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Soziales Netzwerk „Plag“ : Wie man das Netz zivilisiert

Die „Infektionskarte“ zeigt, wie sich eine Botschaft im Netzwerk „Plag“ verbreitet. Sichtbar ist sie allein für den Absender. Bild: Plag

Es ist nie zu spät: Das kleine litauische Start-up-Netzwerk „Plag“ verändert die Debattenkultur, weil es dem Grundsatz folgt, dass Diskussionen weder Nacktbilder noch Hasstiraden brauchen.

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          Was, wenn Mohammed schwul gewesen wäre? Bei Facebook oder Twitter hätte diese Frage leicht einen gehörigen Shitstorm verursacht, beim sozialen Netzwerk Plag hingegen hat sie zu einer Diskussion geführt, die man trotz einiger unsinniger Einwürfe als fruchtbar bezeichnen muss.

          Es sind nicht die reinen Zahlen, die den Blick auf Plag so interessant machen: Das Netzwerk, im November 2014 im litauischen Wald in der Nähe von Vilnius ins Leben gerufen und von Geldgebern aus Litauen und der Schweiz finanziert, hat nach knapp anderthalb Jahren gut eine halbe Million Nutzer. Aber wer verstehen will, wie der Hass im Internet zustande kommt, die ganzen Beleidigungen und Drohungen, mit denen sich Menschen gerade bei heiklen Themen in den großen sozialen Netzwerken gegenseitig überziehen, der kann hier sehen, wie es anders geht. Und woran das liegt.

          Kein Nutzer kann bestimmten, wen die Nachricht erreicht

          Bei Plag steht jeder Nutzer für sich allein, das Netzwerk kennt keine Freunde oder Follower. Während Facebook den Gebrauch des Klarnamens vorschreibt, um anonyme Aggression einzudämmen, müssen Plag-Nutzer nicht einmal ihre Identität mit irgendeiner E-Mail-Adresse bestätigen. Jeder kann seinen Namen ändern, wann und wie er will. Seine Botschaften schreibt er auf sogenannte Karten, die bei Neulingen vier, rasch aber einer wachsenden Zahl anderer Nutzer zugespielt werden, die ebenfalls online und in der Nähe sind.

          Wer die Botschaft empfängt, kann ihr Absender nicht beeinflussen: Ob Gleichgesinnter, Gegner oder Gleichgültiger, jeder entscheidet selbst, ob er die Nachricht, die Frage, das Aperçu wichtig findet, vielleicht sogar diskutabel, ob er sie kommentieren und ob er sie wiederum weiterverbreiten will. Sieben Tage lang sind solche Karten auf diese Weise beweglich, kommentierbar sind sie unbegrenzt. Die Nutzer können die Wege, die ihre eigenen Karten nehmen, auf einer Weltkarte in der Plag-App nachverfolgen - ein Feature, das Neueinsteiger in den Bann schlägt. Alle anderen sehen lediglich den Ort, an dem sie in die Welt gesetzt wurden. Beim Gedankenspiel mit der möglichen sexuellen Orientierung des Propheten war es ein belgisches Örtchen dreißig Kilometer südöstlich von Maastricht.

          Gegensätzlichkeit als gemeinsames Glück

          Der Verfasser muss sich zunächst eine paar Witze gefallen lassen und für seine Frage verteidigen, doch die Diskussion gewinnt schnell an Fahrt, als sie offensichtlich Muslime erreicht, und führt über Details aus dem Leben Mohammeds und Überlegungen der grundsätzlichen Freiheit von Gedankenspielen zur Diskriminierung Homosexueller, zu religiöser Toleranz und dem gesellschaftlichen Einfluss von Religion in den unterschiedlichen Ländern. Ein Nutzer aus Dschidda in Saudi-Arabien erklärt schließlich, dass Muslime wohl auch in diesem Fall dem Ideal Mohammeds nacheifern und womöglich ebenfalls schwul werden wollten: eine Sternstunde des offenen Gedankenspiels. Selbstverständlich finden sich immer wieder geschmacklose Wortmeldungen, immer wieder aber auch substantielle - und verblüffend oft fragen die Nutzer nach oder kommentieren die Beiträge der anderen nicht nur inhaltlich, sondern beurteilen das Argumentationsverhalten des Absenders: Dann wird nach Quellen gefragt und nach Begründungen - oder einfach angemerkt, dass sich hier jemand zurückzieht, sobald seine Meinung in Frage gestellt wird.

          „Das ist eine Sache, die ich selbst bei Plag gelernt habe“, sagt Elisabeth Dietz, Redakteurin beim Netzwerk: „Wenn mich etwas empört, stelle ich am besten eine Frage.“ Schließlich sei es doch eigentlich ein Glück, dass man, statt unter Gleichgesinnten die gemeinsamen Vorurteile zu pflegen, mit Andersdenkenden diskutieren kann - notfalls unnachgiebig und gelegentlich ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, aber im gemeinsamen Interesse an diesem Austausch.

          Andere Netzwerke, andere Sitten

          Sind Impfungen Vorsorge oder Körperverletzung? Ist vegane Ernährung ein Irrweg oder das Gebot der Stunde? Ist der Islam ein Problem oder die Lösung? Es geht hoch her in den Diskussionen bei Plag. Und noch ist das Netzwerk klein genug, um den Grund zu erkennen, wenn sich der Tonfall oder die Themensetzung auffallend ändern. Durch ein Blog wurde Plag im Spätsommer 2015 im arabischen Raum bekannt, und in kürzester Zeit meldeten sich zwölftausend neue Nutzer aus der Region an. Bis zu dem Zeitpunkt, erzählt Elena Arkhipova, sei Plag europäisch und säkular geprägt gewesen. Jetzt hätten neue Nutzer ungewohnte Werte und Glaubensfragen diskutieren wollen. „Es war ein sehr guter Moment“, erinnert sich die Marketing-Managerin, „die Leute hatten auf einmal Gelegenheit, all die heiklen Dinge mit Leuten ,von der anderen Seite‘ zu besprechen. Wir haben diskutiert, nachgefragt und Wege gesucht, uns miteinander zu verständigen.“

          Kurz darauf hatte Google die Android-App auf der Startseite im Play Store plaziert, und die alteingesessenen Nutzer sahen sich vielen Neulingen gegenüber, die mit den Umgangsformen bei Plag noch nicht vertraut waren. „Man konnte ganz gut erkennen, aus welchem sozialen Netzwerk die Leute zu uns gekommen sind“, sagt Elisabeth Dietz: Die Leute mit Twitter-Erfahrung mussten erst lernen, dass Hashtags bei Plag wirkungslos sind, die von Instagram, dass nach einem Selfie nicht etwa Kommentare zu Aussehen und Pose kommen, sondern die Feststellung, man sei wohl neu hier - und Leute von 4chan grundsätzlich daran, dass im Rest des Internets andere Verhaltensregeln gelten als in ihrem gewohnten Netzwerk, in dem Anstößiges gern in hartem Ton verhandelt wird.

          Man brüstet sich nicht vor Gleichgesinnten

          Das ist bei Plag nicht gern gesehen. Dafür sorgen vor allem die Nutzer selbst, dazu die Nutzungsbedingungen und vier Moderatoren. Für die Frage, was bei Plag grundsätzlich erlaubt ist, nennt Elisabeth Dietz ein einleuchtendes Kriterium: „Ein Verbot muss sich lohnen. Wir haben einfach mehr von einem Netzwerk ohne Nacktbilder als von einem voll davon. Sie führen einfach zu keiner intelligenten Konversation. Sie lohnen den Ärger nicht, den man damit hat.“ Jeder gemeldete Verstoß wird geprüft - nicht maschinell, sondern von einem Menschen. Wenn alle Seiten bei einem Schlagabtausch mit härteren Bandagen kämpfen, wird selten eingegriffen. Anders, wenn nur einer beleidigend wird.

          „Oft hilft es, einfach Präsenz zu zeigen und allgemein daran zu erinnern, wie gut es doch ist, sich miteinander austauschen zu können“, sagt Dietz. Manchmal hilft nur eine unmissverständliche Warnung. Und in seltenen Fällen sogar nur, den Querulanten erst einmal für vierundzwanzig Stunden eine Pause zu verordnen.

          Der entscheidende Unterschied zur Hasskultur, wie man sie bei Facebook und Twitter findet, liegt allerdings darin, dass bei Plag jeder allein für seine Meinung einsteht. Das sind keine Freunde oder Follower, die in ihren Timelines angezeigt bekommen, wenn sich einer mit einer Schmähung oder Drohung hervorgetan hat. Hier kann sich niemand mit Ausfälligkeiten vor Gleichgesinnten brüsten, hier stacheln sich nicht Formationen gegenseitig auf, hier kann sich niemand seiner Entourage sicher sein. In seinem Kern ist das soziale Netzwerk Plag „unsozial“, weil jeder auf sich allein gestellt ist. Das ist ein unschätzbarer Vorteil.

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