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Was das E-Book nicht kann : Für ein neues Lesen im Internet-Zeitalter

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Das Protokoll des Buches

Natürlich kann die moderne Datenverarbeitung Bücher besser machen. Die Verleger und die Technologieindustrie gehen das Ganze aber falsch an. Sie gehen von einer unvergleichlich brillanten Gestaltung aus, die sie verbessern und nicht ersetzen sollten. Jedes Buch könnte einen Partner hinter den Spiegeln, in der Cybersphäre haben. Im Normalfall wird dieser virtuelle Partner lediglich nützlich sein; manchmal wird er ein Buch auf dieselbe Weise vervollständigen und perfektionieren, wie eine Partitur ein Libretto vervollständigt. Aber das physische Buch auf Papier wird in diesem Ensemble immer ein vollwertiger Partner bleiben.

Es ist nur natürlich, wenn mit dem Erwerb eines Buches die Einladung einhergeht, an einem laufenden elektronischen Forum mit Leserdiskussionen und Kommentaren des Autors teilzunehmen; selbstverständlich sollte man Zugriff auf eine elektronische Fassung des Textes haben, so dass man ihn durchsuchen oder (so man möchte) online lesen kann. Im Internet finden bereits viele informelle Diskussionen über Bücher statt. Alles, was noch fehlt, ist, dass die Verleger dieser Diskussion eine natürliche Form verleihen - so wie das Buch die natürliche Form für die Autorschaft ist.

Sobald man den Code des Buches mit seinem Buchstift (oder einem anderen Gerät) scannt, ist man Mitglied der Gemeinschaft. Ein zeitlich geordneter „Stream“ in der Rechnerwolke ist das natürliche Format für die wachsende Menge an Rezensionen, Kommentaren, Korrekturen und Aktualisierungen, die, ähnlich dem Logbuch eines Schiffes, das Protokoll des Buches bilden. Dieses Buchlog ist auch ein guter Ort für Autoren, um über neue Texte, an denen sie arbeiten, zu berichten, oder über andere Bücher, die sie schätzen oder ablehnen. Der Strom ist Teil des Buches; wenn das Buch ein Komet ist, so ist der Strom sein leuchtender Schweif. Bücher, die durch den Cyberspace sausen, hinterlassen strahlende Spuren, den Kondensstreifen von Flugzeugen hoch oben im Himmel oder den phosphoreszierenden Blasenspuren gleich, die große Schiffe im Tropenmeer aufwühlen.

Wenn man sich für viele Bücher interessiert, kann man ihre Logs (oder Streams) zu einem Strom verbinden, der einen aus dem eigenen Blickwinkel über die Buchwelt auf dem Laufenden hält.

Die Gesprächsspur aufnehmen

Wir können aber noch weiter gehen. Manchmal haben Leserinnen und Leser Anmerkungen oder Fragen zu bestimmten Passagen eines Buchs - vor allem, wenn sie im Rahmen einer akademischen Ausbildung Literatur oder Fachbücher studieren. Im Lauf der Jahre folgen viele Studenten denselben Spuren und kommen an denselben Punkten vorbei; Kommentare und Gespräche über schwierige oder markante Stellen häufen sich an wie Initialen in einem auffälligen alten Baum. Wenn man mit seinem Buchstift auf einer Seite eine Passage berührt, übermittelt man Informationen an einen in der Nähe befindlichen Computer, der eine „Gesprächsspur“ zu just dem berührten Wort oder Absatz aufruft. Dann sieht man eine Liste von Kommentaren, Fragen und Antworten, die sich um die fragliche Stelle angesammelt haben. Man könnte an einem laufenden Gespräch teilnehmen, falls irgendwo auf der Welt gerade Leser an derselben Passage innegehalten haben, um über sie zu chatten. Viele solcher Gespräche finden gleichzeitig zu jeder Straße, jedem Platz und jeder Ecke des Texts statt, die von Interesse sind.

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