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Pflichtversicherung für Online-Katastrophen : Vergesst das Recht aufs Vergessenwerden

  • -Aktualisiert am

Chancengleichheit bei der Imagereparatur

Diese Methode hätte einige Vorteile. Erstens bliebe die Funktionsweise des Internets unangetastet. Man müsste die Online-Anonymität nicht aufheben oder komplizierte Zensurmechanismen einführen, wie sie von Vertretern des „Rechts aufs Vergessenwerden“ gefordert werden. Zweitens könnten Opfer von Informations-Tsunamis zumindest eine halbwegs anständige Entschädigung erwarten. Statt vager Versprechungen à la „Es wird nicht wieder vorkommen“ gäbe es Geld auf die Hand. Drittens würde diese Methode für Chancengleichheit unter Versicherungsanbietern sorgen und das Gleichheitsideal stärken. Nicht nur die Reichen, die über erhebliche Mittel verfügen, könnten nun ihren Online-Ruf reparieren lassen.

Vor allem bliebe auf diese Weise der Innovationsgeist des Internets erhalten. Internetfirmen müssten ihr Geschäftsmodell nicht umkrempeln, um den Forderungen nachzukommen, die im Zusammenhang mit dem „Recht aufs Vergessenwerden“ erhoben werden. Und der durchschnittliche Nutzer, der vielleicht schon ganz nervös an seine Reputation denkt, müsste nicht seine Accounts löschen oder ein digitaler Eremit werden. Selbst wenn Anonymous jedes Detail aus seinem Leben veröffentlicht - er würde zumindest finanziell entschädigt.

Eine solche Online-Reputationsversicherung ist natürlich kein Patentrezept. Die Öffentlichkeit muss darauf bestehen, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden. Unternehmen, die sorglos mit dem Datenschutz umgehen, sollten nach wie vor strafrechtlich belangt werden, und Nutzer sollten weiterhin verantwortlich für ihre Daten sein. Eine Reputationsversicherung wäre aber ein gewisser Trost für all jene, die sich in den kafkaeskesten Abgründen des Internets verloren haben.

Hin zur Reputationsversicherung

Und warum obligatorisch? Sollten Leute, die das Internet nicht nutzen, davon befreit werden? Nun ja, dummerweise kann man auch als Nichtnutzer Schaden erleiden. Man kann selbst dann auf einem peinlichen Foto getaggt werden, wenn man nichts über Facebook weiß. Und wenn Anonymous Behördencomputer attackiert, ist jeder Bürger ein potentielles Opfer.

Wie bei jeder vorgeschlagenen Neuerung sind auch in diesem Fall noch unzählige Details auszuarbeiten. Es sind aber keine unüberwindbaren Hindernisse. Tatsächlich bieten einige Versicherer, darunter Konzerne wie AIG, Firmenkunden bereits vergleichbare „Reputationsversicherungen“ an. Diese Angebote müssen auch für Privatkunden bezahlbar sein und praktikable Lösungen für einige der wichtigsten Probleme bieten.

So dürfte es nicht ganz leicht sein, den Begriff „Schaden“, bezogen auf die Online-Reputation, zu messen oder auch nur zu definieren. Dank der zunehmenden Quantifizierung unseres sozialen Status im Web, in dem wir anhand unserer Online-Freunde definiert und beurteilt werden, könnte das aber schon bald leichter werden.

Den Innovationsgeist des Internets erhalten

Es müsste überdies verhindert werden, dass Nutzer peinliche Fotos von sich ins Netz stellen, weil sie auf eine hübsche Entschädigungssumme spekulieren. Gleichzeitig müsste sichergestellt werden, dass risikogefährdete Personen - solche, die auf jeder Internetplattform angemeldet sind - nicht von den Versicherern diskriminiert werden oder überhöhte Prämien zahlen müssen. Dieses Problem der Antiselektion ist jedoch zu lösen, wenn die Versicherung in staatlichen Händen liegt.

Aus innovationstechnischer Sicht könnte es tatsächlich im Interesse der Gesellschaft sein, dass möglichst viele Interessenten möglichst viele Internetdienste testen. Ihnen eine umfassende Online-Versicherung anzubieten könnte ein lohnendes politisches Ziel sein.

Die Chancen einer solcher Versicherung zu ignorieren und zugleich vage, aber populistische Forderungen wie das „Recht aufs Vergessenwerden“ zu erheben muss zu einer falschen Internetpolitik führen. Gute Internetpolitik würde sich darauf konzentrieren, ein Maximum an „Informationswohlfahrt“ zu schaffen und zu schützen. Ein digitales Sicherheitsnetz könnte das Internet menschlicher machen und müsste keineswegs innovationsfeindlich sein.

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