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Online forschen : Man kann Bologna nicht ohne das Internet denken

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Wolfgang Kemp Bild: Wolfgang Kemp

Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp amüsiert sich über Work-Life-Balancer, die nur einmal am Tag ihre E-Mails beantworten: So macht das Internet keinen Spaß. Seiner Forschergeneration konnte gar nichts besseres passieren als dieses neue Medium, findet Kemp. Nur für die heutigen Studenten taugt es nicht.

          Neulich musste ich sehr lachen. Eine Psychologin und Spezialistin für Life-Work-Balance lobte sich dafür, dass sie die E-Mails des Wochenendes erst am Sonntagabend zu öffnen gelernt hatte. So macht das Internet keinen Spaß. Aber schon hier deutet sich an, worauf ich hinauswill und das ist das Internet als Trainingsgerät der Einbildungskraft. Denn wer sich - sagen wir - eine Woche Zeit mit der Beantwortung der elektronischen Post gelassen hat, muss sich einiges einfallen lassen.

          Im Grunde konnte einem Angehörigen meiner Generation nichts Besseres passieren. Ich wurde vor 45 Jahren in die regulären Praktiken wissenschaftlichen Arbeitens eingeübt; Bücher lesend, per Hand exzerpierend und erst mit Stift und dann mit Maschine schreibend verfasste ich meine Texte und bereitete meine Lehrveranstaltungen vor. Hinzu kamen die Dias, die ich als Kunsthistoriker benötigte: sie ließ ich machen oder fand sie fertig in der Diathek meines Institutes vor. Ich bin ein Ausstellungsstück Medienarchäologie.

          Noch weiter zurückgehend darf ich darauf hinweisen, dass ich das Schreiben mit dem Griffel auf der Schiefertafel lernte. Wie im Mittelalter. Das alles, diese lange Entwicklungsgeschichte geistigen Arbeitens hat enorm geübt. Niemand wird sagen können, dass da eine Teleologie am Werke war, aber als es dann dazu kam, dass ich fast alles zu Hause erledigen und aus einem Gerät Informationen und Bilder sowie meine eigenen Texte herausholen konnte, da war die Archäologie nicht einfach abgetan, sondern ihr Logos wirkte fort.

          Zwischen uns und der Berufswelt klaffte ein Abgrund

          Ich habe neulich mal den Test gemacht und einen Vortrag ganz aus der Quelle Internet geschöpft. Ganz ist etwas übertrieben, denn da es um einen Autor ging, dessen Werke aus rechtlichen Gründen noch nicht digital übersetzt sind, musste das eine oder andere im alten Medium Buchdruck nachgelesen werden. Und natürlich brachte ich Fragen und Thesen mit. Es ging um eine Aufnahme, die Thomas Mann in Weimar im Jahr 1949 zeigt, vor dem Goetheschen Gartenhaus stehend. (Steht im Internet.) Das Material war überwältigend, sowohl zu den Goethestätten, als auch zu Mann und zu den Ereignissen des Jahres 1949. Ich konnte Tageszeitungen einsehen, die fotografische Berichterstattung, sowie Bilder des Gartenhauses auswerten und in der rezenten Literatur mich umtun. Meine Fragen wurden beantwortet und neue wurden aufgegeben. Ich meine, dass man beides mitbringen muss: die Lust, sich überraschen zu lassen, und die Disziplin, schließen zu können, im doppelten Sinne von einen Schlussstrich ziehen und eine Schlussfolgerung machen zu können.

          Wie diese Kompetenz einer Generation von native users beigebracht wird, ohne diese lange Übungsstrecke, ist mir völlig unklar. Die Bologna-Studenten, die Generation Praktikum, setzt ihre Referate und schriftlichen Ausarbeitungen aus drei Elementen zusammen: gedruckte Texte herkömmlicher Art, Informationen aus dem Internet und praktische Erfahrungen. Die beiden letzten Zutaten hatten wir als Studenten nicht; zwischen uns und der Berufswelt klaffte ein Abgrund. Insofern sind die Ausgangsbedingungen heute reicher und nicht ärmer, wie oft behauptet. Auch haben wir in Deutschland gelernt, Lehrbücher für den Universitätsunterricht zu schreiben.

          Der Gebrauch des Internet enttäuscht

          Soweit so gut. Wenn die Ergebnisse nicht durchweg zufriedenstellend sind, dann hat das zuallererst seinen Grund darin, dass die Studierenden Schluss machen müssen, aus Zeitgründen und zu leicht befriedigt. Die Zeiten sind vorbei, da man im Semester sich auf ein großes Referat vorbereitete. Die Arbeiten, die wir bekommen, sind zuallererst pragmatisch und von äußerlichen Kriterien wie Seitenzahl, Zahl der benötigten Credit Points, Deadline dominiert. Sie besitzen oft eine durch Erfahrungen und durch persönliche Kontakte gewonnene Lebensnähe, die unserer Auffassung von Wissenschaft im Studium gänzlich abging. Aber der Gebrauch des Internet enttäuscht. Er enttäuscht genauso wie Bologna, und man kann Bologna nicht ohne das Internet denken. So wie es gehandhabt wird, ist es eine Maschine zur Erzeugung eines vorbestimmten Produkts.

          Ich weigere mich, etwas zum Thema Plagiat zu sagen. Außer: Wer als Dozent Aufgaben stellt, die sich abschreiben lassen, ist selbst schuld. Ins Gewicht fällt sicher die große Internetgläubigkeit, die aber auch als Resultat der Zeitnot gesehen werden kann. Am gravierendsten ist jedoch das Ausbleiben der Freiheiten, die das Internet bietet: der unplanbaren Assoziationen, der überraschenden, aber guten Nachbarschaften, der wilden Querverbindungen. Die Surrealisten und die Situationisten hätten das Internet geliebt. Um auf den Vorteil der anders sozialisierten und ins Netz eingewanderten Generation zurückzukommen: Wir lehnen das Dispositiv des Aggregates zutiefst ab. Dies ist aber die Ordnungsform vieler im Internet erstandener Arbeiten. Wer es aus alter Übung schafft, lineares Denken in den Kurven, die der Internetgebrauch vorgibt, aufrecht zu erhalten, hat es geschafft.

          Ich merke gerade, dass ich diesen Text über das Internet an einem Sonntag schreibe und im Internet verschicke.

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