https://www.faz.net/-gsf-xpz1

Wikipedia verliert seine Autoren : Der Reiz des Anfangs ist verloren

  • -Aktualisiert am

Dem Partizipationsprinzip des Web 2.0 fühlt sich nur eine Minderheit der Wikipedianutzer verpflichtet Bild: picture-alliance/ dpa

Freiwillige verzweifelt gesucht! Händeringend sucht Wikipedia nach neuen Autoren, denn die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme im Internet schwindet. Und die Idee des Mitmach-Netzes gelangt an ihre Grenzen.

          Es ging ihnen immer um die Idee, das Wissen der Welt zu sammeln und der Menschheit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Aber immer weniger Autoren greifen freiwillig in die Tasten, um sich an der Mission zu beteiligen. Wo sind bloß all die Wikipedianer hin?

          In der englischsprachigen Wikipedia, der weltweit größten Gemeinschaft mit über drei Millionen verfassten Beiträgen, ist von einem ernsthaften Autorenschwund die Rede. Zum ersten Mal in der Geschichte der freien Enzyklopädie scheinen sich mehr Wikipedia-Autoren ab- als neue anzumelden(*), berichtet das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ und beruft sich auf Aussagen eines Sprechers der „Wikimedia Foundation“. Die Lage sei so ernst, dass man plane, von Herbst dieses Jahres an Werber auszusenden, um neue Autoren zu gewinnen.

          Auch in der deutschsprachigen Wikipedia waren im bisherigen Verlauf dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr prozentual weniger Nutzer bereit, Beiträge zu verfassen. Was nicht bedeutet, dass weniger Artikel geschrieben würden. Sie stammen jedoch von einer kleineren Autorenzahl. Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2010 zeigt, dass sich dem Partizipationsprinzip des Web 2.0 nur eine Minderheit der Wikipedianutzer verpflichtet fühlt. Der Mitmachwille fällt bei Wikipedia von sechs Prozent aller Nutzer im Vorjahr auf drei Prozent im bisherigen Verlauf dieses Jahres ab.

          Jimmy Wales, Wikipedia-Gründer, steht mit seinem Projekt vor den Mühen der Ebene

          Selbstherrliches Bearbeiten und Löschen der Texte

          Der Frankfurter Soziologe und Netzwerkforscher Christian Stegbauer erklärt den Schwund unter anderem damit, dass der Tonfall unter den Autoren rauher wird und eine Reihe wirrer Spielregeln viele Wikipedianer verängstigt hat: „Es wird immer schwerer, sich bei Wikipedia zu beteiligen. Wenn man sich nicht an die Regeln hält, die sich irgendwelche Leute ausgedacht haben, kann es sein, dass das, was man beigetragen hat, ganz schnell wieder gelöscht wird.“ In der Gemeinschaft wächst der Ärger über das selbstherrliche Bearbeiten und Löschen der Texte durch arrivierte Mitglieder, wie der Blogeintrag einer einstmals sehr engagierten und dem Projekt inzwischen distanziert gegenüberstehenden Wikipedia-Mitarbeiterin mit dem Pseudonym Elian deutlich macht: „Die Gesundheit eines Projekts zeigt sich am Umgang mit seinen Kritikern und Unangepassten. Und da kann man der Wikipedia nur ein zunehmend schlechter werdendes Zeugnis ausstellen. Wer nicht pariert, wird ausgegrenzt und so lange gereizt und beleidigt, bis er den passenden Sperrgrund liefert.“

          Viele haben außerdem den Eindruck, dass das Lexikon so gut wie komplett ist und es nichts mehr zu schreiben gibt. Es sei erwähnt, dass die deutsche Ausgabe von Wikipedia nach der englischen Version die zweitgrößte überhaupt ist. Laut Wikipedia finden sich rund 1,1 Millionen Beiträge in der deutschsprachigen Fassung der Enzyklopädie. Angesichts der Fülle bereits bestehender Einträge sinkt für potentielle Nutzer die Chance, neue Themen zu bearbeiten. Catrin Schoneville, Pressesprecherin des gemeinnützigen Vereins Wikimedia Deutschland, räumt ein, dass die Luft langsam dünner werde, sieht aber noch Potential. „Es gibt nach wie vor erhebliche Lücken. Wikipedia ist noch lange nicht fertig.“

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.