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Was das E-Book nicht kann : Für ein neues Lesen im Internet-Zeitalter

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Und Bücher sind nicht nur nützlich, sondern auch schön. Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal. Von den vielen kleinen gewöhnlichen Gegenständen, mit denen wir tagtäglich umgehen, tragen Bücher wahrscheinlich am meisten dazu bei, die abweisenden Plastikoberflächen des modernen Lebens auszugleichen. Schriftart und Gestaltung können jeder einzelnen Seite eines Buches Schönheit verleihen - aber selbst ein E-Book ermöglicht es uns, diese Ebene zu bewundern (wenngleich nicht unbedingt auf einer Seite von der richtigen Größe). Auch die Beschaffenheit des Papiers ist Teil der Anmutung eines Buchs. Und die Umschlaggestaltung. Und die buchbinderische Verarbeitung.

Zugegeben: Viele alte Bücher wurden hochwertiger hergestellt als das durchschnittliche Buch heute. Im 19. Jahrhundert finden sich häufig Buchrücken und Buchecken aus Leder im Zusammenspiel mit marmorierten Buchdeckeln, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sind es dann geprägte Leinenbände. Heutige Bücher sind in der Regel billig produziert. Die Verleger übersehen den offensichtlichen Punkt, dass Buchkäufer, die bereit sind, die teurere gebundene Ausgabe einem Taschenbuch vorzuziehen, auch noch ein wenig mehr ausgeben würden, wenn sie dafür ein gut gemachtes gebundenes Buch bekämen. Aber auch heute noch werden manche Bücher hochwertig hergestellt; und zumindest die Buchproduktion selbst ist nach wie vor ein lebendiger Prozess. Die Qualität des Produkts wird sich wieder verbessern, wenn die Leserinnen und Leser darauf bestehen.

Richtige Bücher sind lange haltbar. Hundertfünfzig Jahre alte Bücher sind keine Seltenheit und oft nicht einmal teuer. Wie wahrscheinlich ist es, dass unsere Nachkommen in anderthalb Jahrhunderten die Schönheit und handwerkliche Verarbeitung alter E-Books bewundern werden?

Das Leben der Bücher

Aber der wichtigste Vorteil richtiger Bücher besteht darin, dass sie wie Menschen heranwachsen und alt werden. Es ist leicht, ein echtes Buch mit Anmerkungen, Einwänden, Erklärungen oder der Hervorhebung einer zentralen Passage zu versehen. Liest man das Buch dann noch einmal, sind die eigenen Notizen ein Teil von ihm. Unsere Vorstellungen und Anmerkungen ändern sich im Lauf der Zeit, und sie verändern somit auch das Buch. Nach und nach nimmt ein Buch die Persönlichkeit seines Eigentümers an.

Das für mich Wertvollste, was ich besitze, sind Bücher, die mein Großvater auf Englisch und - in einer schönen, flüssigen Handschrift - auf Hebräisch annotierte; ich höre seine Stimme in diesen Randnotizen. So Gott will, werden meine Kinder und Enkelkinder meine Stimme auf die gleiche Weise hören. Familienbibeln sind mit Einträgen zu Geburten, Hochzeiten und Todesfällen versehen, die Hunderte von Jahre zurückreichen; diese zarten Fäden aus verblassender Tinte entführen uns sanft in die Vergangenheit. Ich habe eine englische Bibel aus dem 16. und eine hebräische Bibel aus dem 17. Jahrhundert, beide von Antiquaren erworben und ohne Anmerkungen; aber allein schon ihre weichen, schweren Seiten umzublättern, die so abgegriffen sind, dass sie sich wie Stoff anfühlen, verbindet mich mit der Vergangenheit - ein Strom fließt durch diese Verbindung, Nervenimpulse reisen aus der Vergangenheit in die Gegenwart, und wir sehen uns von ganz weit oben; erhaschen für einen Moment einen Blick auf die Majestät des menschlichen Lebens.

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