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Unser berechnetes Dasein : Geben wir dem Zufall eine Chance

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Soziale Fitnessfunktion

In der Contentfabrik von Demand Media sieht das anders aus: Tausende von schlechtbezahlten Menschen produzieren wie am Fließband Inhalte, die durch eine algorithmisch analysierte Nachfrage gesteuert werden. Oberstes Gebot: Der Inhalt muss bei Google gefunden werden können, dann lassen sich mit ihm Anzeigen verkaufen. Und wenn schon einmal vorab berechnet ist, wonach und wie die Menschen suchen, dann werden sie diese Inhalte auch finden. Ein perfektes Matching für Inhalteproduktion und Werbewirtschaft. Der Kunde kommt auch auf seine Kosten, denn er kriegt ja, was er will. Alle Unbekannten in dieser Gleichung werden von vornherein herausgerechnet, und so entsteht ein endloser gleichförmiger Fluss von Mainstreaminhalten, in dem alle mitschwimmen können. Varianz oder gar Aufklärung kommt so nicht in die Welt.

Die „predictive analyses“, die auf Basis von Mobilfunkdaten und Persönlichkeitsprofilen inzwischen möglich sind, verfahren ähnlich. Die Algorithmen, die hier am Werk sind, liefern uns evolutionäre Optimierungsverfahren unserer Verankerung in sozialen Netzwerken. Auf Basis dieser Daten kann ich mir vorhersagen lassen, in welche Bar ich am späten Freitagabend gehen muss, um auf die von mir bevorzugte Gruppe dunkelhaariger Singles ab 35 ohne Kind und Hund, aber in einer WG lebend, zu treffen. Rechnerisch gesehen, ist das beeindruckend. Als Individuum muss ich mich fragen, ob es meiner „sozialen Fitnessfunktion“ entspricht, wenn ich meiner Peer Group immer ähnlicher werde und sie mir. Oder ob nicht eher ein anderes evolutionäres Moment in meiner sozialen Vernetzung eine Rolle spielen sollte, nämlich der Zufall. Der führt mich abends in ein Restaurant, in dem ich unerwartet meinen Lehrmeister, die Liebe meines Lebens oder meinen neuen Geschäftspartner treffe. Unerwartet, weil er keines der Merkmale aufweist, von denen ich bislang glaubte, sie seien für meine soziale Vernetzung konstitutiv.

Die evolutionsgeschichtlich wichtige Einflussgröße Zufall schrumpft

Auch die Monopolisierungstendenzen, die Apple mit dem iPad vorantreibt, gehören in diese Kategorie. Das iPad ist eine „guided tour“ durchs Netz. Jede Sehenswürdigkeit ist von Apple gemacht, die Torwärter werden von Apple bezahlt, Apple kontrolliert, ob das Umfeld sauber und schicklich bleibt, stellt die Vermarktungsplattformen für Souvenirs (iTunes, iBooks) und macht die Werbung für alles (iAds).

Diese Beispiele zeigen, wie neuere Entwicklungen im Netz menschliches Ermessen und die evolutionsgeschichtlich wichtige Einflussgröße Zufall schrumpfen lassen. Und damit reduzieren sie Freiheitsgrade. Es gibt Freiheit nur um den Preis der Unberechenbarkeit. Der Mensch ist nicht deterministisch. Er ist ein hochkomplexes biologisches, psychisches und soziales System, das noch kein Algorithmus hat kopieren können. Das macht ihn übrigens als Gattung und als Individuum so interessant. Er ist unberechenbar und damit für die Freiheit geeignet. Beim Computer dürfen wir da durchaus Zweifel haben.

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