, zwanzig Kilometer lange mehrstöckige Tunnels, die bis zu 12.000 Menschen Schutz bieten können.

          Eine moderne industrielle Bühne für eine antike Tragödie. Wir sehen hier ihre letzten Helden gegen ihr Verhängnis ankämpfen. „Die Apokalypse ist hier“, sagt schlicht einer der Kämpfer, und dann, nach dem Sieg einer ukrainischen Band beim Eurovision Song Contest, fallen dort Phosphor-Bomben. Ich versuche, nicht daran zu denken, aber ich denke die ganze Zeit daran, bei allem, was ich tue.

          Asow-Kämpfer sollen vom Gefangenenaustausch ausgeschlossen werden

          Anfang der Woche sind über 250 verletzte Soldaten aus Asow-Stahl als Kriegsgefangene in die von Russland kontrollierten Gebiete gebracht worden. Ein Austausch wäre der einzige Weg, um ihr Leben zu retten. Aber die russische Staatsduma bereitet in ihrem Furor ein Gesetz vor, um diese Gefangenen als „Nazi-Verbrecher“ zu deklarieren und vom Austausch auszuschließen.

          Es wird sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe gefordert. Heißt das, dass wir hier den „Abschied“ von diesen Menschen sehen? Ihren Tod online beobachten müssen? Vor Kurzem begannen sie, sich von ihren Liebsten zu verabschieden. „Vergesst uns nicht!“, tauchte immer wieder in den Netzwerken auf.

          Ihre Augen sind weich, müde, schwer, tief und erstaunlich friedlich. Nur die junge Frau, Katja, 21 Jahre, ist etwas heiter. Aber wann ist dieses Foto gemacht worden? Ihr Spitzname ist Ptaschka – Vögelchen –, sie ist eine Sängerin und Schauspielerin aus Ternopil, Bikerin, zielstrebig, lustig, vor dem Krieg hat sie Medizin studiert und ist nun Sanitäterin.

          Was genau bedeutet das an einem Ort, an dem es kein Essen, kaum Wasser, keine Betäubungsmittel gibt und die Verwundeten „verrotten“ und alle nach Aceton stinken? Es gibt ein Video, in dem sie singt und ihr Handy einen kleinen Fleck um sie herum erleuchtet, alles andere liegt in der Dunkelheit. Ich schreibe und weiß nicht, ob Ptaschka noch lebt, ich schreibe und glaube an Wunder, weil es mein Anteil am Re-post gegen den Tod ist, ich kann mir Ptaschkas Witze darüber vorstellen.

          Diese Collage besteht aus Fotos von Verwundeten, eine von Dmytro Kosatskij gemachte Serie, des letzten Fotografen in Asow-Stahl, wir sehen jedoch ihre fehlenden Beine und Finger nicht. Einige Bilder sind Selfies oder aus Screenshots von Videos herauskopiert, wie das Foto von Denis Prokopenko, einem Oberleutnant, mit geschlossenen Augen. Sogar er erklärte ihre Mission für erfüllt: Sie haben mehr als achtzig Tage lang Mariupol verteidigt und einen großen Teil der russischen Truppen hier gebunden. Jetzt müssen sie nur noch überleben.

          Hashtag #saveazovstahl

          Wir sehen hier sehr unterschiedliche Menschen. Einer ist aus der Marine­infanterie. Der andere wollte Hundetrainer werden, der Dritte hat Archäologie studiert, alle haben Pläne für das Leben gehabt. Die Google-Bildersuche ordnet dieses Bild unter „Hair design“ ein, wie aus einer parallelen Realität, aber es ist gar nicht so dumm, denn sie sind hübsch und nicht für den Krieg geschaffen. Es gibt zahlreiche Kollagen dieser Art, in Farbe, in Schwarz-Weiß, auch von der verzaubernden Ptaschka, in rotem Kleid im Konzertsaal, mit Hashtags wie #savemariupol, #saveazov, #saveazovstahl, #extraction_of_the_military_of mariupol.

          Solche Collagen kreisen nun im Netz, denn was bleibt? Viele Ukrainer posten und re-posten sie, mit der Hoffnung, dass diese Multiplikation Millionen von Menschen erreicht und die Überlebenschance der Verteidiger erhöht, als würden diese im Netz kreisenden Gesichter dadurch einen magischen Schutz, sogar eine Rettung erfahren. Ist es ein Flehen? Ein Schrei nach Hilfe an alle? Ins All?

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