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Was das E-Book nicht kann : Für ein neues Lesen im Internet-Zeitalter

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Nach dem Zweiten Weltkrieg erlagen die Amerikaner für kurze Zeit der Verheißung von Wegwerfartikeln - Einwegplastiktellern und -geschirr, Papierröcken und -kleidern zum Wegwerfen. Neuheiten für gelangweilte Konsumenten, das war die Idee: jeden Tag neue Kleidung tragen! Elektronische Bücher kann man nicht in den Mülleimer schmeißen, doch verwirklichen sie nun das höchste Ideal der Wegwerfbewegung: den künstlerischen und menschlichen Wert der Objekte, mit denen wir umgehen, auf null zu reduzieren.

Zugegeben: Elektronische Bücher sind billig und brauchen praktisch keinen Platz und sind leicht zu transportieren. Mit Hilfe von Software können wir ihre Inhalte durchsuchen und verändern. Die gedruckten Bücher jedoch sind widerstandsfähiger und leichter zu reparieren. Sie sind flexibler einsetzbar, weil man sich nicht um Schäden am Mechanismus sorgen muss: Man kann sie mit an den Strand oder in den Hinterhof nehmen, auf der Straße fallen und Kinder auf ihnen herumtrampeln lassen. Sie müssen nie aufgeladen werden.

Das maßgerechte Medium

Bei einem richtigen Buch ist der physische Körper brillant an die Funktion angepasst: Der Kodex - an einem Ende zusammengebundene Blätter, das Standardbuch - ist rund zweitausend Jahre alt und immer noch die größte gestalterische Errungenschaft der Menschheit. Elektronische Bücher haben alle dieselbe Größe. Richtige Bücher kommen in vielen Größen daher, was mit zu ihrem Wert gehört. Romane und Lyrikbände haben eher kleine Seiten, weil es in ihnen nur Text ohne Abbildungen, Fußnoten oder Register gibt; Lehrwerke sind größer und bieten Platz für Illustrationen und Bildlegenden; Bildbände und Atlanten sind am größten und verfügen manchmal über doppelseitige Abbildungen. Ich besitze flache, breite Bücher, wie sie für Künstler geeignet sind, die für ihre Gemälde ausgeprägte Längsformate bevorzugen, und hohe, schmale Bücher, vor allem Reiseführer, die sich leicht durchblättern lassen. Kinderbücher stellen eine ganze eigene Welt von Formen und Größen dar.

Ohne ein Buch auch nur aufzuschlagen, sieht man schon, was es ist (Prosa? Lehrbuch?) und welchen Umfang es hat. Man erkennt ein Buch an seinem Umschlag, selbst wenn man Titel und Autor vergessen hat. Nur aufgrund seines Aussehens oder der Erinnerung, wo es stehen müsste, kann man ein Buch im Regal finden, ohne dass einem sein Titel oder Verfasser im Kopf wäre. Man kann die Seiten rasch überfliegen und eine ungefähre Idee von dem Buch bekommen oder sich irgendwo festlesen oder eine Passage wiederfinden, nach der man gesucht hat.

Bücher passen zu unseren Händen, unseren Schößen, unseren Tischen, unseren Regalen. Ihre Form und ihr Gewicht sind ideal für uns geeignet. Tennisschläger, Hämmer oder Wassergläser sind unbrauchbar, wenn sie zu leicht, zu schwer, unausgewogen oder nicht richtig geformt sind. Warum sollten wir es mit der exakt passenden Form und dem exakt passenden Gewicht eines Buches weniger genau nehmen als bei einem Tennisschläger?

Die Wärme des Buchs

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