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Unser berechnetes Dasein : Geben wir dem Zufall eine Chance

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Wird hier darüber mitentschieden, in welche Bar man abends geht? Rechnerzentrum in Berlin Bild: obs

Das Leben im Internet kann so schön sein. So schön und berechenbar, wenn wir uns nach Algorithmen richten. Doch wir entwickeln uns nicht weiter und geben unsere Freiheit auf. Von Miriam Meckel

          6 Min.

          Am 2. Dezember des vergangenen Jahres hat mich die existentielle Frage nach der Zukunft unserer menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten in Zeiten des Internet kalt erwischt - durch einen einfachen Geburtstagsgruß. Als ich ein wenig auf Facebook herumsurfte, entdeckte ich, dass eine Bekannte eine kleine Geburtstagstorte für meinen Freund geposted hatte, der am selben Tag Geburtstag hatte. Ich entschloss mich, die Geburtstagstorte zu mögen. Auf Facebook drückt man das aus, in dem man auf den Link „like“ klickt. Sodann erscheint das Symbol für „thumb up“, der gehobene Daumen. Häufig ist man nicht die oder der Einzige, der diesen digitalisierten Ausdruck emotionalen Gefallens entbietet. „You and 7 others like this.“

          Ich klickte also „like“ an. Aber anstatt zur Gruppe der „Mögenden“ hinzugefügt zu werden, erschien eine Facebook-Benachrichtigung auf meinem Bildschirm. „Object cannot be liked“. Ich hatte keine andere Wahl, als „okay“ zu klicken, damit die Nachricht verschwindet, und war einigermaßen verwirrt. Also versuchte ich einige weitere Male - ohne Erfolg. Ich durfte die digitale Geburtstagstorte nicht mögen. Entweder weil sie nicht länger „zugänglich“ war, wie Facebook mir erklärte, oder weil ich nicht länger die Erlaubnis hatte, sie zu sehen. Fakt war allerdings, dass ich sie sehr gut in meinem Newsstream auf Facebook sehen konnte. Und ich konnte mir auch nicht erklären, wer nun plötzlich darüber hatte entscheiden können, mir das Mögen der Torte zu verbieten.

          Wenn eine Maschine den Ermessensspielraum beschränkt

          Das Mögen ist ein Ausdruck menschlichen Ermessens, und ich muss solche Zuneigung zum Ausdruck bringen können, um sie zum Thema für eine sozial anschlussfähige Kommunikation zu machen. Wenn ich mir aber durch eine Maschine und ihren Algorithmus vorschreiben lassen muss, was ich mögen darf, ob und wie ich diese Neigung zum Ausdruck bringen darf, ist mein Ermessensspielraum beschränkt.

          Kommunikationsexpertin Miriam Meckel: Der Zufall ist lebenswichtig
          Kommunikationsexpertin Miriam Meckel: Der Zufall ist lebenswichtig : Bild: dpa

          Ermessens- und Toleranzspielräume sind konstitutiv für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben, weil sie Interpretations-, Anpassungs- und Veränderungsmöglichkeiten eröffnen, die unsere Gesellschaft offen halten. Das Wort „Spiel“, das diese Räume beschreibt, ist dabei wichtig, denn genau darin unterscheiden sich die nichtdeterministischen Prozesse, die unsere Gesellschaft konstituieren und zuweilen lebenswert machen, von den deterministischen Rechenprozessen, die ein Algorithmus liefert. Anders formuliert: Wir verdanken dem Zufall recht viel - er ist menschlich und lebenswichtig. Und er steckt bislang nicht im Computer.

          Profile an die Stelle von Persönlichkeiten?

          Was würde geschehen, wenn es den Zufall nicht mehr gäbe? Wenn er gleichsam abgelöst würde dadurch, dass sich deterministische Rechenoperationen in Form von Algorithmen immer weiter ausbreiten und uns das Denken und Entscheiden abnehmen würden, das durch zufällige Komponenten beeinflusst ist? Wenn also Profile an die Stelle von Persönlichkeiten träten, das Denken der Datenauswertung wiche und Ab-, respektive Zuneigungen allein durch Algorithmen errechnet würden? Dann würden wir auf eine Menge verzichten, bewusst oder unbewusst: auf Überraschung, Abwechslung, vor allem aber auf evolutionäre Komponenten in unserem sozialen Leben.

          Warum ist das so? Weil der Computer eine Rechenmaschine ist. Er ist die Plattform für datenbasierte Algorithmen, die nicht mehr sind als eine exakt definierte Handlungs-, respektive Rechenvorschrift zur Lösung eines Problems. Ein Algorithmus ist deterministisch, denn er liefert unter gleichen Eingaben und gleichen Startbedingungen immer dasselbe Ergebnis. Seit langem beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Frage, ob sich mit dem Computer auch Zufall erzeugen lässt, ob es also auch nichtdeterministische Computer geben kann. Das ist eine spannende Frage für die Kryptographie, für ein Computer-Lottospiel, aber auch für Überraschungseffekte in Empfehlungssystemen, wie wir sie heute zunehmend nutzen.

          Computer berechnen den Zufall

          Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass ein Computer nichtdeterministisch sein könnte. Nichtdeterministische Maschinen gehören als theoretische Modelle zu den Denkkonstrukten der Physik und Informatik, aber praktisch haben sie keine Bedeutung. Auf den Punkt gebracht, bedeutet das: Das Erzeugen von Zufall per Computer ist unmöglich.

          Natürlich gibt es randomisierte, genetische oder gar evolutionäre Algorithmen, die versuchen, genau dieses Problem zu lösen. Versuchen ist hier das falsche Wort. Computer versuchen sich nicht am Zufall, sie berechnen ihn. Wenn ich mit dem Computer eine zufällige Zahlenfolge produzieren will, dann kann ich einen bestimmten Startwert (Seed) eingeben, dann wähle ich einen Pseudo-Zufallsgenerator aus und der Computer rechnet los. Bei hochwertigen Zufallsgeneratoren produziert er Zahlen, die gute statistische Eigenschaften aufweisen, also in Rechenmodellen funktionieren. Wirklich zufällig sind sie allerdings nicht. Der Computer mag milliardenfach Zahlen errechnen, die zufällig scheinen, irgendwann wiederholt sich die Zahlenreihe. Jede dieser Zahlen ist Bestandteil einer endlichen und letztlich absehbaren, also vorhersagbaren Zahlenreihe, die eben eine Rechenregel und nicht den Zufall widerspiegelt.

          Wir bleiben unser eigener Status quo

          Durch den Zufall kommt das Neue in die Welt - ganz im Sinne der Evolutionstheorie. Verlassen wir uns zunehmend auf Algorithmen, dann beschränken wir uns auf ein theoretisch in seinen Dimensionen unbeschreibbar großes, aber dennoch immer deterministisches und damit endliches Set an Auswahlmöglichkeiten. Und weitergedacht bedeutet das: Alles, was es in der Zukunft geben kann, ist schon in der Vergangenheit angelegt. Denn die Elemente der Berechnung müssen alle schon vorhanden sein, damit sie funktioniert. Und selbst wenn ich Zufallsbits durch einen randomisierten Algorithmus einrechnen lasse, steht deren Zahl und Ausprägung fest. Sie verändert also die Art und Folge der Ergebnisse, aber nie so, dass die Ergebnisse an sich zufällig wären. Alle Zukunft ist damit immer Replikation und Rekombination des aus der Vergangenheit Bekannten. Wir bleiben unser eigener Status quo.

          Von diesem Zustand sind wir noch weit entfernt. Dennoch zeichnen sich einige Entwicklungen ab, die dieses Denkkonstrukt widerspiegeln. Bei der Lektüre einer Zeitung oder ihrer Website ist es unvorhersagbar, was ich dort alles finden werde. Die Inhalte sind von Journalisten gemacht, resultieren also aus menschlichen Entscheidungen. Wir können uns als Leser überraschen lassen. So werden wir zu Themen gelenkt, die wir aus unserem Wissensstand heraus und nach unserer jeweiligen Interessenlage nicht gewählt hätten - vorbeigesurft. Die Kompilation eines Generalmediums macht es möglich, dass der Zufall greift und wir etwas finden, von dem wir nicht wussten, dass es uns interessieren könnte.

          Soziale Fitnessfunktion

          In der Contentfabrik von Demand Media sieht das anders aus: Tausende von schlechtbezahlten Menschen produzieren wie am Fließband Inhalte, die durch eine algorithmisch analysierte Nachfrage gesteuert werden. Oberstes Gebot: Der Inhalt muss bei Google gefunden werden können, dann lassen sich mit ihm Anzeigen verkaufen. Und wenn schon einmal vorab berechnet ist, wonach und wie die Menschen suchen, dann werden sie diese Inhalte auch finden. Ein perfektes Matching für Inhalteproduktion und Werbewirtschaft. Der Kunde kommt auch auf seine Kosten, denn er kriegt ja, was er will. Alle Unbekannten in dieser Gleichung werden von vornherein herausgerechnet, und so entsteht ein endloser gleichförmiger Fluss von Mainstreaminhalten, in dem alle mitschwimmen können. Varianz oder gar Aufklärung kommt so nicht in die Welt.

          Die „predictive analyses“, die auf Basis von Mobilfunkdaten und Persönlichkeitsprofilen inzwischen möglich sind, verfahren ähnlich. Die Algorithmen, die hier am Werk sind, liefern uns evolutionäre Optimierungsverfahren unserer Verankerung in sozialen Netzwerken. Auf Basis dieser Daten kann ich mir vorhersagen lassen, in welche Bar ich am späten Freitagabend gehen muss, um auf die von mir bevorzugte Gruppe dunkelhaariger Singles ab 35 ohne Kind und Hund, aber in einer WG lebend, zu treffen. Rechnerisch gesehen, ist das beeindruckend. Als Individuum muss ich mich fragen, ob es meiner „sozialen Fitnessfunktion“ entspricht, wenn ich meiner Peer Group immer ähnlicher werde und sie mir. Oder ob nicht eher ein anderes evolutionäres Moment in meiner sozialen Vernetzung eine Rolle spielen sollte, nämlich der Zufall. Der führt mich abends in ein Restaurant, in dem ich unerwartet meinen Lehrmeister, die Liebe meines Lebens oder meinen neuen Geschäftspartner treffe. Unerwartet, weil er keines der Merkmale aufweist, von denen ich bislang glaubte, sie seien für meine soziale Vernetzung konstitutiv.

          Die evolutionsgeschichtlich wichtige Einflussgröße Zufall schrumpft

          Auch die Monopolisierungstendenzen, die Apple mit dem iPad vorantreibt, gehören in diese Kategorie. Das iPad ist eine „guided tour“ durchs Netz. Jede Sehenswürdigkeit ist von Apple gemacht, die Torwärter werden von Apple bezahlt, Apple kontrolliert, ob das Umfeld sauber und schicklich bleibt, stellt die Vermarktungsplattformen für Souvenirs (iTunes, iBooks) und macht die Werbung für alles (iAds).

          Diese Beispiele zeigen, wie neuere Entwicklungen im Netz menschliches Ermessen und die evolutionsgeschichtlich wichtige Einflussgröße Zufall schrumpfen lassen. Und damit reduzieren sie Freiheitsgrade. Es gibt Freiheit nur um den Preis der Unberechenbarkeit. Der Mensch ist nicht deterministisch. Er ist ein hochkomplexes biologisches, psychisches und soziales System, das noch kein Algorithmus hat kopieren können. Das macht ihn übrigens als Gattung und als Individuum so interessant. Er ist unberechenbar und damit für die Freiheit geeignet. Beim Computer dürfen wir da durchaus Zweifel haben.

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