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Robotik-Spezialist Sebastian Thrun : Verändert er die Welt?

Stanford kam auf Rang 412

Wir setzen uns auf die Sofas vor einem riesigen Fernseher, Sebastian Thrun schwärmt von seinem neuen Projekt „Udacity“: „Es ist das größte, das ich jemals angefasst habe.“ Auch dieses Projekt erklärt er zu einem der Befreiung - von unzeitgemäßen, nichtskalierten Lehrmethoden, von dem begrenzten Resonanzraum des Hörsaals und nicht zuletzt von den beachtlichen Schulden amerikanischer Studenten. Mehr durch Zufall ist er in die Sache hineingeraten. Probeweise hatte er 2011 in Stanford parallel zu seiner physischen eine erste Online-Vorlesung angeboten - an sich nichts Neues, das MIT macht das schon seit Jahren, die von Bill Gates unterstützte Khan Academy erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Aber schon in der zweiten Vorlesung machte Thrun eine grundstürzende Erfahrung: Waren zur ersten Hörsaal-Vorlesung über „Künstliche Intelligenz“ noch 200 Studenten erschienen, die viel Geld dafür bezahlt hatten, kamen zu der zweiten nur noch dreißig. Die anderen signalisierten Thrun, dass sie mit seiner Online-Vorlesung, die er auf Quiz und selbständige Problemlösung aufgebaut hatte, besser zurechtkämen. Sie konnten die kurzen Videos mehrfach anschauen und den Ort dafür frei wählen. 160000 Menschen aus der ganzen Welt schrieben sich für den kostenfreien Online-Kurs ein, die besten 411 Abschlüsse machten Online-Studenten, erst dann kam einer aus Stanford.

Thrun gibt sich sicher, dass das Online-Learning die universitäre Ausbildung in den kommenden Jahren radikal umkrempeln wird. „Industrien verändern sich normalerweise, wenn eine Kosteneinsparung von neunzig Prozent entsteht. Unsere Ausgaben betragen im Vergleich zu den Studiengebühren einer Elite-Universität ein Tausendstel.“ Wobei Thrun, der in Stanford seine Festanstellung gekündigt hat, sein Projekt zunächst nicht in Konkurrenz zu anderen Universitäten sieht - wie auch, die Abschlüsse sind nicht vergleichbar, und das Wissen seiner Dozenten verdankt sich der kostenintensiven Ausbildung an traditionellen Universitäten. Seine Konkurrenz ist „das Nichts“, sagt er, weil viele seiner Studenten berufstätig oder Rentner sind. Das erste halbe Jahr „Udacity“ hat er aus eigener Tasche bezahlt, die weitere Finanzierung könnte auf Werbeerlösen oder Vermittlungsgebühren beruhen. Die Kurse sollen kostenfrei bleiben.

Muster der Zukunft

Auf dem Weg zurück in die Garage bietet er mir eine Probefahrt mit seinem Nissan an. Und bevor mir wieder zu Bewusstsein kommt, dass dieser „Leaf“ ein Automatik-Auto ist, sitze ich hinter dem Steuer und suche die Kupplung. „Führerschein haben Sie ja?“, fragt Thrun, bevor ihm nach wenigen Metern, dem ersten Stoppschild und einer Vollbremsung bewusst wird, dass das Experiment nicht ohne Tücken verläuft. Ein Roboter-Auto würde sich nicht so dumm anstellen. Doch wir bewahren Haltung bis zu unserem Zielort, der vorpreschende Forscher und der bremsende deutsche Reporter, ein Muster der kommenden Jahre.

Am Vortag hatte Thrun beim Zwischenstopp in einem Café die These vertreten, die Geisteswissenschaften drohten den Anschluss an die rasante Entwicklung in den Naturwissenschaften zu verlieren. Sie entwickelten zum Beispiel keine Theorie der neuen Medien, das finde er schade. Wenig später war er aufgesprungen und hatte schon fast im Abdrehen gefragt: „Gehen wir?“

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