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Digitalisierung der Hochschule : Wettlauf um die Universität 2.0

  • -Aktualisiert am

VR-Brillen in der Universität: Könnte so die Zukunft aussehen? Bild: dpa

Autonomie statt Ablehnung: Eine Tagung zeigt die Diskurslinien der Hochschul-Digitalisierung – in einem ehemaligen Kloster, in dem auch eine Klinik untergebracht ist, die Online-Süchtige behandelt.

          Jede Debatte hat ihren Ort, und so schien dieser Diskursraum gut geeignet zu sein, um zwei Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen, die einander sonst nichts schenken: ein Kloster. Da, wo vor ein paar Jahren noch Vinzentiner-Nonnen lebten und arbeiteten, im Kloster von Dießen am Ammersee, begegneten sich nun Adepten und Kritiker der Digitalisierung unter dem Titel „Mensch/Maschine/Zukunft“. In Klausur und bei selbstauferlegter Twitter-Enthaltsamkeit wollten sie nachdenken, wie eine digitalisierte Hochschule aussehen könnte. In dem neunhundert Jahre alten Gemäuer ist inzwischen eine psychosomatische Klinik untergebracht, eine der ersten ihrer Art, die auch Online-Süchtige aufnimmt. Ein Drittel ihrer Patienten leidet an online gaming disorder, an Computerspielsucht.

          Über diesem Thema aber geht der Auftakt der Klausur daneben. Bei einem live übertragenen Podium über Gamification, also dem Nutzbarmachen von spielerischen Elementen etwa für das Lernen, mögen sich die Game-Designerin Linda Breitlauch und einer der digitalen Superstars der Szene, die Schriftstellerin Kathrin Passig, nicht einen Augenblick auf das Thema Sucht einlassen. „Wann kommen wir zu den Zukunftsversprechen der Gamification?“, fragt die Erfinderin des Techniktagebuchs Passig kühl. Später moniert sie, „warum eigentlich niemand nach den Dopaminreizen bei Mensch-ärgere-dich-nicht fragt“. Was hat sie erwartet? Dass man selbst in einer Klinik für Cybersüchtige die Abhängigkeit von Online-Spielen zum Tabu erklärt?

          Diese diskursiv nicht zu lösende Kontroverse ist ein Spiegelbild für die Frontstellung, die in der Debatte über die Digitalisierung der Hochschulen, der Bildungseinrichtungen allgemein herrscht. Die Propagandisten der digitalen Bildung tun so, als wüssten sie ganz genau, wie Hochschule 2.0 aussieht. Deren Gestalt aber verstecken sie gern hinter Akronymen wie den 4K: Kommunikation, Kreativität, Kollaboration und Kritik. Oft nährt sich ihre Utopie auch aus der Verachtung für eine Alma Mater, in der bisweilen noch Overhead-Projektoren blinzeln.

          Der dämonische Mehrwert des Digitalen

          In Wahrheit ist es so, dass die Hochschulen als bürokratisierte und verkennzifferte Apparate die digitalen Möglichkeiten längst angenommen haben – zur Kontrolle. Nicht nur die Zürcher Medien-Psychologin Sarah Genner beklagte „die SAPisierung der Hochschule“. Sie mache Studierenden unmöglich, jenseits der Credit-Points-Pflicht Seminare auch frei zu wählen. „Früher fragte man den Dozenten und war dabei. Heute schließt einen der Computer aus“, sagte Genner. In den Hochschulen grassiert der Unmut über fest formatierte Studienverläufe und gelenkte Studenten, die Dießener Ateliers badeten geradezu in Verzweiflung. Dabei ist der dämonische Mehrwert des Digitalen in Form der learning analytics noch gar nicht erreicht. In jederzeit erreichbaren Clouds werden bald Lerndaten mit biographischen Informationen und anderen Spuren der Lerner zusammengeführt. Im Maschinenraum der Lernmanagementsysteme werden so gläserne Akademiker geklont. Der Studierende wird total vermessen – ohne es zu merken. Seine Bildungsentscheidungen erscheinen ihm als maßgeschneiderte Lernanzüge, die ihm verheißen, „die Kraft in sich selbst freizusetzen, um ein erfülltes und erfolgreiches Leben zu führen“. So verheißt es die Cloud „summit learning“ der Facebook-Stiftung im Neusprech-Sound von George Orwells Big Brother.

          In Deutschland wird die Kontroverse über learning analytics noch kaum geführt. Der Softweareentwickler Peter Ganten ist einer der wenigen, die die Daten der Lernenden gut behüten wollen: „sonst geben wir ihnen nicht mehr Freiheit, sondern bevormunden sie“. Auf der anderen Seite plädiert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, für einen neuen Blick auf den Datenschutz. „Ein digitalisiertes Bildungssystem lebt von der Bereitschaft, persönliche Daten preiszugeben“, predigt er. Mit seinem neuesten Buch über Künstliche Intelligenz versetzt er der Hochschule den KI-Schlag. „Den Traumjob bekommen, ganz ohne Vitamin B“, verspricht das Werk. „Algorithmen lassen lang gehegte Wünsche Wirklichkeit werden.“

          Das Dießener Plenum verlief ganz ähnlich. Es vermied tunlichst, die Kontroverse um eine KI-gesteuerte Big-Brother-Universität offen auszutragen. Erst zum Ende wies Henning Lobin im ehemaligen Nähzimmer des Klosters darauf hin, dass er zwei Lager im Raum erkenne, die ganz verschiedene Sichtweisen hätten. Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim warnte davor, die Professoren kollektiv in die Wüste zu jagen, um den Studenten alle Macht zu übergeben. So hatte es eine Teilnehmerin in Anlehnung an die „Declaration of the Independence of Cyberspace“ von John Perry Barlow aus dem Jahr 1996 gefordert. Lobin erinnerte daran, dass es das in den sechziger Jahren schon einmal gegeben hat – in China. „Damals hat Mao die Rolle Barlows gespielt, und das kleine rote Buch war die heutige KI.“

          Gefährdet durch Digitalisierung?

          Lobins Verdienst bestand darin, die Frontlinie neu zu ziehen. Wenn man es genau betrachtet, ist die Digitalisierung der Hochschule nicht etwa ein Gegenüber von disruptionsbereiten Digital-Evangelisten und Institutionalisten, die die Uni retten wollen. Niemand fragt heute mehr, was die Ex-Piratin Marina Weisband provokant vermutete: „Oder lassen wir das mit dem Internet lieber sein?“ Die Trennlinie verläuft anders. Hier jene, die Daten zum Rohstoff der neuen Universität 2.0 machen wollen, um de facto mit Lernleistungen und Biographien Handel zu treiben. Dort jene, die auf der Ebene der Seminare mit den kreativen und kritischen Möglichkeiten digitaler Tools arbeiten wollen. Sie setzen Blogs, Videos, Serious Games und Editoren ein, um die Seminare von den Ketten der Bologna-Reform wieder zu befreien. Ein solches Projekt der Digitalisierung würde eine Öffnung der Hochschulen für andere Lehrformate bringen – genau wie für andere Gruppen. Die einzige Studentin in Dießen, die Virtual-Reality-Schamanin Sara Lisa Vogl, forderte das. Auch Marina Weisband und die Kulturwissenschaftlerin Ute Kalender wünschten sich breiteren Zugang – und mehr Macht für Studierende. Sie alle wollen Seminare, in denen Studierende ihre Forschungsthemen (mit)bestimmen. Sie streben kleine wendige und widerständige Hochschulen an, in denen die grundgesetzlich garantierte Selbstverwaltung wieder ihren Namen verdient. Die Trennlinie verläuft zwischen ihnen und einem Jörg Dräger, der der Hälfte der Hochschulen den Tod voraussagt, wenn sie nicht auf KI und Vermittlung von Grundlagenwissen durch Videos und Roboter umsteigt.

          In der Tat ist die Universität durch die Digitalisierung gefährdet – wenn man sie als eine starre, großförmige Institution betrachtet. Freilich besitzt sie noch eine ganz andere Gestalt: Sie wird von der innovativsten Klientel besucht, sie ist per se widerständig, und sie hat qua Humboldtscher Konstruktion so etwas wie eine fraktale Struktur: Sofort können autonome Seminare eröffnet werden. Diese Vielzahl von kleinen Einheiten kann, wenn man sie lässt, vor allem eines sehr gut: sich Themen suchen und sie mit der bisweilen ungestümen Neugier Studierender erforschen – gemeinsam mit Professoren. Erkenntnis und Emanzipation entstehen durch die Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der Welt. So beschrieb der Gründer der modernen Universität, Wilhelm von Humboldt, sein Ideal.

          Wer erlebt, wie Schüler und Studierende bei den „Fridays for Future“ genau diese Welt erkunden, wird erkennen, welches Potential für die Universität in diesem kritischen Schub liegen könnte. Wenn die Uni die Kinder der Digitalisierung für ihre Seminare gewinnt und so Makerspaces eröffnet, kann sie überleben. Wenn sie die Bildung von der Wiege bis zum Examen verclouden und verbertelsmannen lässt, dann droht ihr das Schicksal der Klöster, wie Dießen eines war.

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