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Unser berechnetes Dasein : Geben wir dem Zufall eine Chance

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Warum ist das so? Weil der Computer eine Rechenmaschine ist. Er ist die Plattform für datenbasierte Algorithmen, die nicht mehr sind als eine exakt definierte Handlungs-, respektive Rechenvorschrift zur Lösung eines Problems. Ein Algorithmus ist deterministisch, denn er liefert unter gleichen Eingaben und gleichen Startbedingungen immer dasselbe Ergebnis. Seit langem beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Frage, ob sich mit dem Computer auch Zufall erzeugen lässt, ob es also auch nichtdeterministische Computer geben kann. Das ist eine spannende Frage für die Kryptographie, für ein Computer-Lottospiel, aber auch für Überraschungseffekte in Empfehlungssystemen, wie wir sie heute zunehmend nutzen.

Computer berechnen den Zufall

Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass ein Computer nichtdeterministisch sein könnte. Nichtdeterministische Maschinen gehören als theoretische Modelle zu den Denkkonstrukten der Physik und Informatik, aber praktisch haben sie keine Bedeutung. Auf den Punkt gebracht, bedeutet das: Das Erzeugen von Zufall per Computer ist unmöglich.

Natürlich gibt es randomisierte, genetische oder gar evolutionäre Algorithmen, die versuchen, genau dieses Problem zu lösen. Versuchen ist hier das falsche Wort. Computer versuchen sich nicht am Zufall, sie berechnen ihn. Wenn ich mit dem Computer eine zufällige Zahlenfolge produzieren will, dann kann ich einen bestimmten Startwert (Seed) eingeben, dann wähle ich einen Pseudo-Zufallsgenerator aus und der Computer rechnet los. Bei hochwertigen Zufallsgeneratoren produziert er Zahlen, die gute statistische Eigenschaften aufweisen, also in Rechenmodellen funktionieren. Wirklich zufällig sind sie allerdings nicht. Der Computer mag milliardenfach Zahlen errechnen, die zufällig scheinen, irgendwann wiederholt sich die Zahlenreihe. Jede dieser Zahlen ist Bestandteil einer endlichen und letztlich absehbaren, also vorhersagbaren Zahlenreihe, die eben eine Rechenregel und nicht den Zufall widerspiegelt.

Wir bleiben unser eigener Status quo

Durch den Zufall kommt das Neue in die Welt - ganz im Sinne der Evolutionstheorie. Verlassen wir uns zunehmend auf Algorithmen, dann beschränken wir uns auf ein theoretisch in seinen Dimensionen unbeschreibbar großes, aber dennoch immer deterministisches und damit endliches Set an Auswahlmöglichkeiten. Und weitergedacht bedeutet das: Alles, was es in der Zukunft geben kann, ist schon in der Vergangenheit angelegt. Denn die Elemente der Berechnung müssen alle schon vorhanden sein, damit sie funktioniert. Und selbst wenn ich Zufallsbits durch einen randomisierten Algorithmus einrechnen lasse, steht deren Zahl und Ausprägung fest. Sie verändert also die Art und Folge der Ergebnisse, aber nie so, dass die Ergebnisse an sich zufällig wären. Alle Zukunft ist damit immer Replikation und Rekombination des aus der Vergangenheit Bekannten. Wir bleiben unser eigener Status quo.

Von diesem Zustand sind wir noch weit entfernt. Dennoch zeichnen sich einige Entwicklungen ab, die dieses Denkkonstrukt widerspiegeln. Bei der Lektüre einer Zeitung oder ihrer Website ist es unvorhersagbar, was ich dort alles finden werde. Die Inhalte sind von Journalisten gemacht, resultieren also aus menschlichen Entscheidungen. Wir können uns als Leser überraschen lassen. So werden wir zu Themen gelenkt, die wir aus unserem Wissensstand heraus und nach unserer jeweiligen Interessenlage nicht gewählt hätten - vorbeigesurft. Die Kompilation eines Generalmediums macht es möglich, dass der Zufall greift und wir etwas finden, von dem wir nicht wussten, dass es uns interessieren könnte.

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