https://www.faz.net/-gsf-xrps

Personalisierte Suchmaschinen : Zwei oder drei Dinge, die sie von uns wissen

  • -Aktualisiert am

Wie lässt sich das von Automatismen gesammelte Personenwissen transparent machen? Bild: REUTERS

Suchmaschinen, Buch- und Musikportale merken sich die Vorlieben ihrer Nutzer. Sie empfehlen dann weitere Waren, sammeln aber auch unkontrolliert gewaltige Datenmengen über uns. Wie personalisiert dürfen diese Funktionen sein?

          8 Min.

          Früher hatte man eine Lieblingsbuchhandlung. Ausschlaggebend war oft die Empfehlung des Buchhändlers. Wenn man sich auf ihn verlassen konnte, sparte das viel Zeit, Geld und Ärger über minderwertige Werke. Für das alltägliche Gebrauchsbuch reichen jedoch inzwischen die Empfehlungen von Algorithmen. Eingebaut in den steten Datenfluss der Online-Buchhandlungen, errechnen sie einen Teil dessen, was ein guter Buchhändler leistet. Welche Bücher werden oft gekauft? Werden Autoren mehr als einmal beschafft? Welche Bücher werden kurz danach goutiert? Gibt es Zusammenhänge zwischen Kategorien, etwa Reiseführern und Elternliteratur?

          Die Mechanismen der automatischen Empfehlungen sind zum Teil einfach nachvollziehbar - Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch noch diese und jene Bücher gekauft. Mit Hunderttausenden Suchanfragen und Einkäufen pro Tag lässt sich eine enorme Menge an Detailwissen über typische Zusammenhänge erstellen. Dazu werden zum Beispiel Statistiken über Stichwort-Cluster gebildet. Jemand, der sich für Sportbootführerscheinlehrbücher interessiert, hat mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch Interesse an Segelbootbildbänden und Do-it-yourself-Büchern zur Bootspflege, vermutlich ebenso für Karten bestimmter Gewässer oder Seewege in Mitteleuropa. Oder gleich für Unterwasseranstrichfarben, Funkgeräte und Schwimmwesten.

          Auf dem Weg zur völligen Automatisierung

          Einen Teil der Einordnungen - in welche Gattung oder Sachgebiet ein Buch gehört und ob es gefallen hat oder nicht - erledigen noch Menschen. Käufer vergeben Sternchen, Verlage Bibliothekstichworte, und Mitarbeiter des Online-Buchladens sortieren die Werke. Doch die Rationalisierung schreitet auch hier voran, die automatische Eingliederung eines Werkes durch algorithmische Analyse des eigentlichen Textes ist nicht mehr fern.

          Schon heute bewerben Verlage der seichteren Belletristik ihre Neuerscheinungen gern als „eine Mischung aus“ - gefolgt von den Namen einiger umsatzstarker Autoren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis solche Analogien auf der Basis von semantischen Analysen und Statistiken gebildet werden. Natürlich werden die Ergebnisse nicht zu hundert Prozent korrekt sein, doch die Fehlerbereinigung erledigen dann die Benutzer per Hand. Auch durch die automatische Analyse von Kommentaren und Bewertungen lassen sich interessante Einsichten gewinnen. Durch Frequenz, Abstand und Klassifizierung von bewertenden Adjektiven und anderen Merkmalen kann eine über die Sternchen-Vergabe hinausgehende schriftliche Bewertung erschlossen werden. Der Textumfang und faszinierenderweise ein automatisch ermitteltes Scoring von Orthographie und Grammatik geben ebenso Auskunft über die Relevanz eines Kommentars wie die Wertungen der Benutzer bei der „Wie hilfreich war dieser Kommentar?“-Frage am Ende.

          Die Urteilskraft lässt sich mit den Mitteln moderner Algorithmen nachbilden. Unvollständig, fehlerhaft, aber eben oft auch gut genug für den jeweiligen Zweck. Wenn der Buchladen eine bizarre Empfehlung gibt, kann man sie ignorieren. Der Algorithmus lernt aber ebenso wie ein guter Buchhändler, dass die Empfehlung offenbar unsinnig war, und ist beim nächsten Mal besser parameterisiert. Wenn die Empfehlung jedoch überraschend gut ist, interessant klingt und erworben wird, beschert sie dem Anbieter einen preiswert gewonnenen Umsatzzuwachs.

          Wettrüsten der Formeln

          Weitere Themen

          Facebook erforschen

          Studie empfiehlt Transparenz : Facebook erforschen

          Bei Druck, Hass und Desinformation endlich Einhalt zu gebieten, gibt sich Facebook immer einsichtig – und bleibt unbehelligt in seinen Verbesserungsversuchen. Eine neue Studie empfiehlt Transparenzpflichten für soziale Netzwerke.

          Das muss konkret werden

          Neue Medienpolitik : Das muss konkret werden

          Hoffnung auf eine medienpolitische Wende? Carsten Brosda und Wolfgang Schulz haben Vorschläge für eine neue Medienpolitik unterbreitet. Doch sie denken zu paternalistisch. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Durch ein anderes Delikt in den Fokus geraten: Der Mörder von Johanna Bohnacker konnte 18 Jahre nach der Straftat gefasst werden.

          „Cold Cases“ : Keiner wird vergessen

          Moderne Ermittlungsmethoden ermöglichen es, neue Spuren in vermeintlich unlösbaren Kriminalfällen zu entdecken. In Hessen werden „Cold Cases“ jetzt systematisch aufgerollt.
          30. November 1989: Die völlig zerstörte Limousine von Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen nach dem Anschlag in Bad Homburg

          Europaweite Fahndung : 101 Hinweise auf frühere RAF-Terroristen

          Die Ausschreibung von zwei mutmaßlichen früheren RAF-Mitgliedern auf einer europäischen Fahndungsliste hat zu mehr als hundert Hinweisen geführt. Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub sollen für mehrere Morde verantwortlich sein – unter anderem an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.