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Robotik-Spezialist Sebastian Thrun : Verändert er die Welt?

Als wir an einem Polizeiwagen vorbeifahren, der gerade abbiegt, winkt Thrun freundlich den Beamten zu. Er weiß, wann analoge Handarbeit gefragt ist, die Polizei hat noch Vorbehalte gegen die neue Technik: Was, wenn ein Beamter solch ein Auto anhalten will? Wie reagiert es auf aggressive, unlogisch handelnde Verkehrsteilnehmer? Was wird aus den unzähligen Daten, die das Auto sammelt? Wie schützt man das System wirksam vor Hackern? „Wir müssen den Wagen natürlich deutlich zuverlässiger machen als vom Menschen gelenkte Fahrzeuge, die aber weltweit immerhin in eine Million Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang verwickelt sind. Wenn wir erfolgreich sind, wird das die Welt verändern.“ Blinde, vielleicht auch ganz junge Menschen könnten am Steuer sitzen, es gäbe weniger Energie- und Zeitverschwendung durch Staus, die Leute könnten hinter dem Steuer produktiv sein - so sieht Thrun die Zukunft des Transportwesens.

Der Kühlschrank bestellt die Milch

Seit einigen Wochen ist er nur noch eine Art Schirmherr des Projekts - wegen seiner Udacity-Ambition hat Thrun vor kurzem seine Google-Stelle auf einen Tag in der Woche reduziert. Zurück im Elektroauto sagt er: „Ich gehöre zu den Leuten, die sich gern mal hinten übers Kreuzfahrtschiff werfen lassen, ohne dass sie schwimmen können.“ Es ist die gleiche Situation, in der die Roboter stecken, die Thrun in die Welt setzt und die erst allmählich ihre Orientierung finden. „Was mich am meisten interessiert, ist das Lernen“, sagt Thrun.

Wieder fahren wir auf einen Parkplatz, Thrun dreht eine Runde und weist mit dem Kopf auf ein Gebäude in Backsteinoptik, getönte Scheiben. „Das ist Google X.“ Den Wirbel um das Forschungslabor, das die „New York Times“ kürzlich noch als „top-secret“ bezeichnet hatte, hält er offensichtlich für übertrieben. GoogleX sei „overhyped“, hat er mal gesagt, jedes große Technikunternehmen habe eine Forschungslabor. Auf dem Parkplatz aber sagt er immerhin: „GoogleX ist schon ein big deal, es gibt nicht viele Labors von dieser Größe.“ Über die neuesten Projekte schweigt er sich aus, spekuliert wird über einen in der Entwicklung befindlichen Weltraumfahrstuhl oder das „Internet der Dinge“ mit smarten Büro- und Haushaltsgeräten. Der Kühlschrank soll sich online selbst die Milch bestellen, eine Liste mit hundert Ideen soll es geben.

Google-Mitgründer Sergey Brin mit „Google Glass“ auf der Entwicklerkonferenz I/O

Auch über das neueste von Google öffentlich gemachte X-Project, die digitale Brille, die viele als das nächste große Ding in der Computertechnologie einschätzen, darf er eigentlich nichts erzählen. Apple arbeitet offenbar an einem ähnlichen Projekt. „Wir sind überzeugt davon, dass das Smartphone abgelöst wird von einem Gerät, das näher an der menschlichen Sensorik ist“, sagt Thrun. Der neue Google-X-Chef Sergey Brin hat die Brille mit ihrem auffällig über dem Auge liegenden Display im Fernsehen präsentiert, Thrun hat live ein Bild geschossen, Projektleiter Babak Parviz auf der Entwicklerkonferenz „I/O“ in San Francisco vorausgesagt, „Project Glass“ werde zu einer „neuen Form der Erlebnisteilhabe“ und einem „neuartigen Abrufen von Informationen“ führen. Ein Video des Konzerns zeigt einen jungen Mann, der mit der Brille telefoniert, E-Mails und U-Bahn-Fahrpläne abfragt, sich in einem Buchladen herumführen lässt, Bilder und Videos aufnimmt, versendet und per Sprachbefehl in soziale Netzwerke hochlädt. Im Kommentarfeld des Glass-Profils bei Google Plus lautet die häufigste Reaktion euphorischer Geeks: „Shut up and take my money.“ Es gibt aber auch kritische Stimmen, die fragen, ob die Strahlung so nah am Kopf nicht gesundheitsschädlich ist und ob diese Brille die Privatheit nicht komplett aushöhle und etwa die Gesichtserkennung hoffähig mache.

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