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Verheiratete Priester : Was heißt hier, man soll mit dem Zölibat nicht spielen?

Priesteranwärter liegen während ihrer Weihe als Zeichen der Demut bäuchlings. In Zukunft könnten auch verheiratete Männer dazugehören. Bild: dpa

Du kannst eine Göttin neben dir haben: Ein wegweisender Vorstoß, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, führt zu Diskussionen um den Zölibat. Die Knappheit an Priestern macht Reformen notwendig.

          3 Min.

          Unter den Abwehrreaktionen gegen eine Lockerung des Pflichtzölibats für katholische Priester sind aus jüngster Vergangenheit zwei zu nennen, die zu den sympathischeren gehören. Sie sollen gleich geschildert werden. Und wie sieht es auf der Gegenseite aus? Unter den theologisch durchdachten, nicht bloß lebensweltlich gefühlten Vorschlägen, doch auch verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, sticht einer hervor. Er wurde soeben öffentlich und will den Zölibat beibehalten, ihn aber nicht für Diakone zwingend machen, so sie Priester werden möchten.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Beginnen wir mit den zwei sympathischen Reden gegen die Aufhebung des Pflichtzölibates. Die erste stammt von Walter Kardinal Brandmüller, einem ausgewiesenen Kirchenhistoriker und von 1998 bis 2009 Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft. Ihm platzte im Jahre 2011 der Kragen, als acht CDU-Politiker sich mit einer Petition an die deutschen Bischöfe gewandt hatten, in der sie für Änderungen der Zölibatspraxis plädierten. Moment mal, sagte der Kardinal. Gilt in Deutschland nicht die Trennung von Kirche und Staat? Und er schrieb den Unionspolitikern einen offenen Brief, dem es an Deutlichkeit nicht mangelte: „Da Sie sich mit Ihrer Antizölibatsinitiative an die Öffentlichkeit gewandt haben, bedarf diese auch einer öffentlichen Antwort. Sie besteht zunächst in einer Frage: Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?“

          In diesem offenherzigen Ton ging es weiter. Karl Kardinal Lehmann, seinerzeit Chef der Deutschen Bischofskonferenz, standen wegen Brandmüllers Brief die Haare zu Berge. Bis zur Grenze der Selbstverleugnung suchte Lehmann sogleich die Scherben zwischen Kirche und Staat wieder zu kitten, indem er den „acht verdienstvollen CDU-Politikern auf Bundes- und Landesebene“, die an „ein solch unerledigtes Thema“ erinnerten, sein Vertrauen aussprach und glaubhaft versicherte, sich „wegen des Tons geschämt“ zu haben, den Brandmüller da angeschlagen hatte.

          Andere Zugänge zum Priesteramt denkbar

          Die zweite sympathische Rede gegen die Lockerung des Zölibats ist kurz und knapp und stammt von dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er verwahrte sich gegen den Pragmatismus, ja Utilitarismus, mit dem hier das quantitative Argument der Knappheit (von Priestern) qualitative Weihen erhalte. Die Gleichung „Lockerung oder Abschaffung des Zölibats gleich steigende Priesterzahl“ gehe im Übrigen ohnehin nicht auf, erklärte Woelki. Allein „der Blick auf andere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften, die eine Zölibatsverpflichtung so nicht kennen“, belehre, dass dieser Gleichung ein Analysefehler zugrunde liege. Man könnte vermutlich hinzufügen, dass Knappheit auch stets davon abhängt, wie man den Bedarf definiert. Warum soll den immer weniger werdenden Gottesdienstbesuchern nicht zuzumuten sein, Mobilität zu beweisen und längere Anfahrten in Kauf zu nehmen?

          Womit wir zu dem aktuellen Vorschlag kommen, der auch verheiratete Männer zu Priestern weihen möchte: „Danach soll die Verbindung von Priesteramt und Zölibat im Prinzip beibehalten, zugleich aber geprüft werden, ob neben unverheirateten, zölibatär lebenden Kandidaten auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden können. Es besteht kein Zweifel, dass die katholische Kirche die Freiheit dazu besitzt, wenn dies aus pastoralen Gründen geboten erscheint“, schreiben die Autoren des Vorschlags, der Freiburger Theologie-Professor Helmut Hoping und Philipp Müller, dessen Kollege an der Universität Mainz, in einem Beitrag für die theologische Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ (Heft 3, 2017). Hoping und Müller erinnern daran, dass es für den Zölibat zwar gute theologische Gründe gebe, dass hier aber kein Dogma vorliege, welches andere Zugänge zum Priesteramt kategorisch ausschließen würde.

          Kirche mit leichtem Gepäck

          In diesem Sinne vertreten sie eine Variante der „Viri probati“-Debatte, also der Diskussion darüber, ob auch sogenannte bewährte Christen, die im Beruf stehen, verheiratet oder nicht, zu Priestern geweiht werden können. Ja, sagen Hoping und Müller, sofern diese Christen schon eine Weile als Diakone gearbeitet haben. Den Spielraum der kirchlichen Tradition in dieser Frage nutzend „plädieren wir dafür, Männer aus dem Kreis der ständigen Diakone, die Teil des einen sakramentalen Ordo sind, unter bestimmten Bedingungen mit Dispens vom Weihehindernis der Ehe die Priesterweihe zu spenden (Kanon 1042 des Kirchenrechts).“

          Der Vorschlag sei gerade kein Angriff auf den Zölibat durch die Hintertüre, kein Spiel mit dem Zölibat, wie ihm jetzt gelegentlich etwas frech vorgehalten werde, erklärt Hoping; er wahre die Einheit der sakramentalen Kirchenstruktur. Hoping, selbst ein verheirateter Diakon, gilt unter den hiesigen Theologen als eher konservativ und sorgt mit seinem „progressiven“ Vorstoß nun für Verwirrung im Rechts-links-Schema der deutschen Kirchenpolitik. Dabei wirkt seine Initiative weitsichtig in jeder Hinsicht: Nicht nur ein volles Theologiestudium müssten die Diakone demnach absolvieren, um Priester werden zu können. Vorstellbar sei zudem, dass unter diesen Diakonen auch Priester im Nebenberuf seien, die also hauptberuflich etwas anderes machten: „Priester im Nebenberuf könnten in mittlerer Perspektive von größerer Bedeutung sein. Denn für die Zukunft unserer kirchensteuerfinanzierten Kirche gibt es keine Garantie. Es ist offensichtlich, dass der gesellschaftliche Konsens für dieses Modell bröckelt.“

          Sieht man recht, zeichnet sich in Hopings Vorschlag eine Kirche mit leichtem Gepäck ab, die das Wesentliche ihrer sakramentalen Struktur neu zur Geltung bringt. Es soll ja nicht unchristlich sein, Knappheit für ein Geschenk des Himmels zu halten.

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