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Obamas digitale Philosophie : Sind Computerviren die Atombomben des digitalen Zeitalters?

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Barack Obama hat laut „New York Times“ die Attacken mit dem Computerwurm Stuxnet auf iranische Atomanlagen persönlich angeordnet Bild: dpa

Ein neues Buch enthüllt die Cyberkriegsführung der Vereinigten Staaten gegen die iranischen Atomanlagen. Als Vordenker spielt Präsident Obama dabei eine zentrale Rolle.

          Am 5. Juni erscheint in den Vereinigten Staaten ein Buch, dessen Vorabdruck in der „New York Times“ internationale Beachtung fand. David Sanger, der Leiter des Washingtoner Büros der „New York Times“, beschreibt dort detailliert und auf der Grundlage seriöser Quellen, wie Präsident Obama eine neue Art der Kriegsführung befürwortet und vorantreibt, in deren Zentrum der strategische Einsatz von Schadsoftware steht. Es war ja schon vermutet worden, dass das Virus Stuxnet, das die iranischen Atomanlagen befiel, aus amerikanischen Laboren stammte.

          In seinem Buch aber zeichnet Sanger genau nach, welche Überlegungen dazu führten, wie der Plan realisiert wurde und welche Art von Schäden tatsächlich angerichtet werden konnten. Stuxnet hat nach dieser Darstellung nicht allein die von Siemens mitentwickelten iranischen Rechner befallen, es sorgte dafür, dass die hochempfindlichen Zentrifugen in unangemessener Geschwindigkeit betrieben wurden, sich mal schneller, dann plötzlich ganz langsam drehten und sich so schließlich selbst zerstörten.

          Irans Ingenieure hatten keinen blassen Schimmer

          Zum Beweis der Wirksamkeit des Zerstörprogramms landete eines Tages aussagekräftiger Schrott auf dem Tisch des geheimen Tagungsraums im Weißen Haus - einstmals glänzende iranische Atomhoffnung. Doch der intendierte Effekt war auch ein psychologischer: Die iranischen Ingenieure hatten keinen blassen Schimmer von dem, was in ihren Anlagen vor sich ging. Sie beschuldigten sich gegenseitig, bauten auch intakte Maschinen aus, und dann, zitiert Sanger einen schadenfrohen Eingeweihten, „begannen sie, Leute zu feuern“.

          Die Veröffentlichung dieses Buches und der sensationelle Vorabdruck sind Teil der anhaltenden Selbststilisierung des Präsidenten als Philosophenkönig des digitalen Zeitalters. Sanger betont an mehreren Stellen, dass sich der Präsident die letzte Entscheidung zum Einsatz neuartiger Waffen, wie solch eines Computervirus, vorbehält. Dann wird beschrieben, wie er mit sich ringt, auf seine Lektüre von Augustinus und Thomas von Aquin verweist, das Pro und Contra abwägt.

          Mehrfach soll er erklärt haben, er befinde sich in derselben Lage wie seine historischen Vorgänger, die über den ersten Einsatz von Atombomben oder Interkontinentalraketen zu befinden gehabt hätten: Man erlaubt den Einsatz neuartiger Technologie, deren ethische Implikationen noch gar nicht zu ermessen sind.

          Obama ist sich darüber im Klaren, dass auch andere Länder oder anarchistische Hacker diese Mittel einsetzen werden und dies damit begründen können, er habe hier Präjudizien geschaffen. Dabei ist kein Land der Welt digital so verwundbar wie die Vereinigten Staaten, intelligente Programmierer mit düsteren Gedanken aber gibt es auf der ganzen Welt.

          Obama will - auch in den ausführlichen Berichten über sein bis dato geheimes Drohnenprogramm, die Ende Mai ebenfalls in der „Times“ erschienen - als ein denkender Staatsmann und Stratege erscheinen, der den Weg zwischen seinen Entschlüssen und ihrer Umsetzung ideal kurz hält. Anders als die Neocons, deren Traum von einem rundum befreiten und befriedeten Nahen Osten im Irak und mit den Folterbildern aus Abu Ghraib endete, verlässt sich Obama auf Methoden, die ihm maximale Kontrolle über die Mittel zu seinen präzisen Zielen garantieren.

          Es ist ganz in seinem Sinne

          Obamas Kriegsführung entspricht seinem Selbstverständnis als Intellektueller, der der philosophischen Richtung des Pragmatismus folgt. Das ist seine Familientradition. Schließlich hat seine Mutter, Ann Dunham, bei Alice Dewey promoviert, der Enkelin des Begründers der pragmatischen Philosophie John Dewey.

          Hieraus entspringt auch Obamas Offenheit gegenüber technischen und wissenschaftlichen Innovationen, vor allem dort, wo sie zur Entwicklung neuer politischer Instrumente taugen. Dass all diese Interna über Cyberkrieg und Drohneneinsätze bekannt wurden, ist ganz in seinem Sinne. Diese Mittel erscheinen als Alternative zu Invasionen und Bombennächten, jedenfalls so lange, bis die Vereinigten Staaten selbst Opfer einer Cyberattacke werden.

          Einstweilen aber staunt die Welt über die smarte neue Obama-Doktrin, und weit und breit ist niemand, der glaubhaft etwas entgegnen könnte. Intellektuell, rhetorisch und von der Nervenstärke her dominiert er die internationale Szene. Er ist der philosophisch geschulte Held, dessen Hand beim Duell nicht zittert und der die Richtigen trifft. Dieses Buch und solche Berichterstattung sichern seine Wiederwahl.

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