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Soziale Netzwerke : Ich weiß, was du bald mögen wirst

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Das stimmt aber nur zum Teil. Denn die wirkliche Welt, die einfach so passiert, ohne dass ein Kameramann die Widerstandskämpfer richtig ins Bild rückt, ohne dass ein Kommentator angesichts der kurzen „Tagesschau“-Beiträge seinen Bericht kürzen muss, diese echte Welt findet auch noch immer im Web statt. Es sind die verlachten Tweets bei Twitter: „Bin bei Favretti. Kann mich nicht entscheiden, ob ich Erdbeer oder Himbeer nehme. Peter isst sowieso nur Nusseis. Alle warten.“ Oder es sind die vielen tausend Stunden selbsterstellter Videos.

Die Algorithmen reagieren nicht auf Allerweltsthemen

Was heute noch alle als den Müll des Internet betrachten, ist im Grunde der kostbare Schatz. Denn alles, was Gewicht hat, sinkt auf den Boden. Aus fluidmechanischer Sicht ist die höchste Geschwindigkeit des Informationsstroms in der Mitte. Dort tobt der Kampf um die „Like“-Klicks der Nutzer. Aber die Belieferung der Menschen mit Welt hat aus kultureller Sicht ihre Tücken. Denn es ist nicht die eingeschränkte Weltsicht, die Google plus und Facebook mit dem „Like“-Button forcieren und automatisieren, was uns Angst machen sollte. Es ist das Entwerten des normalen Gesprächs über Alltägliches. Denn die Algorithmen wollen nur seltene Eigennamen und besondere Verben. Sie reagieren nicht auf Allerweltsthemen wie Wetter, die bizarre Nachbarin oder ein Straßenfest. Außen am Ufer des Informationsstroms spielt die Musik, die Hormone in Wallung bringt. Dort werden Menschen angelächelt. Und dort entsteht das, was wir Pflege des Menschlichen nennen, Kultur eben.

Aber auch dafür haben geschickte Strategen etwas auf Lager. Wir nennen das abschätzig Soap Operas oder Dokudrama. Sie sind Teil des Projekts Pseudofamiliarisierung, das Günther Anders als Verbiederung bezeichnete. Man schickt uns völlig fremde Ereignisse, Menschen und Situationen ins Haus und präsentiert sie so, als wären sie Teil unserer Familie. Das betrifft auch Journalisten, die gern personalisieren und jede Geschichte besonders pfiffig finden, wenn sie harte Sachthemen auf eine Person zuschneiden.

Die Demokratisierung des Universums

So geschah es beim „Spiegel“-Artikel „Am Stellpult“ von René Pfister, dem der Nannen-Preis wieder aberkannt wurde. Das Aufheben der Distanz zu Themen wie der Macht von Politikern geht laut Anders so weit, dass wir eine Demokratisierung des Universums betreiben. Wir neigen dazu, das demokratische Prinzip der Gleichberechtigung auf alle Lebensbereiche zu übertragen. Auf diese Weise neutralisieren wir zugleich unsere Umwelt, da wir alles in eine Scheinnähe rücken. Genau das passiert mit den „Like“-Buttons und den Bekanntenkreisen bei Google plus.

Es ist bei genauer Betrachtung nicht besonders klug, Nähe und Distanz künstlich aufzuheben. Denn dann leben wir in einer „proximity bubble“, einer Schimäre namens Nähe. Neuerdings heißt diese Blase übrigens „Relevanz“. Das macht alles nur noch schlimmer, weil niemand so recht weiß, ob sein Nachbar oder das Straßenfest relevant ist. Bei einem Artikel eines Unbekannten, den wir online lesen, maßen wir uns das Urteil ohne Umschweife an. Dabei sind wir nicht einmal drei Schritte in dessen Schuhen gegangen.

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