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Unser berechnetes Dasein : Geben wir dem Zufall eine Chance

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Wird hier darüber mitentschieden, in welche Bar man abends geht? Rechnerzentrum in Berlin Bild: obs

Das Leben im Internet kann so schön sein. So schön und berechenbar, wenn wir uns nach Algorithmen richten. Doch wir entwickeln uns nicht weiter und geben unsere Freiheit auf. Von Miriam Meckel

          Am 2. Dezember des vergangenen Jahres hat mich die existentielle Frage nach der Zukunft unserer menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten in Zeiten des Internet kalt erwischt - durch einen einfachen Geburtstagsgruß. Als ich ein wenig auf Facebook herumsurfte, entdeckte ich, dass eine Bekannte eine kleine Geburtstagstorte für meinen Freund geposted hatte, der am selben Tag Geburtstag hatte. Ich entschloss mich, die Geburtstagstorte zu mögen. Auf Facebook drückt man das aus, in dem man auf den Link „like“ klickt. Sodann erscheint das Symbol für „thumb up“, der gehobene Daumen. Häufig ist man nicht die oder der Einzige, der diesen digitalisierten Ausdruck emotionalen Gefallens entbietet. „You and 7 others like this.“

          Ich klickte also „like“ an. Aber anstatt zur Gruppe der „Mögenden“ hinzugefügt zu werden, erschien eine Facebook-Benachrichtigung auf meinem Bildschirm. „Object cannot be liked“. Ich hatte keine andere Wahl, als „okay“ zu klicken, damit die Nachricht verschwindet, und war einigermaßen verwirrt. Also versuchte ich einige weitere Male - ohne Erfolg. Ich durfte die digitale Geburtstagstorte nicht mögen. Entweder weil sie nicht länger „zugänglich“ war, wie Facebook mir erklärte, oder weil ich nicht länger die Erlaubnis hatte, sie zu sehen. Fakt war allerdings, dass ich sie sehr gut in meinem Newsstream auf Facebook sehen konnte. Und ich konnte mir auch nicht erklären, wer nun plötzlich darüber hatte entscheiden können, mir das Mögen der Torte zu verbieten.

          Wenn eine Maschine den Ermessensspielraum beschränkt

          Das Mögen ist ein Ausdruck menschlichen Ermessens, und ich muss solche Zuneigung zum Ausdruck bringen können, um sie zum Thema für eine sozial anschlussfähige Kommunikation zu machen. Wenn ich mir aber durch eine Maschine und ihren Algorithmus vorschreiben lassen muss, was ich mögen darf, ob und wie ich diese Neigung zum Ausdruck bringen darf, ist mein Ermessensspielraum beschränkt.

          Kommunikationsexpertin Miriam Meckel: Der Zufall ist lebenswichtig

          Ermessens- und Toleranzspielräume sind konstitutiv für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben, weil sie Interpretations-, Anpassungs- und Veränderungsmöglichkeiten eröffnen, die unsere Gesellschaft offen halten. Das Wort „Spiel“, das diese Räume beschreibt, ist dabei wichtig, denn genau darin unterscheiden sich die nichtdeterministischen Prozesse, die unsere Gesellschaft konstituieren und zuweilen lebenswert machen, von den deterministischen Rechenprozessen, die ein Algorithmus liefert. Anders formuliert: Wir verdanken dem Zufall recht viel - er ist menschlich und lebenswichtig. Und er steckt bislang nicht im Computer.

          Profile an die Stelle von Persönlichkeiten?

          Was würde geschehen, wenn es den Zufall nicht mehr gäbe? Wenn er gleichsam abgelöst würde dadurch, dass sich deterministische Rechenoperationen in Form von Algorithmen immer weiter ausbreiten und uns das Denken und Entscheiden abnehmen würden, das durch zufällige Komponenten beeinflusst ist? Wenn also Profile an die Stelle von Persönlichkeiten träten, das Denken der Datenauswertung wiche und Ab-, respektive Zuneigungen allein durch Algorithmen errechnet würden? Dann würden wir auf eine Menge verzichten, bewusst oder unbewusst: auf Überraschung, Abwechslung, vor allem aber auf evolutionäre Komponenten in unserem sozialen Leben.

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