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Soziale Netzwerke : Auch Mittdreißiger mögen es, gesiezt zu werden

Will Facebook mindestens Konkurrenz wenn es nicht gar überflüssig machen: Google plus legt kontinuierlich zu Bild: dapd

Redet nicht gleich von „Freunden“, eine schön neutrale „Person“ tut es auch: Das neue soziale Netzwerk Google plus ist eher etwas für Erwachsene. Ein Erfahrungsbericht.

          Plötzlich waren sie wieder unter sich. Letzte Woche gab es für kurze Zeit wieder ein Stück Internet ohne Farmville, ohne Umfragen nach Lieblingseissorten, ohne Mütter, überhaupt mit ganz wenigen Frauen und Katzenbildern. Dafür waren alle wichtigen Netzmenschen da, alle techniksozialen Auskenner, alle Was-mit-Medien-Berater mit siebenhundert Kontakten inklusive eigenen Zweitaccounts. Man kannte jeden und klickte sich gegenseitig an. Es war fast wie damals um die Jahrtausendwende, als jeder Blogneuzugang mit Handschlag begrüßt wurde. Und sogar die, die sonst über den Ausverkauf des Internet granteln, zeigten sich euphorisch.

          Das neue soziale Netzwerk Google plus soll Facebook Konkurrenz, wenn nicht überflüssig machen. Die Netzseligkeit hielt eine Woche an, innerhalb deren erst rund fünfhunderttausend Testnutzer zugelassen waren. Am zweiten Juli-Wochenende waren es wohl schon zehnmal so viele, inzwischen vermuten Hochrechnungen um die zehn Millionen Nutzer. Google selbst hält sich bedeckt. Und langsam steigt auch die Frauenquote.

          Einladungen für einhundert Dollar Sofortkaufpreis

          Im Vergleich zu Facebook, das rund 760 Millionen Nutzer verzeichnet, ist das keine kritische Masse; doch die kann schnell erreicht sein, wenn das neue Netzwerk erst einmal für jeden geöffnet ist. Wann es so weit ist, weiß momentan noch keiner außer Google. Die anfängliche Exklusivität war sicherlich ein Grund, sich um die Google-plus-Accounts zu reißen. Nach welchen Kriterien sukzessive neue Nutzer zugelassen wurden, war geheimnisumwittert. Auf Ebay konnte man Einladungen für einhundert Dollar Sofortkaufpreis bekommen. Anderen war jedes Mittel recht, dem nicht unbedingt beliebten Facebook-Gründer Mark Zuckerberg eins auszuwischen, der sofort zur meistkontaktierten Person auf Google plus avancierte - eine hübsch hinterfotzige Art der Schmähung.

          Facebook kennt nur zwei Zustände: Befreundet oder nicht

          Aber nicht zuletzt laden die Funktionen des Google-Netzwerkes, das sich aufgeräumt, elegant und durchdacht präsentiert, zum Probelauf ein. Denn Zuckerbergs Facebook sieht dagegen nicht nur aus wie ein Betriebssystem aus den neunziger Jahren, es erscheint auch umständlich und starr. Google plus erlaubt nämlich eine deutlich verfeinerte Verwaltung von Kontakten. Facebook kennt nur zwei Zustände: befreundet oder nicht. Leider ist das Leben komplizierter und lässt sich auf diese Weise nur schwer abbilden. Grundgedanke von Google plus ist es nun, dass das Interesse an einer Person nicht immer auf Gegenseitigkeit beruhen muss.

          Anfragen unangenehmer Zeitgenossen

          Und dass das, was für Freunde interessant ist, Kollegen noch lange nichts angeht. Deshalb gibt es keine lineare Liste von Freunden, sondern sogenannte Kreise, in die man jemanden, neutral „Person“ genannt, per Drag und Drop hineinziehen kann, um ihm zu folgen. Falls der so Kontaktierte einen ebenfalls in einen seiner Kreise hineinzieht, bekommt man seine für diesen Kreis bestimmten Statusmeldungen, je nachdem, ob man als Freund oder bloße Arbeitsbekanntschaft eingestuft wird. Wie der andere einen einstuft, erfährt man zum Glück nicht.

          Google gibt auch Hilfestellung zur Verwendung der Kreise: „Ihre echten Freunde, denen Sie auch private Dinge anvertrauen können“, so die Google-Beschreibung, bilden einen anderen Kreis als die Bekannten: „Hier können Sie Personen einordnen, die Sie kennen, die Ihnen aber nicht sehr nahe stehen.“ Man kann auch einen neuen Kreis anlegen und ihn „Leute, mit denen ich nie wieder zu tun haben will“, nennen. Damit beseitigt Google plus ein Facebook-Problem: ob man jemandem Freundschaftsanfragen schickt, den man nur flüchtig kennt, oder ob man Anfragen unangenehmer Zeitgenossen wirklich bestätigen will oder lieber ignoriert, was leicht zu Verwicklungen und Verkrampfungen führen kann. Facebook ist ein zu grobes Werkzeug für eine derart filigrane Angelegenheit wie das Hegen und Pflegen von Sozialkontakten, Google plus macht das besser. Vielleicht ist es auch eine Frage des Stils.

          Denn Google macht jetzt alles

          Während Facebook seinen Highschool-Stallgeruch nie abschütteln konnte und seine Nutzer bis ins Kleingedruckte penetrant duzt, nimmt sich Google plus erwachsener aus. Es ist schön, als Mittdreißiger gesiezt zu werden und Tippfehler in Statusmeldungen nachträglich korrigieren zu können. Es ist sinnvoll, erst einmal von „Personen“ oder „Leuten“ zu sprechen, anstatt gleich von Freunden, denn Freundschaft will verdient werden, auch im sozialen Netzwerk.

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