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Mediale Überforderung : Der Mensch wird neu formatiert

  • Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Ist Facebook ein Religionsersatz? Was können wir von Google lernen? Wie überstehen wir erfolgreich die mediale Überforderung? Ein Interview mit dem Soziologen Dirk Baecker.

          6 Min.

          Herr Baecker: Werden wir vom Computer überfordert?

          Am Computer studieren wir eine Überforderung, mit der wir es seit dem Beginn des elektrischen Zeitalters zu tun haben. Elektrizität, so Marshall McLuhan, heißt Instantaneität, heißt weltweiter Signalaustausch in Lichtgeschwindigkeit. Seither sind wir global miteinander verknüpft, vernetzt und verschaltet, ohne zu wissen, woher wir die Zeit und den Raum nehmen sollen, um dies auf ein menschliches Maß zu reduzieren.

          Zwingt uns der Computer die Instantaneität gleichsam auf?

          Der Computer und seine Derivate, das Internet, das Intranet, Datenbanken und Computernetze, nutzen sie nur aus. Und indem sie sie ausnutzen, machen sie sie uns verfügbar und steigern damit das Problem. Der Trader an seinem Reuters-Bildschirm, der Arzt an seinem Diagnosecomputer, der Designer an seinen Entwurfsmaschinen, der Soldat im elektronisch überwachten Gefechtsfeld sind insofern die Pioniere, die wir uns anschauen müssen, wenn wir wissen wollen, ob und wie wir mit dieser Überforderung zurechtkommen. Das ist ja nicht neu. Die Menschheit hat mindestens drei Überforderungen ähnlichen Ausmaßes mit erstaunlichem Erfolg überstanden: die Einführungen der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Von der Einführung der Sprache besitzen wir keine schriftlichen Zeugnisse, aber seit der Einführung der Schrift wird eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben. Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle.

          „Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden”: Der Soziologe Dirk Baecker
          „Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden”: Der Soziologe Dirk Baecker : Bild: ZU/Ilja Mess

          Die Überforderung ist somit sozialer, nicht psychischer Natur?

          Doch, das ist ein Teil des Phänomens. Die Psyche bleibt ja nicht unbeeindruckt, wenn sich die Kommunikation zum einen auf eine hochgradig nervöse Lichtgeschwindigkeit einstellt und sich zum andern an dieser Kommunikation Maschinen mit großen Datenbanken und enormer Rechengeschwindigkeit beteiligen, die wir nicht durchschauen, mit denen wir jedoch dennoch zu Rande kommen müssen. Von Multitasking würde ja niemand reden, wenn es uns nicht auch grenzenlos faszinieren würde. Wir haben es mit neuen kommunikativen Möglichkeiten zu tun, auf die sich die menschliche Psyche und der menschliche Körper erst einmal einstellen müssen. Unsere Kinder machen es uns vor.

          Ihre These lautet, dass der Computer das Verbreitungsmedium der „nächsten Gesellschaft“ sei, an deren Schwelle wir uns gerade befänden. Was wird diese nächste Gesellschaft kennzeichnen?

          Nach allem, was man bisher erkennen kann, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen. Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.

          Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Twitter, Facebook und dergleichen?

          Soziale Netzwerke sind die Spielform der nächsten Gesellschaft. Hier kann jeder ausprobieren, was es heißt, im Medium der vernetzten Computer zu kommunizieren. Sie sind so wichtig wie die Computerspiele. Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden hier neu verschaltet, neue Befindlichkeiten und neue Begrifflichkeiten einstudiert. Spätestens hier und jetzt merken wir, dass Kommunikation den Menschen nicht nur geistig, sondern auch psychisch und physisch in Anspruch nimmt. Im Kontakt mit diesen Medien und diesen Spielen wie schon im Kontakt mit dem Fernsehen wird der Mensch neu formatiert. Sprechen, schreiben und lesen kann er schon. Jetzt lernt er, mit einer Kommunikation zu rechnen, die das bewegte Bild und das stehende Bild, den Ton, die Schrift und die Sprache gleichermaßen in Anspruch nimmt. Wie schafft er es, sich hierauf einzulassen, ohne absorbiert zu werden? Wie lernt er, auch hier mit Lüge, Täuschung und Betrug zu rechnen und gleichwohl die Möglichkeiten dieser Medien zu nutzen?

          Ihr Kollege Norbert Bolz sieht darin einen Religionsersatz, geeignet zur Herstellung von „Weltvertrauen“. Ist Facebook der neue Katechismus?

          Wenn man unter einem Katechismus ein Medium versteht, in dem man unterrichtet und unterwiesen wird, wie man in unserem Fall den Computer zu benutzen hat, ja. Immerhin wäre dies ein Katechismus, der nicht mehr von den Kirchenvätern erlassen, sondern von den Benutzern selbst geschrieben wird. Deshalb reagieren viele Beobachter ja auch so skeptisch auf das, was hier passiert. Einen Religionsersatz sehe ich darin nicht, eher schon einen Ausgangspunkt dafür, auch unsere Anforderungen an Religion zu überdenken. So wie sich die Religion mit dem Auftauchen der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks jeweils neue Formate gegeben hat, sich vom Geisterglauben über den Monotheismus zum Seelentrost entwickelt hat, so wird sie auch jetzt neue Antworten geben müssen. Teilhard de Chardin und sein Schüler Marshall McLuhan sahen die Zukunft des Christentums im Heiligen Geist, vermutlich weil er schneller ist als der Vater und sein Sohn. Der weltweite Erfolg spiritualistischer Bewegungen gibt ihnen recht. Facebook und andere Medien sind kein Religionsersatz, wohl aber Medien, auf die die Religion eine Antwort finden muss. Ich würde diese Medien daher nicht nur als Ausdruck von Weltvertrauen, sondern auch als Medium der Überprüfung von Weltmisstrauen untersuchen. Was gibt man ein? Was behält man für sich? Wird man auch hier anfangen, in Zungen zu reden?

          Würden Sie dem Satz der amerikanischen Autoren Christakis und Fowler zustimmen: „Wenn ich weiß, was Ihre Freunde tun, dann kann ich mit einiger Sicherheit vorhersagen, was Sie in Kürze tun werden“?

          Ich finde den Erfolg der sogenannten Soziophysik in den letzten Jahren sehr interessant. Sie hat eine Art Epidemiologie der Kommunikation entwickelt, also Prozesse der Ansteckung im Konsumverhalten, im Verhalten von Aktienkäufern, bei der Ausbreitung politischer Meinungen beobachtet. Allerdings wird dabei die andere Hälfte der Soziologie vergessen, nämlich die Beschreibung der Mechanismen, die menschliche Gesellschaften entwickelt haben, um der Ansteckung zu entgehen. Jeder Prozess der Differenzierung zwischen Milieus, Organisationen oder Funktionssystemen ist ja ein Prozess, der Sperren einbaut, die dafür sorgen, dass es im menschlichen Verhalten mindestens so interessant ist, sich zu unterscheiden, wie, sich zu ähneln. Wenn ich also weiß, was Ihre Freunde tun, weiß ich nur, dass Sie bald auch etwas tun werden, aber ich weiß nicht, ob Sie auf denselben Pfad einschwenken oder gerade jetzt einen anderen wählen werden.

          Ihr ehemaliger Lehrer Niklas Luhmann meinte über den Computer, er verändere das Verhältnis von Oberfläche und Tiefe: Die Oberfläche, das sei ein die menschlichen Sinne kaum noch beanspruchender Bildschirm; die Tiefe, das sei die Maschine. Das schaffe neue Möglichkeiten der Kommunikation, allerdings auch neue Formen des „Nichtkönnens“. Spielte er damit auf dieselbe Frage an, die der amerikanische Publizist Nicholas Carr jüngst im Titel eines Essays stellte, nämlich: „Is Google making us stupid?“

          Wohl kaum. Luhmann war ja gerade davon beeindruckt, dass der Bildschirm des Computers das einzige Interface ist, das uns mit der Tiefe der Rechner und ihrer Netzwerke verknüpft. Google is making us smart, wenn wir nur darauf achten, dass wir erst seit Google anfangen, uns über die Intelligenz von Netzwerkeffekten Gedanken zu machen, und auch erst seit Google darüber nachdenken, dass die Wahrscheinlichkeitsverteilungen der Welt weniger der Normalverteilung von Gauß als vielmehr den Potenzgesetzen von Zipf folgen. Wir wissen, dass wir die long tails einer Google-Recherche ausblenden, wenn wir nur auf die ersten hits schauen, und dass das, was wir da ausblenden, manch eine interessante Nische und durchaus auch Überraschungen enthalten kann. Und wir haben mittlerweile gelernt, dass heavy tails, also Wahrscheinlichkeitsverdichtungen im Extrembereich von Wahrscheinlichkeitsverteilungen, jene Singularitäten anzeigen, die in der Welt die größten Spuren hinterlassen.

          Wissen wir das wirklich? Der amerikanische Komiker Stephen Colbert mokierte sich in diesem Zusammenhang über die „Wikilichkeit“, in der jede beliebige Vorstellung via Google, Wikipedia & Co. zur Wirklichkeit werden könne, wenn ihr nur genug Menschen zustimmen.

          Die Griechen und die Römer hatten eine eigene Göttin, Pheme beziehungsweise Fama, um sich vor der Schnelligkeit und Leichtigkeit zu warnen, mit denen sich Klatsch und Gerüchte verbreiten und so Wirklichkeit werden. Es gibt wohl keine menschliche Gesellschaft, in der es nicht höchst attraktiv ist, sich an einem Gerede zu beteiligen, das die Möglichkeit mindestens so ernst nimmt wie die Wirklichkeit. Man kann zeigen, wie gut man selbst vernetzt ist. Man kann die Leichtgläubigkeit der anderen überprüfen. Und man nimmt so an jenem ambivalenten Prozess teil, in dem die Gesellschaft sich einerseits dauernd fragt, wie es um sie steht, und sich andererseits gegen die eigene Leichtgläubigkeit impft. Wir haben ja den Begriff der Wirklichkeit nicht etwa deshalb, weil es so leicht wäre, jeweils zu wissen, was wirklich und was unwirklich ist, sondern weil dies so schwierig ist. Auch die Wirklichkeit ist etwas, was sie unterscheidet. Aber wovon eigentlich? Und was garantiert uns, dass die Unterscheidung funktioniert? Auch die Kommunikation im Medium des Computers ist zunächst einmal Kommunikation. Und was ist daran wirklich oder unwirklich?

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