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Online forschen : Das Netz ist die Hölle der neuen Welt

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Bazon Brock Bild: picture-alliance/ dpa

Im Netz kann es kein Vertrauen geben. Daher taugt es nicht für die Wissenschaft, meint der Philosoph und Kulturwissenschaftler Bazon Brock und plädiert für die Einsetzung einer „empathischen Akademie“.

          Sie bemängeln, dass in Kunst und Wissenschaft niemand mehr liest, was die Kollegen schreiben - stattdessen produzieren alle ununterbrochen selbst: Ist Rezeption, ist das Lesen dem Internetzeitalter nicht mehr gemäß?

          Die großen naturwissenschaftlichen Zeitschriften stellen fest, dass tatsächlich niemand mehr ihre Artikel liest. Wenn deswegen selbst hochrangige Wissenschaftler glauben, sie könnten ihre Ergebnisse bequem fälschen, was ja sogar bis in die Ränge der Nobelpreisträger vorgekommen ist - wenn also die Kontrolle völlig wegfällt und jeder das Schreiben, die Produktivität, nur noch als ein Machtinstrument innerhalb der Wissenschaftsindustrie benutzt - dann ist die Wissenschaft selbst widerlegt. Denn Wissenschaft ist ja darauf angelegt, dass Individuen miteinander in Beziehung treten, weil sie die gleichen Themen oder Sachverhalte als problematisch bearbeiten, die gerade, weil sie problematisch sind, auch im Dialog bearbeitet werden müssen.

          Aber wäre die Vernetzung durch das Internet nicht sehr geeignet, um so eine Kooperation zu befördern?

          Die Vernetzung selbst besagt gar nichts. Wenn sie strategisch genutzt wird, also nur, um andere auszubeuten, ist sie sogar gefährlich. Das Wesen von Wissenschaft besteht nicht im Lösen von Problemen, sondern im Problematisieren selbst, jede gefundene Antwort wirft wieder neue Fragen auf. Viele Wissenschaftler stellen ihre Arbeiten deshalb gar nicht ins Netz, denn man wird nur ausgeschlachtet, ohne dass einem der andere hilft, ein Problem als prinzipiell unlösbares auszuhalten. Wenn die Entscheidung für wissenschaftliches Arbeiten, also für ein Arbeiten ohne jede Hoffnung auf Beendigung getroffen wird, muss man, um das auszuhalten, eine extrem stabile Psyche haben. Das kann kein Mensch alleine, man muss also in die Gemeinschaft eintreten. Das ist aber gerade das Manko des Internets: Ohne personale Bindung, ohne Konfrontation und en-face-Kommunikation lässt sich nicht beurteilen, auf welche Weise der andere einem gegenübertritt. Im Netz hat man es meistens nur mit einer Vernichtungskonkurrenz zu tun, doch unter diesen Bedingungen muss man sich das Veröffentlichen im Netz verkneifen.

          Wie kommt es zu dieser „Vernichtungskonkurrenz“?

          Das können Sie gerade beobachten. Die Universitäten werden schlichtweg ruiniert oder in Wissenschaftsindustrien überführt. Heute gibt es keine Professoren mehr, die für etwas einstehen. Sie müssen keine Stabilität mehr aufbringen, sondern sind ausschließlich, wie im gesamten kapitalistischen Wirtschaftsgeschehen, gehalten, den größten Vorteil zu den geringsten Kosten herauszuholen. Das ist alles. Die Universität ist in eine Wissenschaftswirtschaft überführt worden und die Professoren werden zu Funktionären der Wissensindustrie. Sonst ist nichts mehr möglich. Damit fällt die Basis des wissenschaftlichen Forschens im alteuropäischen humanistischen Sinne weg, nämlich: die persönliche Haftung gegenüber den Kollegen, für die Bereitschaft mit ihnen gemeinsam am jeweiligen Problem, ohne Ausbeutung des anderen, zu arbeiten.

          Ihr neues Projekt ist eine „empathische Akademie“, in der die Mitglieder gemeinsam forschen und einander die gegenseitige Lektüre garantieren. Können Sie sich so eine Akademie online vorstellen oder schließt sich das aus?

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