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Digitalisierung : Die Ruhe der Riesenschildkröte

Anfang in Ländergrenzen: Website von „DigiCult” aus Schleswig-Holstein Bild: igiCult

Seit Google angekündigt hat, die Inhalte großer englischer und amerikanischer Bibliotheken ins Netz zu stellen, tickt die digitale Uhr. Europa lässt sich Zeit bei der Digitalisierung seines Kulturerbes. Verspielt es so die Zukunft?

          3 Min.

          Es ist so einfach: Man nimmt ein Buch oder ein Bild, legt es auf den Scanner, liest es ein und stellt es ins Internet. Und es ist doch so schwierig. Denn das Bild, der Text, das Buch unterliegen dem Urheberrecht, seine Veröffentlichung im Netz ist also honorarpflichtig oder ganz untersagt. Und dann gibt es noch die Zeit- und die Kostenfrage: Ein Buch zu scannen dauert ein paar Stunden. Was aber ist mit zehntausend, hunderttausend Büchern, einer ganzen Bibliothek? Und wer stellt fest, ob ein Buch oder Bild vielleicht schon anderswo digitalisiert wurde, so dass man sich Geld und Mühe sparen kann? Wer bezahlt das Digitalisat, wer verlinkt und vernetzt es, wer bietet es an?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beginnen wir mit einer Zahl. Ungefähr fünf Milliarden Euro, schätzt Angelika Menne-Haritz, die Vizepräsidentin des Koblenzer Bundesarchivs, würde die Digitalisierung ihrer gesamten Archivbestände kosten. Wer diese Zahl, die am Ende einer Berliner Fachkonferenz über „Europas kulturelles und wissenschaftliches Erbe in einer digitalen Welt“ fiel, auf kontinentale Verhältnisse hochrechnet, bekommt eine Ahnung von den Einführungskosten des elektronischen Zeitalters. In Europa gibt es mehr als 30.000 Museen, Bibliotheken und staatliche Archive und zwanzig verschiedene Sprachen. Die Digitalisierung des europäischen Kulturerbes als Sisyphosaufgabe zu bezeichnen wäre untertrieben. Dennoch führt kein Weg an ihr vorbei.

          Braucht man die Erlaubnis überhaupt?

          Denn seit der Suchmaschinenbetreiber Google vor drei Jahren angekündigt hat, die Inhalte von fünf großen englischen und amerikanischen Bibliotheken zu scannen und ins Netz zu stellen, tickt für die Wissens- und Kulturverwalter die digitale Uhr. Das „i2010-Programm“ der EU zur Förderung digitaler Dienstleistungen folgte dem Google-Plan zwar auf dem Fuß, doch seine Umsetzung geht wie gewohnt nur schleppend voran. Dabei läuft den Europäern die Zeit davon. In China und Indien, wo die Personal- und Materialkosten niedriger sind, werden die Bände inzwischen am Fließband gescannt. Allein das Pekinger Unternehmen Superstar hat binnen zwei Jahren 1,3 Millionen chinesische Bücher digitalisiert. Doch auch Bestände westlicher Bibliotheken werden dorthin verschifft, wo sie sich billig in Dateien verwandeln lassen. Insgesamt werden zur Zeit etwa eine Million Bücher pro Jahr in den digitalen Kosmos eingespeist. Aber auch Bilder aller Art und jeder Qualität quellen aus der Tiefe des Internets, viele ohne Genehmigung der Rechteinhaber. Braucht man deren Erlaubnis überhaupt?

          Nein, sagt der Stanforder Jurist Lawrence Lessig, dessen Vortrag der emotionale Höhepunkt dieses zimmerwarmen Expertentreffens war, jedenfalls nicht in dem Ausmaß, in dem die Copyright-Besitzer heute ins Internet hineinregieren. Lessig, der das „Creative Commons“-Projekt zur weltweiten Verbreitung eines eingeschränkten Urheberrechts begründet hat, erblickt in der Zitier- und Kopierwut der Netzteilnehmer die ersten Triebe einer „rewrite culture“, einer Kultur des Überschreibens und Remixens, die das einundzwanzigste Jahrhundert dominieren werde. Wo heute Anwälte für die Musik- und Bildrechte ihrer Klienten streiten und Websites schließen lassen, sieht Lessig die zukünftige digitale Sonne aufgehen. „Wir können die Kreativität unserer Kinder nicht abtöten, wir können sie nur kriminalisieren“, beschwor er die Versammlung, und die von Youtube heruntergeladenen Clips mit Anime-Verschnitten und neu vertonten George-Bush-Fernsehbildern, mit denen er seinen Vortrag unterlegte, lieferten dazu das klingende und leuchtende Anschauungsmaterial.

          Es wäre so leicht, wenn es nicht so schwierig wäre

          In deutschen Landen klingt das alles anders. Man befinde sich in „ausgesprochen schwierigen“ Verhandlungen mit der Verwertungsgesellschaft Bild, erklärte etwa Frauke Rehder, die das schleswig-holsteinische Museumsnetzwerk DigiCult vorstellte, in dem zur Zeit eine Datenbank mit Bildern und Informationen aus den angeschlossenen Sammlungen aufgebaut wird. Dass der Erschließungsbereich des einprägsamen und übersichtlichen DigiCult-Projekts an den Landesgrenzen von Schleswig-Holstein endet, gehört zu den Segnungen des deutschen Kulturföderalismus. Immerhin hat der Museumsverbund Saarland das Ordnungsprinzip von DigiCult übernommen. Baden-Württemberg dagegen baut unter dem Stichwort „kulturerbe-digital“ eine eigene Informationsplattform auf, die der zuständige Bundesratsbeauftragte nicht ohne Klagen über die mangelnde nationale Digitalisierungsstrategie in Berlin vorstellte. Auch Sachsen, Hessen, Westfalen haben natürlich ihr je eigenes Kulturerbe, und deshalb gibt es, angesiedelt unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die interministerielle Arbeitsgruppe Eubam, die mit riesenschildkrötenhafter Ruhe auf das ferne Eiland eines nationalen Kulturportals zupaddelt. So geht alles seinen gewohnten föderalen Gang.

          Was in Deutschland der Kulturföderalismus ist, spiegelt sich auf europäischer Ebene in der Vielsprachigkeit und den eigensinnigen Traditionen vieler kleiner und großer Kulturräume. Dass es gelingen kann, bis zum Jahr 2010 eine europäische digitale Bibliothek mit sechs Millionen verfügbaren Bild- und Textobjekten einzurichten, wie es die Europäische Kommission will, mag man jedenfalls nach dieser Konferenz nicht so recht glauben. Aber vielleicht gilt für die europäischen Kulturdinge ja das Motto, mit dem ein Entwickler von Archivierungssoftware sein Projekt in Berlin anpries: „Lentius, profundius, durabilius“ - langsamer, gründlicher, haltbarer. Es wäre so leicht, den Reichtum der Kultur zu digitalisieren, wenn es eben nicht so schwierig wäre.

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