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Plädoyer für eine Software-Kritik : Unser neues Bauhaus

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Wir kritisieren alles Mögliche, aber nicht die Ästhetik und Funktion von Computersoftware. Dabei sollten wir begreifen, dass Technik Kunst und Design benötigt. Wir brauchen eine Bauhaus-Ästhetik fürs digitale Zeitalter.

          Wer auch nur einen Blick auf ein in klassisch-griechischem Stil erbautes Gebäude wirft, kann erkennen, dass es aus vertikalen und horizontalen Elementen besteht, die in bestimmter Weise zusammenwirken. Man braucht nicht zwischen Säulen, frei stehenden Säulen, Halbsäulen und Pilastern, zwischen Architraven, Friesen und Gesimsen in einer der fünf Säulenordnungen zu unterscheiden, um zu sehen, wie ein klassisches Bauwerk funktioniert.

          Cyberwelten sind ähnlich vielfältig im Detail und einfach in der Grundstruktur. Doch aus mehreren Gründen ist es schwieriger, die einfache Grundstruktur von Software zu erkennen. Erstens sind wir es nicht gewohnt, Software kritisch zu betrachten. Wir leben in einem Zeitalter der Kritik, der Literatur-, Kunst-, Architektur-, Kulturkritik, aber nicht der Softwarekritik. Zweitens möchte die Industrie nicht, dass wir die einfache Grundstruktur erkennen. Und schließlich mögen viele Technologen und Technikjournalisten die Schlichtheit, Zurückhaltung und Eleganz nicht, die den Parthenon oder das Dessauer Bauhaus auszeichnen. Sie geben Rokokopalästen mit ihren versteckten Aufgängen, verborgenen Grotten und unterirdischen Seen den Vorzug, wie Microsoft Word oder iTunes von Apple sie darstellen.

          Dennoch ist alles, was in der Welt der digitalen Informationsverarbeitung geschieht – wie alles in der klassischen Architektur – die Variation eines einfachen Themas. Es ist an der Zeit, über dieses Thema nachzudenken. Die beiden orthogonalen Grundelemente der Cyberwelt sind raum- und zeitbezogene Informationsstrukturen. Raumbezogene Strukturen arbeiten nach dem Prinzip eines Schreibtischs, Bücherschranks oder Schaufensters. Man erinnert sich, wo die Information sich befindet. Der Windows-Desktop, eine konventionelle Website, der App-Screen eines Smartphones, der Bildschirm mit den Ergebnissen einer Web-Suche und der Music-Finder auf einem MP3-Player – all das sind raumbezogene Informationsstrukturen.

          Der digitale Arbeitsplatz sollte in mehrere Ebenen gestaffelt sein, die verschiedene Medien flexibel verknüpfen

          Zeitbezogene Strukturen arbeiten wie Partituren, Skripte, Drehbücher oder Tagebücher. Wer sich darin von vorne nach hinten bewegt, der bewegt sich in der Zeit voran. Wer rückwärtsgeht, bewegt sich in die Vergangenheit. Eine Filmrolle ist eine Zeitrolle. Natürlich entlehnen zeitbezogene Strukturen dem Raum eine Dimension, um Zeit auf dem Bildschirm darzustellen. Dieses Verfahren ist bekannt, seit erstmals eine Kriegschronik in parallelen Linien auf eine Steintafel geprägt wurde oder sich auf einer Siegessäule spiralförmig in die Höhe zog.

          Die Einträge in einem Blog, die Nachrichten in einem Mailer, die Tweets auf Twitter, die Notizen auf einer Facebook-Wall oder in jedem anderen „Activity-Stream“ sind Elemente zeitbezogener Informationsstrukturen – wie die aufeinander folgenden Einzelbilder auf einer Filmrolle. Die erwähnten zeitbezogenen Strukturen sind sämtlich Beispiele für die von Eric Freeman und mir Mitte der neunziger Jahre erfundenen „Lifestreams“ („Activity-Streams“). Doch zeitbezogene Strukturen als solche sind so alt wie das erste geschriebene Tagebuch, die erste niedergeschriebene Geschichte.

          Faltungen der digitalen Arbeitsfläche

          Diese einfachen Tatsachen stünden im allerersten Abschnitt eines Lehrbuchs der Cyberstrukturen, wenn es das gäbe. Wir behaupten gern, von Information fasziniert zu sein, haben aber nicht einmal Zeit für dieses Grundlagenwissen – und das ist befremdlich. Vielleicht lassen wir uns zu sehr von den Gaben der Technologiegötter blenden (die offensichtlich in einem Tal in Kalifornien leben), als dass wir einen Schritt zurückträten und nachdächten. Jede praktische Informationsumgebung bedarf des Zusammenwirkens einer raum- und einer zeitbezogenen Struktur. In jeder rationalen Cyberwelt gibt es offene Grenzen zwischen getrennten raum- und zeitbezogenen Strukturen, so dass Information sich leicht zwischen ihnen bewegen kann. Das Problem, vor dem die raumbezogenen Strukturen (Cyberoberflächen) stehen, ist die Tatsache, dass Computerbildschirme zu klein sind. Die meisten sind kleiner als der durchschnittliche Schreib- oder Arbeitstisch. Doch die Größe eines durchschnittlichen Schreibtischs ist Ausdruck der durchschnittlichen Größe und der Arbeitsgewohnheiten der Menschen. Informationsoberflächen müssen den zu kleinen Raum effizient nutzen, indem sie gute Möglichkeiten bieten, das Cybermobiliar zusammenzuklappen oder zu komprimieren und bei Bedarf wieder aufzuklappen.

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