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Sicherheitssoftware : Microsoft blockiert eine unliebsame Spendenseite

Guru einer Bewegung in Bewegung: Richard Stallman, Präsident der Free Software Foundation, bei einem Vortrag im Jahr 2006 Bild: AIJAZ RAHI/AP/dapd

Ein Microsoft-Programm hält ausgerechnet die Spendenseite der Free Software Foundation für eine Glücksspielseite und verwehrt Nutzern den Zugang. Ein Vorfall mit Nebengeschmack.

          Nein, „fsf.org“ ist keine Glücksspielseite, sondern die Netzrepräsentanz der ehrwürdigen Free Software Foundation, einer vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gegründeten gemeinnützigen Organisation, die sich der Unterstützung freier, also die Rechte ihrer Nutzer in keinerlei Weise einschränkender Software verschrieben hat. Und die auf Spendengelder angewiesen ist.

          Nutzt man beim Surfen im Netz jedoch ein spezielles Programm des Softwarekonzerns Microsoft, ist die Spendenseite „donate.fsf.org“ nicht zu erreichen: „Forefront Threat Management Gateway“ soll Unternehmensnetzwerke mit den Worten Microsofts „vor zahlreichen internetbasierten Bedrohungen“ schützen. Und verweigert den Zugriff auf die genannte Spendenseite, mit Fehlermeldung 403 und dem Hinweis, es handele sich dabei um eine Glücksspielseite.

          Der Zwerg hat am Riesen etwas auszusetzen

          Was ist das? Ein Witz? Ein bedauerliches Missverständnis? Ein technischer Fehler? Oder doch das, wofür manche Aktivisten es halten, die im Internet gegen die Vorherrschaft der Software-Giganten und für die Verbreitung freier Software eintreten: ein Akt der Zensur?

          Er käme zu passender Zeit, schließlich führt die Free Software Foundation gerade eine Kampagne gegen Microsoft - gegen die Vorgabe, dass Computerhersteller nur dann ihre Produkte damit bewerben dürfen, kompatibel mit dem kommenden Betriebssystem Windows 8 zu sein, wenn sie eine sogenannte „Secure Boot“-Funktion vorinstallieren, die den Computer daran hindert, während des Hochfahrens unautorisierte Programme zu laden. Andere Betriebssysteme müssten damit nicht nur ebenfalls einmalig autorisiert werden, sondern bei jedem einzelnen Update. Und die sind, jeder Firefox-Nutzer weiß das, bei freier Software nicht unbedingt selten. Es wird den Nutzern also nach Kräften verleidet, etwas anderes als Windows zu nutzen. Auch gegen Windows 7 hatte die Free Software Foundation Front gemacht. Die Vorwürfe hier: Windows schränke die Rechte der Nutzer ein, missachte ihre Privatsphäre, mache sie regelrecht abhängig von den eigenen Produkten und deren Updates.

          Noch eine Form der Netzsperren

          John Sullivan, Geschäftsführer der Stiftung, will dem Konzern vorerst keine Böswilligkeit unterstellen, wartet lieber auf eine Stellungnahme Microsofts und belässt es einstweilen bei dem Hinweis, dass eine Software, die nicht zwischen einer Glücksspiel- und einer gemeinnützigen Stiftungsseite unterscheiden könne, jedem, der sie einsetze, womöglich mehr schade als nütze.

          Für die Nutzer tritt mit diesem Zwischenfall eine weitere Einschränkung der eigenen Bewegungen im Netz in den Fokus: Zu den umstrittenen staatlichen Netzsperren und den Grenzen, die von und über Suchmaschinen gesetzt werden können, kommt über die Sicherheitsdienstleister eine weitere Option. Über den Browser, über umfangreiche Schutz-Services spezialisierter Softwarefirmen oder eben über die Voreinstellungen von Netzwerken.

          Zwischen Schutz und Bevormundung

          Bewegen auch wir uns letztlich im Netz wie unsere Kinder, denen spezielle Programme Zugang tunlichst nur zu einem unbedenklichen Ausschnitt des Internets gewähren? Was erfahren wir über diese heimlichen Bedenkenträger und ihre eigentümliche Balance zwischen Schutz und Bevormundung, wie können wir uns davor schützen, wie notfalls dagegen angehen?

          Wenige Tage nach dem Tod des Schriftstellers Ray Bradbury machte jüngst der Vorschlag im Internet die Runde, in Gedenken an den visionären Autor und seinen berühmtesten Roman, in dem eigenständiges Denken verfolgt wird und der Besitz von Büchern unter Strafe steht, einen neuen HTTP-Code für Internetseiten einzuführen, die der Zensur zum Opfer gefallen sind und deshalb nicht angezeigt werden dürfen: Error 451.

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