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Literaturfestival Berlin : Das tosende Glucksen im Wasserglas

Die Autorin Ottessa Moshfegh, zugeschaltet auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin Bild: Ali Ghandtschi / Internationales Literaturfestival Berlin

Erst auf der Live-Bühne werden aus erwartbaren Debatten aufregende Events: Beobachtungen vom Internationalen Literaturfestival Berlin.

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          Inzwischen sind wir im täglichen Leben so sehr an Bildschirmkommunikation und miese Tonqualität gewöhnt, dass man aufatmet, endlich wieder richtige Gespräche auf der Bühne zu erleben. Selbst was im Programmheft des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) nach einer von einverstandenem Nicken begleiteten Feier von „Wokeness“ und postkolonialem Denken aussah, erwies sich in den Livediskussionen als vielstimmig und differenziert. Es kann eben doch vieles gesagt werden, ohne dass die Wände einstürzen, und nicht alle denken dasselbe. Der umstrittene Fall der Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht „The Hills We Climb“ ins Niederländische, als sich die weiße Autorin Marieke Lucas Rijneveld auf öffentlichen Druck vom Übersetzungsauftrag zurückzog, weil sie keine „person of color“ ist, gilt inzwischen als falsches Zurückweichen. Die Erkenntnis: Argumente relativieren persönliche Empfindungen. Und es wäre fatal, literarische Kriterien zu opfern, nur um dem Shitstorm auszuweichen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ein Abend in der Reihe über Misogynie und weibliches Empowerment mit dem Titel „Words of Love and Hate“ wird in Erinnerung bleiben. Drei Autorinnen, klug moderiert von der Journalistin Eliza Apperly, dachten darüber nach, was es mit Macht, Frauenhass und weiblichen Selbstbildern auf sich hat. Das Wort „Schuld“ – etwa der Männer – fiel dabei nicht. Selbstverständlich habe sie in ihrer Jugend den Kaffee serviert, nicht ihre Brüder, erzählte Jagoda Marinić aus ihrer kroatischen Jugend. Priya Basil, Britin mit indischen Wurzeln und Autorin des Buches „Im Wir und Jetzt: Feministin werden“, wusste ebenfalls von typischen Kindheitserniedrigungen zu berichten, und plötzlich spielte der Kontinent keine Rolle mehr. Die Amerikanerin Maaza Mengiste wiederum, deren Romane von der Welt ihrer äthiopischen Vorfahren handeln, ergänzte: „Mir wurde schon früh gesagt, meine Stimme sei zu laut, Mädchen sollten in der Öffentlichkeit zurückhaltender sprechen.“

          Universalität der Herabsetzung

          Es war ein Erfahrungsaustausch auf der Bühne, keine Therapiesitzung. Danach folgten Überlegungen, wo man den Hebel ansetzen könne. Aber so ganz genau weiß das niemand. Die Universalität der Herabsetzung, unabhängig von der geographischen Herkunft, und die Wiederkehr patriarchaler Muster haben etwas besonders Bedrückendes, wenn man außerhalb von Schlagworten über sie als das Erwartbare nachdenkt. Vielleicht ist das einzige Mittel tatsächlich, das gemeinsame Sprechen darüber zu strukturieren und zum normalen Gegenwartsgeräusch zu machen.

          Für diesen gesellschaftlichen Austausch ist das Internationale Literaturfestival Berlin mit Autoren aus 47 Ländern zehn Septembertage lang eine einzigartige Gelegenheit. Selbst der Standortwechsel vom gutbürgerlichen Charlottenburg in ein Kulturquartier im struppigen Wedding hat seinen Sinn: Das Publikum ist im Schnitt zehn bis fünfzehn Jahre jünger geworden und damit offen für die lange Liste von Namen, die noch nicht so bekannt sind. Auch eine der Erfolgsautorinnen, Ottessa Moshfegh, erzählte als zugeschalteter Gast ganz so, als hätte sie gerade erst angefangen: Sie leide, wenn sie nicht schreibe, werde unausstehlich. Kreativität heißt Ausweglosigkeit.

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