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Diversität deutscher Bühnen : Wem gehört die Kunstfreiheit?

Yasin El Harrouk ist auch in Oscar Roehlers Film „Herrliche Zeiten“ der Gangster. Bild: Concorde Filmverleih GmbH

Kann die Repräsentanz von Minderheiten ein Argument für oder gegen eine Theaterinszenierung sein? Über kulturelle Aneignung wird inzwischen auch an deutschen Bühnen heftig gestritten.

          Einmal hat sich Yasin El Harrouk selbst diskriminiert. Vor einer Theaterprobe wartete er am Bahnhof von Basel auf den Zug nach Stuttgart. Es war spät und dunkel, am Gleis stand nur eine alte Dame, die sich immer wieder nach ihm umblickte. Also ging er hin und sprach sie an. Er wisse, sie seien nur zu zweit, aber sie brauche wirklich keine Angst vor ihm zu haben. El Harrouk erinnert sich, wie sie die Stirn runzelte und erwiderte, er sei ihr lediglich bekannt vorgekommen. Ob sie ihn wohl schon einmal im Fernsehen gesehen habe?

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          El Harrouk ist ein aus Marokko stammender Schauspieler mit dunklen Haaren und buschigen Augenbrauen. Wenn er spricht, schwingt das Schwäbisch mit, das er in Stuttgart gelernt hat. Als das dortige Staatstheater vor zehn Jahren nach jugendlichen Migranten für das Stück „Wut“ suchte, meldete sich El Harrouk, er war gerade fertig mit der Hauptschule und auf Jobsuche. Seitdem hat er eine Schauspielschule besucht, auf deutschen und Schweizer Bühnen gestanden und im „Tatort“ mitgespielt. Er ist der Araber, der Flüchtling, der Dealer oder Gangster. Seine einzig authentische Rolle ist eine selbstgewählte: die des Rappers Yonii, der auf Youtube millionenfach geklickt wird. „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt El Harrouk.

          Rassistischer Klamauk

          Während der deutschen Theaterferien entzündete sich in diesem Sommer in Kanada eine Debatte über kulturelle Aneignung: In „Kanata“ wollte der Regisseur Robert Lepage den Umgang seines Landes mit seinen Ureinwohnern behandeln, in „SLAV“ an die Sklaverei erinnern. Proteste von Ureinwohnern und Afroamerikanern verhinderten die Aufführungen, die als respektlos und unsensibel empfunden wurden. Zu wenige Angehörige der Minderheiten seien beteiligt gewesen, hieß es. Wenige Wochen nach dem Beginn der Bühnensaison ist die Debatte auch in Deutschland angekommen: In Wuppertal bewerteten Kritiker die Premiere der Franz Lehár-Operette „Land des Lächelns“ am vergangenen Wochenende als rassistischen Klamauk: Sie zeige herabwürdigende Karikaturen von Chinesen und sende die Botschaft „Lass dich nicht mit Fremden ein“. Intendant Berthold Schneider hielt dagegen, die Inszenierung amüsiere sich nicht nur über die Pekinger, sondern auch die Wiener Hofgesellschaft.

          Schuld sind immer die Chinesen? Der Wuppertaler Inszenierung von „Land des Lächelns“ wird vorgeworfen, eigentlich überwundenen rassistischen Klamauk zu zeigen.

          Seit etwa zwei Jahrzehnten wird die von den Postcolonial Studies ausgehende Theorie einer illegitimen Aneignung der Kultur von Minderheiten an Universitäten behandelt. In Nordamerika hat sie inzwischen nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch den Alltag der Menschen erreicht. Anekdoten wie die von zwei Amerikanerinnen, die ihr Burrito-Restaurant schlossen, weil man ihnen vorwarf, aus der fremden Kultur Profit zu schlagen, und Berichte von neuerdings unerlaubter exotischer Mode klingen zunächst einmal grotesk. Der Anspruch auf individuelle Freiheiten scheint der Repräsentanz von Minderheiten auf einmal wie ein unauflöslicher Widerspruch gegenüberzustehen.

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