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Was das E-Book nicht kann : Für ein neues Lesen im Internet-Zeitalter

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Natürlich werden Studenten die physikalischen Strukturen sehen wollen, die von Gleichungen in einem Physiklehrbuch modelliert werden, oder biologische oder chemische Prozesse oder die Konturen von Schlachtfeldern oder Städten und Gebäuden. Es gibt bereits zahlreiche Programme, die derartige Darstellungen ermöglichen. Sie müssen nur in einer einfachen und einheitlichen Weise mit physischen Büchern verbunden werden.

Auch herrscht ein auffälliger Mangel an Bildern auf der Welt. Weltweit leiden die Bücherleser unter einem unbefriedigten Hunger nach Bildern. Immer schon wollten wir ferne Menschen und Orte, Berge und Städte und Bauwerke sehen. Die Fotografie aber ist noch keine zweihundert Jahre alt; die massenhafte drucktechnische Reproduktion von Fotos ist noch neuer; der hochwertige, preiswerte Farbdruck ist eine Generation alt; und billige, hochauflösende Digitalkameras sind noch jüngeren Datums. Es überrascht nicht, dass die Welt unter einer gravierenden Bilderarmut leidet. Natürlich gibt es in der Wolke zig Millionen von Fotografien. Aber sie sind wie versprengte Butterblumen in einem riesigen grünen Tal. Die Welt ist zum größten Teil unfotografiert.

Videos sind sogar noch rarer: Versuchen Sie einmal, Videoaufnahmen der verschiedenen Unterarten des Edelpapageien in freier Wildbahn oder der kumbrischen Wasserfälle Scale Force, Moss Force und Lodore, die Coleridge so faszinierten, zu finden. Viel Glück.

Das Ingenium des Buches

Dieser Mangel an Bildern hat sich in unserem ärmlichen Farbvokabular niedergeschlagen. Nur für den kleinsten Bruchteil der Farben, die uns in Natur und Kunst begegnen, verfügen wir über Bezeichnungen. Die Kunstgeschichte begnügt sich damit, bestimmte Maler als große Farbenkünstler auszuweisen; über die speziellen Farbakkorde, die die Glasmalereien von Chartres und Saint-Denis aus dem 12. Jahrhundert oder Tizian oder de Kooning großartig machen, sagt sie wenig. Manche Kunsthistoriker halten Farbabbildungen in Kunstbüchern noch immer für eine Ablenkung vom Wesentlichen. Auf dem hochwichtigen Gebiet der Farbe ist die Kunstwissenschaft noch ganz in den Anfängen, weil die präzise massenhafte Reproduktion von Farbe noch ganz in den Anfängen ist.

Die Z-Books der Zukunft werden es möglichen machen, dass viele Bücher überhaupt erstmals adäquat illustriert sind; große, hochauflösende Fernseher sind ein gutes Medium für Fotos. (Natürlich müssen Fernseher und Computer zu interagierenden Teilen eines Systems werden, so wie Bücher in die Cybersphäre integriert werden müssen.)

Verleger und Technologieunternehmen werden zusammenarbeiten, um die Kunst des Buches voranzutreiben. Doch dafür wird das Ingenium des Buches selbst, der physische Gegenstand selbst, immer den besten Ausgangspunkt bilden; und Autoren und Verleger (nicht Technologen!) werden federführend bei dieser Zusammenarbeit sein - aber nur, wenn es ihnen nicht an der Vision und Courage für Neues gebricht.

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