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Robotik-Spezialist Sebastian Thrun : Verändert er die Welt?

Die Gesellschaft von Technologie befreien

„Wir sind nicht daran interessiert, andere auszuspionieren, Gesichtserkennung wird es auf unserem System nicht geben“, sagt Thrun. Deshalb leuchtet das Display auf, wenn der Computer eingeschaltet ist, und für das Schießen von Fotos gibt es einen Knopf, dessen Betätigung einer klaren Geste bedarf.

Optik der Zukunft? Aus dem Werbevideo für Google Glass

Zurück im Büro, zeigt mir Thrun das Exemplar, das er über mehrere Monate hinweg getestet hat. Es ist ein frühes, orangefarbenes Modell, bei dem ein Nasenpolster fehlt. Es ist nicht schwerer als eine Sonnenbrille, soll weniger als fünfzig Gramm wiegen und liegt mit seiner gebürsteten Metalloptik angenehm in der Hand. Das geschliffene Display mit seinem eingelassenen Spiegel glänzt geheimnisvoll wie ein Mojo aus Kristall, das auf den Betrachter gerichtete Kameraauge daneben starrt einen an.

„Unsere Aufgabe war es, einen Computer zu schaffen, der leicht genug ist, dass man ihn den ganzen Tag tragen möchte.“ Das Display wurde so über dem Auge angeordnet, dass es die normale Sicht nicht behindert. „Ich möchte nicht den ganzen Tag einen Bildschirm vor dem Auge haben. Ich liebe die Welt, wie sie ist.“ Auch der Lautsprecher wird nicht ins Ohr geführt, das Hörvermögen soll nicht beeinträchtigt werden, den Sound soll man trotzdem klar wahrnehmen können. „Das Ziel von Glass ist es, den Menschen und die Gesellschaft von Technologie zu befreien“, sagt Thrun.

Virtuelle Dauerteilhabe

Betrachtet man allerdings die in ihrer Freihändigkeit beeindruckenden Schnappschüsse auf dem Google-Glass-Profil, kann ebenso das Gegenteil eintreten: Das Teilen möglichst spektakulärer Erlebnisse könnte zum neuen Kult unter Glass-Trägern werden und deren Freizeitgestaltung in einen einzigen Schnappschuss-Wettbewerb verwandeln. Auch die zunehmende Verschmelzung des Computers mit dem Körper, eine Tendenz, für die der Nanotechnologe Babak Parviz wie kaum ein Zweiter steht - er hat bereits eine Kontaktlinse mit integriertem Monitor entwickelt -, könnte manchen zu einer virtuellen Dauerteilhabe verleiten.

Die Google-Brille wird im öffentlichen Raum für Widerstand sorgen, doch sie dürfte zum Pflichtgerät werden für Wochenendpartnerschaften, Mountainbiker, die mit Fallschirmen aus dem Flugzeug springen, für Eltern auf Geschäftsreisen, Rettungssanitäter und Bildredakteure. Im nächsten Jahr wird ein Glass-Prototyp zunächst nur für Entwickler herausgebracht werden, zum Preis von 1500 Dollar.

Am nächsten Tag treffe ich Thrun vor dem Apple-Store in Palo Alto, einem eleganten Fremdkörper in der von Bäumen gesäumten University Avenue. Thrun kommt gerade mit seinem kleinen Sohn vom Schwimmen, wir fahren zu seinem Bungalow auf dem Stanford-Campus. In der Doppelgarage steht ein weißer Porsche mit dem Schriftzug „Udacity“ auf dem Nummernschild. Das großzügige Haus mit zentraler Küche, Böden in Schieferoptik, viel Holz ist alles andere als eine Science-Fiction-Spielwiese. Allerdings trägt Thrun heute spacige Fünf-Zehen-Schuhe und ein Robotics-T-Shirt.

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