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Multitasking : „Facebook ist Selbstprostitution“

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„Facebook ist Selbstprostitution auf Basis von Informationsgier”, sagte der Professor für Medizinische Psychologie Ernst Pöppel Bild: Helmut Fricke

Willkommen in der schönen, neuen Welt des Multitasking: Um nichts zu verpassen, tun wir alles auf einmal. Mit der F.A.Z. sprach Ernst Pöppel, Professor für Medizinische Psychologie, über Facebook, Öffentlichkeitswahn und Intimität.

          Herr Pöppel, was haben Facebook, Twitter, SMS und E-Mails mit meinem Gehirn zu tun?

          Viel, denn die ursprüngliche Kommunikation zwischen Menschen bestand im gesprochenen Wort, zusammen mit Mimik und Gestik. Die Einführung der Schrift war eine Revolution, denn durch sie werden Hirnareale fremdgenutzt. An sich ist Lesen also ein Missbrauch des Gehirns. Durch die Fülle der Informationen, die jetzt überall verfügbar sind, stürzen wir uns allerdings in eine extreme Form der Überforderung.

          Wie äußert sich die?

          Der Mensch kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Multitasking ist streng genommen grober Unfug und unmöglich; möglich ist, in einem Zeitfenster von einigen Minuten mehrere Dinge schnell hintereinander zu erledigen. Wenn ich das aber einen Tag lang mache, habe ich mich von den Informationen instrumentalisieren lassen und weiß gar nicht mehr wirklich, was ich gemacht habe.

          Für viele Menschen ist das Alltag. Sollen sie sich damit arrangieren?

          Nein, man muss lernen, davon Abstand zu nehmen. Diese Fähigkeit ist in den letzten Jahren leider sehr verlorengegangen. Viele Studenten sind in 45-Minuten-Vorlesungen schon nach zehn Minuten nicht mehr aufnahmefähig und schalten ab.

          Was können sie dagegen tun?

          Es würde helfen, wenn in Deutschland eine Stunde am Tag gar nicht telefoniert würde. Abgesehen davon brauchen wir eine Ich-Stärke: die Fähigkeit, nicht immer ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt, nicht auf jede E-Mail sofort zu reagieren, auch wenn es vielleicht erwartet wird.

          Gerade in den sozialen Netzwerken im Internet kann es aber auch Isolation bedeuten, wenn man sich zurückhält.

          Klar, es gibt die Angst, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe von Personen zu verlieren, ausgeschlossen zu sein. Allerdings spielt die Selbstinszenierung in solchen Netzwerken oft eine größere Rolle als die Kommunikation.

          Inwiefern?

          Facebook beispielsweise ist eine Art Selbstprostitution, eine Offenlegung von Intimität ohne Verpflichtungen. Man öffnet sich nicht wirklich, will sich aber zeigen. Es ist gewissermaßen Selbstkommunikation - ein öffentliches Tagebuch, das nur so tut, als wäre es Kommunikation.

          Warum verbringen viele Menschen so viel Zeit dort, sogar, wenn sie sich selbst nicht so offensiv präsentieren?

          Man hat das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht möglichst viel liest. Es ist wie beim Zappen am Fernseher, nur mit einer noch viel größeren Menge an Input. Die Informationsgier, die der Mensch ohnehin hat, wird durch solche Angebote sehr stark bedient.

          Beeinflusst das unser Gehirn auch langfristig?

          Ja, wenn man sein Gehirn nicht dazu erzieht, diese Gier einzuschränken. Solange die Informationen nur durch einen hindurchlaufen, ohne verarbeitet und verankert zu werden, sind sie nichts wert und verursachen ausschließlich Stress. Dann entsteht kein Wissen, alles bleibt blass.

          Was kann das für Folgen haben?

          Die Kreativität leidet. Abgesehen davon verlagern manche Menschen ihr Leben immer mehr in diese simulierte Welt. Dabei bieten die neuen Technologien auch eine große positive Chance: Durch die Komplementarität von Text und Bild ist eine stärkere Verankerung von Wissen möglich. Doch gegen die negativen Effekte muss man sich wehren, sonst ist ein Nutzen nicht möglich.

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