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Soziale Netzwerke : Ich weiß, was du bald mögen wirst

  • -Aktualisiert am

Der Nutzer sendet seine Vorlieben und Interessen an die großen Brüder in Kalifornien Bild: dapd

Soziale Netzwerke liefern uns die Welt frei Haus. Aber die Nähe ist trügerisch. Von der wirklichen Welt sind nur noch Tweets wie „Ich esse gerade ein Eis“ übrig geblieben. Uns droht die Verbiederung.

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          Als das soziale Netzwerk Facebook vor einem Wimpernschlag der Geschichte alle Schüler von vierzehn bis fünfunddreißig Jahren zum Ringelpietz ohne Anfassen bat, wurde es still auf den Straßen. Manchmal macht eine gewisse Tessa einen Fehler bei Facebook, und schon merken wir wieder, dass Deutschland doch noch eine Jugend hat. Bei Google plus geht es etwas anders zu, es spricht mehr die älteren Semester an (Google plus: Auch Mittdreißiger mögen es, gesiezt zu werden). Die wandern in Scharen von Twitter zum neuesten virtuellen Café. Was aber bedeutet diese postmoderne Völkerwanderung für unseren Umgang mit Kultur?

          Sowohl Facebook als auch Google haben etwas mit uns vor. Denn wir zahlen dort ja nichts. Wir sind die Ware. Beide Firmen wollen die Nutzer an Werbekunden und Online-Verkäufer durchreichen. Sie brauchen dazu aber Intelligenz. Früher glaubte man noch, dass, mit den nötigen Rechenregeln im Gepäck, jeder Anbieter die Inhalte im Netz kategorisieren konnte. Dann wäre es ein Leichtes, die Zielgruppen mit Inhalten anzulocken und links und rechts mit aufreizenden Werbebannern zu bombardieren.

          Der Nutzer sendet seine Vorlieben an die Brüder in Kalifornien

          Mit „Verplussung“ meint das Internet-Urgestein Peter Glaser die „Like“-Knöpfe und „+1“-Schalter, die mittlerweile unter jedem digitalen Text erscheinen. Damit könnte jeder Leser sein Gefallen ausdrücken. In Zukunft mag es sogar Knöpfe geben, mit denen man Unverständnis oder gar Unmut auf eine nahezu neutrale Art äußern kann. Denn es nützt wenig, wenn die bisherigen Softwarelösungen erkennen, dass ein Text mit dem Titel „Stuttgart 21 - Mit Wasserwerfern gegen Schüler“ mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 Prozent über die Themenfelder Demonstration, Stuttgart, Bahnhof, Baustelle berichtet. Erst wenn Menschen einen Text mögen, wird es interessant, und zwar in zweierlei Hinsicht: Der Nutzer hat etwas über seine Vorlieben und Interessen an die großen Brüder in Kalifornien gesendet. Das tun wir zwar jeden Tag mit dem Gebrauch der Kreditkarte auch, aber da haben wir schon bezahlt. Ertragreicher ist es zu ermitteln, in welchem Umfeld Google und andere besonders viel Geld verdienen werden - nämlich da, wo auch die Nutzer sind.

          Das normale Gespräch über Alltägliches wird durch den „Like”-Button entwertet

          Denn die Kalifornier haben bekannte Büro-Lösungen im Netz nachgebaut. Browser wie Firefox oder Internet Explorer reichen zum Arbeiten. Noch nicht einmal eine Festplatte ist nötig, weil die Daten auf Servern von Google gespeichert werden. Eine Nachricht an die Kollegen genügt, und man arbeitet zusammen am selben Dokument. Jetzt kommen auch die ersten Notebooks auf den Markt, die gar keine Festplatte mehr haben: Chromebooks. Mit Googles neuem Betriebssystem spart sich der Nutzer die Lizenzkosten für Windows. Wenn man dann allerdings kein Internet hat, ist der Rechner fast ohne Funktion.

          Unser Verhalten im Netz bestimmt den Preis für dortige Anzeigen

          Die Tatsache, dass Google für diesen kostenlosen Service „nur“ unsere Interessen anonym mitschreibt, um uns maßgeschneiderte Werbung anzubieten, kann in gewissem Ausmaß noch toleriert werden. Aber was ist, wenn die amerikanische Regierung Google zu Dingen zwingt, die ihrem bisher relativ verlässlichen Ansehen beim Datenschutz zuwiderläuft: Amazon und amerikanische Kreditkartenfirmen hatten dem Whistleblower-Netzwerk Wikileaks Ende 2010 den digitalen und finanziellen Stecker gezogen.

          Dank Googles Algorithmen bestimmen wir den Preis der Anzeigen für Online-Magazine und Suchoberflächen durch unser eigenes Verhalten im Netz. Gleichzeitig zementieren wir damit auch unsere eigene Sicht auf die dort vermittelte Sicht auf die Welt. Denn seit Günther Anders und Jean Baudrillard ist es offensichtlich, dass wir nur noch einen medial aufbereiteten Blick auf die Welt haben. Und der direkte Kontakt ist nicht erst durch die digitalen Codes verstellt worden. Anders hatte in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ Mitte der fünfziger Jahre am Beispiel des Fernsehens erkannt, dass uns die Welt nunmehr als Ware mit ästhetisch geformten Stilmitteln präsentiert wird. Der Warencharakter der künstlichen Welt drückt sich aber besonders darin aus, dass man per Knopfdruck darüber entscheiden kann, ob und wann man die Welt nun sehen will oder eben nicht.

          Wir sehen nur das, was wir erwarten

          Was damals die Kanalwählschalter der ersten Fernseher waren, ist heute unsere Computer-Maus. Sie wählt den Kanal aus, der ein harmonisches Übereinstimmen mit unseren Wünschen liefern kann. So lesen konservativ eingestellte Leser Zeitungen, Bücher und Websites, die diesen Lebensstil begründen können. Progressive Menschen bevorzugen die Herausforderungen mit dem ständigen Blick auf die drohende Zukunft. Dazwischen befindet sich eine große Menge von Menschen, die durch den modernen Hochleistungs-Lebensstil so erschöpft sind, dass sie den Zeitpunkt des Tiefschlafs nur noch mit künstlicher Berieselung herauszögern können. In diesem, dem Wachkoma ähnlichen Zustand sind sie höchstens noch in der Lage, kohlenhydratreiche Kost und Unterhaltung zu konsumieren.

          An dieser Stelle setzen die Internetkonzerne an. Wer es geschafft hat, dem Wachkoma zu entkommen, darf seit diesem Jahr selbst bestimmten, wer die beste Weltsicht verbreitet. Die Fernbedienung hat sich damit von der klickenden Maus in die Statistiken der Googles dieser Welt verlagert. Von jetzt an wird ohne unser Zutun der Kanal für uns so eingestellt, dass wir immer nur das sehen, was wir erwarten. In Amerika wurde dieser Vorgang unlängst als „filter bubble“ diskreditiert. Offenbar wusste der Autor Eli Pariser noch nicht, dass wir diese Hoheit über die Vermittlung der Welt auch mit der Fernbedienung nie hatten. Insofern ist es nur konsequent, wenn wir nun immer selbst über das bestimmen, was uns die Medien im Netz morgen nicht liefern werden.

          Das, was als Müll im Internet gilt, ist der wahre Schatz

          Eli Pariser hatte in seinem im Frühjahr auch auf Deutsch erschienenen Buch „The Filter Bubble“ darauf aufmerksam gemacht, dass wir in sozialen Netzwerken und bei Suchmaschinen immer mehr die zukünftigen Ergebnisse der Suchvorgänge und die präsentierten Inhalte bei Facebook beeinflussen. Denn automatisierte Regelwerke wie die Algorithmen der Informatiker begleiten jeden unserer Klicks und lernen unsere Vorlieben kennen. Sie bestimmen dann über die zukünftig unterlassenen Inhalte und bevorzugen bestimmte Quellen und Themen, ja, sogar Personen.

          Das stimmt aber nur zum Teil. Denn die wirkliche Welt, die einfach so passiert, ohne dass ein Kameramann die Widerstandskämpfer richtig ins Bild rückt, ohne dass ein Kommentator angesichts der kurzen „Tagesschau“-Beiträge seinen Bericht kürzen muss, diese echte Welt findet auch noch immer im Web statt. Es sind die verlachten Tweets bei Twitter: „Bin bei Favretti. Kann mich nicht entscheiden, ob ich Erdbeer oder Himbeer nehme. Peter isst sowieso nur Nusseis. Alle warten.“ Oder es sind die vielen tausend Stunden selbsterstellter Videos.

          Die Algorithmen reagieren nicht auf Allerweltsthemen

          Was heute noch alle als den Müll des Internet betrachten, ist im Grunde der kostbare Schatz. Denn alles, was Gewicht hat, sinkt auf den Boden. Aus fluidmechanischer Sicht ist die höchste Geschwindigkeit des Informationsstroms in der Mitte. Dort tobt der Kampf um die „Like“-Klicks der Nutzer. Aber die Belieferung der Menschen mit Welt hat aus kultureller Sicht ihre Tücken. Denn es ist nicht die eingeschränkte Weltsicht, die Google plus und Facebook mit dem „Like“-Button forcieren und automatisieren, was uns Angst machen sollte. Es ist das Entwerten des normalen Gesprächs über Alltägliches. Denn die Algorithmen wollen nur seltene Eigennamen und besondere Verben. Sie reagieren nicht auf Allerweltsthemen wie Wetter, die bizarre Nachbarin oder ein Straßenfest. Außen am Ufer des Informationsstroms spielt die Musik, die Hormone in Wallung bringt. Dort werden Menschen angelächelt. Und dort entsteht das, was wir Pflege des Menschlichen nennen, Kultur eben.

          Aber auch dafür haben geschickte Strategen etwas auf Lager. Wir nennen das abschätzig Soap Operas oder Dokudrama. Sie sind Teil des Projekts Pseudofamiliarisierung, das Günther Anders als Verbiederung bezeichnete. Man schickt uns völlig fremde Ereignisse, Menschen und Situationen ins Haus und präsentiert sie so, als wären sie Teil unserer Familie. Das betrifft auch Journalisten, die gern personalisieren und jede Geschichte besonders pfiffig finden, wenn sie harte Sachthemen auf eine Person zuschneiden.

          Die Demokratisierung des Universums

          So geschah es beim „Spiegel“-Artikel „Am Stellpult“ von René Pfister, dem der Nannen-Preis wieder aberkannt wurde. Das Aufheben der Distanz zu Themen wie der Macht von Politikern geht laut Anders so weit, dass wir eine Demokratisierung des Universums betreiben. Wir neigen dazu, das demokratische Prinzip der Gleichberechtigung auf alle Lebensbereiche zu übertragen. Auf diese Weise neutralisieren wir zugleich unsere Umwelt, da wir alles in eine Scheinnähe rücken. Genau das passiert mit den „Like“-Buttons und den Bekanntenkreisen bei Google plus.

          Es ist bei genauer Betrachtung nicht besonders klug, Nähe und Distanz künstlich aufzuheben. Denn dann leben wir in einer „proximity bubble“, einer Schimäre namens Nähe. Neuerdings heißt diese Blase übrigens „Relevanz“. Das macht alles nur noch schlimmer, weil niemand so recht weiß, ob sein Nachbar oder das Straßenfest relevant ist. Bei einem Artikel eines Unbekannten, den wir online lesen, maßen wir uns das Urteil ohne Umschweife an. Dabei sind wir nicht einmal drei Schritte in dessen Schuhen gegangen.

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