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Macht der Simulation : Plötzlich sind wir alle Zuschauer

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Wissenschaftler verladen in Oberpfaffenhofen ein Lasergerät in ein Forschungsflugzeug: Es ist Herzstück der Messgeräte, mit dem die Wissenschaftler Auskunft über die Aschewolke einholen wollen Bild: dpa

Der Stillstand des Luftverkehrs beruht nicht auf Daten, sondern auf einer Simulation. Die riesige Datenwolke des Internets dient heute schon für Risikoprognosen nach denselben Algorithmen.

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          Klaus Walther, der Unternehmenssprecher der Lufthansa, ist ein Mann der Technik. Wenn er angesichts der leeren Himmel über Europa das Fehlen von Intuition und gesundem Menschenverstand beklagt, horcht man auf. Walther und Joachim Hunold, Chef von Air Berlin, sind bisher nicht als Maschinenstürmer in Erscheinung getreten. Sie wollen nur fliegen. Und zwar mit Maschinen. Und dennoch ist ihr Protest gegen das Flugverbot ein Meilenstein in der soeben erst beginnenden Technologiekritik des digitalen Zeitalters, ein Kapitel in der Geschichte der systematischen Selbstentmächtigung der modernen Gesellschaft durch Modelle.

          Gewiss: Die Fluggesellschaften haben ihre eigenen Interessen. Allerdings ist Walther bisher nie dadurch aufgefallen, dass er Sicherheit dem Profit opfern würde. Auch wer in diesen Tagen kein Flugzeug besteigen will, tut gut daran, sich klarzumachen, dass die unsichtbare Wolke, die den Flugverkehr vollständig lahmlegt, nicht aus Asche und Staub besteht, sondern aus einem Schwarm von Daten. Was heute ein Vulkanausbruch bewirkt, kann morgen durch ganz andere Eruptionen ausgelöst werden: geologische, ökonomische und soziale. Heute stoppt die Computersimulation den Flugverkehr, zu Kosten, die täglich in die hunderte Millionen gehen. Was wird sie morgen tun? Was tut sie jetzt schon, ohne dass wir es ahnen? Und was ist der Preis?

          Man wird der Lufthansa abnehmen, dass sie keine Risiken eingehen will. Sie stellt nicht in Frage, dass die Computersimulationen zutreffend sein können. Aber sie kritisiert, dass wir es einzig und allein mit einer Mathematik der Simulation zu tun haben, nicht mit Messungen, nicht mit Daten. Die Entscheidungs-Kaskade, die auf dem gesamten europäischen Festland den Flugverkehr lahmlegte, geschah ohne jede Empirie, ohne Messungen, ohne Datenabgleich. Anders als manch genervter Fluggast am Samstag noch glauben mochte, korrigierte sich das Computermodell offenbar nicht durch ständigen Input wirklicher Daten. Die Simulationsoutputs, auf die sich alle verlassen, stammen vom britischen Met-Office. Lediglich Großbritannien und Finnland haben bis zum Wochenende für ihr Territorium diese Simulation durch Messungen ergänzt. Auf dem Kontinent hat es bis Sonntag offenbar erst eine einzige Messung mit einem Laser gegeben; das erste Messflugzeug startet heute in Oberpfaffenhofen.

          Der Mensch als Zuschauer der Wirklichkeit: entscheidend für die Stillegung der Luftfahrt war eine Simulation
          Der Mensch als Zuschauer der Wirklichkeit: entscheidend für die Stillegung der Luftfahrt war eine Simulation : Bild: AP

          Die Vorsicht der Behörden ist verständlich. Wer wollte für einen Absturz verantwortlich sein? Es geht auch nicht darum, die Triftigkeit von Simulationen prinzipiell zu bestreiten. Es geht darum, dass sie so sehr als Tatsachen gehandelt werden, dass Entscheidungsabläufe erzwungen werden, die keinen Raum mehr für Erfahrung, Intuition, vulgo: den gesunden Menschenverstand lassen.

          Algorithmen entscheiden

          Man wird mit Blick auf den Vulkanausbruch sagen: lieber auf Nummer sicher gehen als ein Risiko in Kauf nehmen. Kann die Lösung aber lauten, gar nicht mehr zu fliegen, oder wäre die Lösung nicht eher: Ausweichrouten zu definieren, Zeitfenster zu öffnen, Luftbrücken zu bauen? Elastische Antworten lassen sich nicht dadurch geben, dass man sie simuliert, sondern dass man Daten ermittelt und durch Messungen die Berechnungsgrundlage ändert.

          Gibt es Gebiete ohne Wolke, in welchen Luftschichten befindet sie sich, wie hoch soll und kann man wann fliegen? Kann die Lufthansa, wie von ihr angeboten, Testflüge machen, mit entsprechenden Folien an den Maschinen, die Verteilung der Asche ermitteln, um tatsächliche Daten zu generieren? All das war nicht möglich: Eine einzige Simulation genügte, um in die Schicksale von Millionen von Menschen einzugreifen und Europa lahmzulegen. Das hat damit zu tun, dass die Simulation ihre eigenen sozialen Algorithmen produziert. Der Ermessensspielraum liegt für alle beteiligten Behörden bei Null. Es sind Menschen, aber im Grunde müssen sie handeln wie die Algorithmen, die bei der Finanzkrise eine Vielzahl von Marktreaktionen auslösten, weil es die Parameter erzwangen.

          Zuschauer des Wirklichen

          Plötzlich werden alle zu Zuschauern: die Fluggäste, die Piloten, die Airlines, der Wetterdienst, die Behörden. Die „human response“, die menschliche Antwort auf die Maschine, ist nicht mehr möglich, weil auch in den menschlichen Entscheidungsgruppen ein Programm von Befehlen, Verordnungen und Routinen abläuft. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass von diesem Automatismus als erstes eine Industrie wie die Luftfahrtindustrie betroffen ist, bei der jeder Pilot eine Maschine so steuern können muss, als gäbe es keinen Autopiloten und keine computergestützte Entscheidungshilfe bei Krisen.

          Ist der Grad vorausberechneter Komplexität dicht genug, existiert auch „Schicksal“ nicht mehr. Wo Schicksal nicht existiert, wird alles zur juristischen Verantwortung. Denn die Simulation ist im Katastrophenfall immer im Recht. Liegt die Prognose vor, tritt der Mensch gegen die scheinbar unerbittliche Logik der Mathematik an. Computer, sagt der amerikanische Mathematiker Steve Strogatz, berechnen mittlerweile Dinge, die auch die brillantesten Mathematiker nicht mehr überprüfen können. Dies führe zu einem neuen Autoritarismus: Erkenntnisse werden zum „Zuschauer-Sport“, wir können sie nur beklatschen oder ausbuhen, aber wir können sie nicht mehr nachvollziehen, weil wir nicht mehr verstehen, wie der Computer zu seinen Ergebnissen kam. „Du hättest wissen müssen, das 1 + 1 = 2 ist.“ Den Satz lässt man sich noch gefallen. Wie aber, wenn das, was man hätte wissen müssen, aus einer komplexen Anzahl von Parametern und Formeln besteht, so dass nur noch ein Computer sie berechnen kann?

          Instanzen des Widerspruchs

          Womit wir es zu tun haben, ist eben nicht nur eine Simulation, sondern eine Voraussage. Sie zeigt sehr anschaulich, wie schwer es uns fällt, Berechnungen über uns durch Wirklichkeit zu korrigieren. Im Zeitalter sozialer digitaler Vernetzung werden ähnliche Voraussagen über Menschen gemacht. Soeben hat die Jugendstrafbehörde in Florida bekannt gemacht, dass sie mithilfe der analytischen Software von IBM Aussagen über die soziale Prognose straffällig gewordener Jugendliche machen wird. Das gleiche System der „predicitve analytics“ benutzen die britischen Justizbehörden, um vorherzusagen, ob Straftäter rückfällig werden.

          Studien zur prognostischen Kraft von Twitter oder Google haben gezeigt, dass die Triftigkeit solcher Prognosen wirklich staunenswert ist. Das macht sie so verführerisch und so gefährlich. Wenn nicht nur die Sicherheit von Flugbewegungen, sondern auch soziale Mobilität, intellektueller Kompetenz, Gesundheit mit dem Gestus wissenschaftlicher Gewissheit vorausgesagt werden kann, genügen wenige Parameter, und die Aufsichtsbehörden des Lebens schreiten ein, so wie jetzt die Luftaufsichtsbehörden. Sie tun es bereits, wie Frank Rieger in der F.A.Z. gezeigt hat (siehe Datenspeicherung: Du kannst dich nicht verstecken), bei Krediten und sozialen Prognosen, sie tun es, wie Stephen Baker in Amerika demonstriert hat, in Unternehmen und Behörden. Diese benutzen die unendlich große soziale Datenwolke des Netzes und halten sich Unternehmensberater als Heilsbringer. Die soziale Wolke besteht aus unendlich vielen Datenpartikeln, vom Facebook-Eintrag über Einkäufe, Emails, Kommentare bis zu unendlich vielen Korrelationen, die sich ergeben, wenn unsere Daten mit Milliarden anderer Daten abgeglichen werden. Heute steht Ihr Flugzeug still, morgen vielleicht Ihre Karriere.

          Nur Gestrige können glauben, dass in der Skepsis gegen diese neue Macht die Sehnsucht nach vorindustriellen Zeiten steckt. Es geht vielmehr darum, gegen die Welt der Computer Instanzen des Einspruchs zu etablieren, den Widerspruch, der sich einzig und allein aus Empirie und Intuition speisen kann, als Aufgabe moderner Gesellschaften zu erkennen. Tun wir das nicht, fliegt bald gar nichts mehr.

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