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Künstliche Intelligenz : Ein Geist aus Software

  • -Aktualisiert am

Der Internet-Pionier als Maler: „Answer Us” von David Gelernter Bild: David Ottenstein

Werden Computer einmal denken können? Und was hätte Sigmund Freud mit dem Cyberspace zu tun? Der amerikanische Internet-Pionier David Gelernter prognostiziert die nächste Entwicklungsstufe der künstlichen Intelligenz.

          16 Min.

          Was bedeutet es, zu denken? Können auch Maschinen denken oder nur Menschen? Diese Fragen treiben die Informatik seit den fünfziger Jahren um, und sie werden mit jedem Tag dringlicher, an dem sich das Firmament des Internets über unseren Köpfen schließt und uns im bedeutungsschweren Halbdunkel des Cyberspace zurücklässt. Das Netz in seiner Gesamtheit ist eine erstaunlich komplexe Ansammlung von Computern, die Hirnzellen gleichen und wie diese dicht miteinander verschaltet sind. Auch wächst es an Millionen von Stellen gleichzeitig, als wäre es ein lebendiger Organismus - oder ein mehr als lebendiger? Es ist also nur natürlich, sich zu fragen, ob das Internet eines Tages anfangen wird, selbst zu denken.

          Falls es das nicht schon tut.

          Diese Fragen betreffen nicht nur das Internet, sondern auch den einzelnen Computer. Computer werden immer leistungsfähiger. Bereits heute spielen in der gesamten Softwarelandschaft Programme eine große Rolle, die nicht nur mittels Berechnungen, sondern auch mit Hilfe von plausiblen Vermutungen gesteuert werden.

          David Gelernter, bevor er 1993 von einer Briefbombe verletzt wurde

          Solche Programme sind Beispiele einer angewandten künstlichen Intelligenz, deren großer Traum darin besteht, einen Geist aus Software zu bauen, einen denkenden Computer - eine Maschine mit menschenähnlicher oder gar übermenschlicher Intelligenz.

          In gewisser Weise sind dies erschreckende Möglichkeiten. Zumindest zwingen sie uns zum Nachdenken. Andererseits ist die menschliche Intelligenz das Wertvollste, was wir im Universum kennen, und wir haben nie genug davon. Eine computererzeugte Steigerung des weltweiten Intelligenzangebots wäre, gelinde gesagt, willkommen.

          Eine Art Cyberpest

          Es wäre auch nicht unvernünftig zu erwarten, dass die Computer uns dabei helfen, den Schlamassel zu beseitigen, den sie angerichtet haben. Tagtäglich laden sie gewaltige Mengen an Informationen in der Cybersphäre ab. Können Sie uns auch dabei unterstützen, diese Informationsmassen auf intelligente Weise auszuwerten?

          Oder sind sie bloß unverschlossene Ölquellen, aus denen unablässig Ströme einer Art Cyberpest entweichen - Ströme, die uns heute vielleicht nur zerstreuen, die uns aber zunehmend paralysieren könnten, wenn sich unsere Wahlmöglichkeiten und Informationskanäle unkontrolliert vermehren? Wenn sich jeder von uns erst einmal von einer wachsenden Menge digitaler Paparazzi umstellt sieht, die alle gleichzeitig Fragen herausschreien und mit Daten wedeln, ohne dass irgendwo Sicherheitspersonal in Sicht wäre?

          Es gilt, eine unerfreuliche Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen: Die heute vorherrschenden Vorstellungen von menschlichem und künstlichem Denken führen zu nichts.

          Drei zentrale falsche Annahmen

          Wir sind in einem System von Annahmen gefangen, die sich in Luft auflösen, sobald wir über sie nachdenken, wobei mit „wir“ nicht nur Laien gemeint sind, sondern auch viele Philosophen und Naturwissenschaftler. Drei zentrale falsche Annahmen sind die folgenden:

          Erstens glauben viele Menschen, dass Denken und Schlussfolgern im Wesentlichen dasselbe sind. Doch wenn man für einen Moment seine Arbeit unterbricht, aus dem Fenster blickt und seinen Gedanken freien Lauf lässt, denkt man immer noch. Unser Geist arbeitet auch dann. Diese Art freier Assoziation ist ein wichtiger Teil des menschlichen Denkens. Kein Computer wird je wie ein Mensch denken können, wenn er nicht frei assoziieren kann.

          Zweitens glauben viele Menschen, dass die Realität eine Sache ist und unsere Gedanken eine andere. Die Realität ist draußen; die mentale Landkarte, die durch unsere Gedanken geschaffen wird, befindet sich hingegen in unserem Kopf, in unserem Geist - dessen Gesundheit vorausgesetzt sei. Doch halluzinieren wir jeden Tag, wenn wir einschlafen und träumen. Und wenn wir halluzinieren, dann definiert unser Geist, was für uns Realität ist; die „wirkliche“ Realität, die äußere Realität, verschwindet. Kein Computer wird je wie ein Mensch denken können, wenn er nicht halluzinieren kann.

          Und drittens glauben viele Menschen, dass der Denkende und der Gedanke zwei Paar Schuhe sind. Für viele Menschen bedeutet „denken“ unter dem Strich so etwas wie die Betrachtung eines Gedankenstroms, als handele es sich um eine Powerpoint-Präsentation: Der Denker schaut dem Strom seiner Gedanken zu. Diese Vorstellung spielt in der Künstliche-Intelligenz-Forschung eine wichtige Rolle: Wenn der Denkende und sein Gedankenstrom zweierlei sind, dann können wir den menschlichen Denker durch einen Computerdenker ersetzen, ohne die Veranstaltung abzubrechen. Der Mensch schleicht sich auf Zehenspitzen aus dem Theater. Der Computer rutscht auf den leeren Stuhl. Die Powerpoint-Präsentation geht weiter.

          Doch wenn jemand träumt, halluziniert - wenn er sich in einer mental erzeugten Phantasielandschaft befindet -, dann sind der Denker und sein Gedankenstrom nicht voneinander getrennt. Sie gehen ineinander über. Der Denker bewohnt seine Gedanken. Kein Computer wird je in der Lage sein, wie ein Mensch zu denken, wenn nicht auch er seine Gedanken bewohnen, sich in seinen Geist versenken kann.

          Auf halbem Weg

          Was aber bedeutet das für das Internet? Wird das Internet jemals denken? Wird ein einzelner Computer jemals denken?

          Wir müssen uns zunächst bewusst machen, dass wir in unserem Nachdenken über das menschliche Denken in der Regel auf halbem Weg stehenbleiben. Denn in Wirklichkeit pendelt der menschliche Geist in einem Spektrum, das an einem Ende durch die gewöhnliche Logik und am anderen durch die Traumlogik definiert ist. Die Traumlogik ist nicht weniger sinnvoll als die Tageslogik, nur folgt sie anderen Regeln. Die meisten Philosophen und Kognitionsforscher jedoch sehen nur die Tageslogik und ignorieren die Traumlogik - was nicht viel anders ist, als würde man sich die Erde mit einem Nordpol, aber ohne Südpol vorstellen.

          Variable Wachsamkeit

          Überlegen wir uns, wie eine dem Alltagsverständnis gemäße Vorstellung des Denkens aussähe. Philosophen tun dergleichen Vorstellungen gerne als „Volkspsychologie“ ab, und natürlich besteht unser Ziel letzten Endes in einer wissenschaftlichen Erklärung. Das erste Ziel der Wissenschaft ist es aber, den Alltagsverstand zu erklären - oder wegzuerklären.

          Am Anfang stehen Konzentration, Fokussiertheit, Aufmerksamkeit oder Wachsamkeit. Wachsamkeit ist keine gleichbleibende Größe. Wir sind wachsam, wenn wir ausgeruht und hellwach sind. Wenn wir müde werden, lässt unsere Konzentration oder Wachsamkeit nach. Aus dieser simplen Beobachtung erwächst ein umfassendes intuitives, ja sogar unmittelbar einleuchtendes Verständnis des Denkens - das sich gleichwohl von allen vorherrschenden Auffassungen unterscheidet.

          Wir denken unterschiedlich, je nachdem, ob wir wachsam oder nicht wachsam, also schläfrig sind. Um analytische oder mathematische Probleme zu lösen, um scharf nachzudenken oder logisch zu denken, müssen wir wachsam sein.

          Die Grundtatsache des menschlichen Denkens

          Auf der anderen Seite spielt auch geringe Wachsamkeit eine wichtige Rolle: In diesem Zustand neigen unsere Gedanken dazu, aus eigener Kraft, ohne unsere bewusste Regie zu wandern. Wenn wir schon fast am Einschlafen sind, durchziehen Gedanken unseren Geist, die wir nicht bewusst steuern. Wie der Dichter Shelley sagt: „Des Menschen Geist durchziehn voll Kraft die Wellen / Des Alls der Dinge in gewaltigem Fließen ...“

          In diesem Zustand der freien Assoziation ähnelt jeder neue Gedanke dem vorherigen, oder er überschneidet oder verbindet sich mit ihm. Während unsere Wachsamkeit immer weiter nachlässt und wir immer müder werden, verlieren wir den Kontakt mit der äußeren Realität. „Unter schläfernden Lidern deiner leichten Gestaltung / Süße lösend in den gekosteten Vorschlaf -.“ Schließlich schlafen und träumen wir.

          Daraus folgt, dass der Grad unserer Konzentration oder Wachsamkeit wesentlich für das menschliche Denken ist. Wir können uns die Konzentration als einen physiologischen Wert gleich der Herzfrequenz oder Körpertemperatur vorstellen. Die Konzentration eines jeden Menschen schwankt im Tagesverlauf zwischen ihrem Höhepunkt und ihrem Tiefpunkt. Sie ist auf ihrem Höhepunkt, wenn wir hellwach sind. Sie sinkt, wenn wir müde werden, und erreicht ihren Tiefpunkt, wenn wir schlafen. (In Wirklichkeit pendelt sie mehrfach am Tag auf und ab.) Dieses Kontinuum an Gedankenstilen ist das „kognitive Spektrum“, die Grundtatsache des menschlichen Denkens.

          Von außen oder von innen

          Warum aber erleiden wir einen Realitätsverlust, wenn wir einschlafen und träumen? Wie geht das vor sich? Unser Geist speichert Erinnerungen, von denen manche erinnerte Begebenheiten oder Erfahrungen sind.

          Jede erinnerte Erfahrung ist potentiell eine alternative Realität. Solche Erfahrungen im herkömmlichen Sinn zu erinnern - sich also an „den Strand vom vergangenen Sommer“ zu erinnern -, heißt eigentlich, die Erinnerung von außen zu betrachten. Doch gibt es noch eine andere Art von Erinnerung: Manchmal läuft die Erinnerung an „den Strand vom vergangenen Sommer“ darauf hinaus, von neuem in die Erfahrung einzutreten, den Strand vom vergangenen Sommer erneut zu erleben: das Meer zu sehen, die Wellen zu hören, den Sonnenschein und den Sand zu spüren; die potentielle Realität, die im Gedächtnis eingekapselt ist, real werden zu lassen.

          (Eine Analogie dazu wäre: Wir speichern potentielle Energie in einem Gegenstand, indem wir ihn gegen die Schwerkraft anheben. Wir speichern potentielle Realität in unseren Köpfen, indem wir eine Erinnerung hervorbringen.)

          Wie die Traumlogik Erinnerungen verändert

          So, wie sich das Denken am oberen und am unteren Ende des kognitiven Spektrums unterscheidet, unterscheidet sich auch das Erinnern. Am Punkt der höchsten Konzentration bedeutet Erinnern das herkömmliche Erinnern: den Strand von neuem „abzurufen“. Am Punkt der geringsten Konzentration bedeutet Erinnern die wiederholte Erfahrung, das Wiedererleben des Strands. In einem gewissen Maß können wir Erinnerungen willentlich wiedererleben: Wir können uns den Anblick und den Duft einer roten Rose vorstellen. Sind wir aber unkonzentriert, dann haben wir keine Wahl: Wenn wir uns jetzt an etwas erinnern, dann müssen wir es wiedererleben.

          Wir erleben Erinnerungen von neuem (oder treten von neuem in sie ein), wenn wir träumen. Die Erinnerungen, in die wir wieder eintreten, sind mitunter entstellt oder unvollständig, vielleicht wurden ihnen auch andere Erinnerungen beigemengt: Der Prozess, in dem Erinnerungen in Träumen wiedererlebt werden, unterliegt einer Traumlogik. Die Traumlogik verbindet Erinnerungen, überlagert mitunter eine mit einer anderen, wobei sie sich des mächtigen Klebstoffs eines gemeinsamen emotionalen Gehalts bedient. Lässt die Konzentration nach, werden Erinnerungen klebrig.

          Jenseits gewöhnlicher bewusster Kontrolle

          Wenn wir hochkonzentriert sind, kontrollieren wir unsere Gedanken. Wir beobachten und überlegen logisch; wir nehmen uns eines Problems an und lösen es rational. In dem Maß, in dem die Konzentration abnimmt, beginnen wir, die Kontrolle über unser Denken zu verlieren. Unsere Gedanken schweifen ab, einer führt zum anderen. Aus dem Fenster schauend, lockern wir die Zügel unseres Geistes und lassen unseren Gedanken ihren freien Lauf - doch können wir immer noch die Kontrolle zurückerlangen und wieder an die Arbeit gehen, wenn wir wollen.

          Lässt die Konzentration noch weiter nach, dann entzieht sich unser Gedankenstrom gänzlich unserer bewussten Kontrolle. Und wenn wir einschlafen, scheinen sich unsere Träume ohne bewusste Anleitung einzustellen. Wir erleben Träume fast auf die gleiche Weise, wie wir die äußere Realität erleben.

          Die Kontrolle über unseren Gedankenstrom zu verlieren, ist gleichbedeutend damit, den Kontakt zur Realität zu verlieren. Auf halbem Weg durch dieses Spektrum haben wir, während wir aus dem Fenster schauen und unsere Gedanken schweifen lassen, die Realität noch nicht verloren; wir haben noch ein Bewusstsein von unserer Umgebung. Aber wir sind am Tagträumen, abgelenkt, der Realität weniger bewusst. Wenn unsere Konzentration noch weiter sinkt und wir dem Schlaf nahe sind, schreiten der Verlust der Gedankenkontrolle und der Realitätsverlust weiter voran. (Mit dem Wort „lösend“ beschreibt Rilke unseren Realitätssinn, wenn wir fast am Einschlafen sind.) Sobald wir schlafen und träumen, sind unsere Gedanken jenseits gewöhnlicher bewusster Kontrolle - die Träume bringen sich selbst hervor; die Realität ist verschwunden.

          ***

          „Man sollte nicht sagen, ich denke“, schrieb Rimbaud, „sondern ich werde gedacht.“ Wie fast alle Dichter suchte er regelmäßig jenen geistigen Bereich zwischen Wachen und Schlafen auf, der gerade jenseits bewusster Kontrolle und gerade diesseits des Schlafs und der Träume angesiedelt ist. „Was ist Zeit? - Wann ist Gegenwart?“, fragt Rilke in einem Brief an Lou Andreas-Salomé, nachdem er die „Duineser Elegien“ abgeschlossen hat. Er war ein Meister des schwach fokussierenden Denkens; aufmerksam beobachtete er seinen Geist, wenn dieser sich an dem dicken langen Seil des kognitiven Spektrums in jene mentalen Regionen herabließ, in denen die äußere Realität verblasst und die imaginäre Realität zu leuchten beginnt, in denen die Gedanken frei fließen und sich seltsame neue Analogien bilden. Rilke selbst benutzte in einem Brief an Auguste Rodin das Bild eines mentalen Abstiegs: „Tiefer als je zuvor bin ich in meine Arbeit hinabgestiegen.“

          Dichter und Verrückte pflegen sich in diesem geistigen Bereich herumzutreiben. Coleridge etwa war fasziniert von dem Zustand, „halb wach & halb schlafend“ zu sein; sein Gedicht „Kubla Khan“, das er eine „psychologische Kuriosität“ nannte, schrieb er opiumbenebelt. Keats: „Dein Schmerzgesang entschwebt . . . Wer sagt mir, ob ich schlafe oder wache!“ Und Büchner zeichnet den leicht verrückten Lenz wie folgt: „wenn ich nur unterscheiden könnte, ob ich träume oder wache ...“

          Eine Gepflogenheit, deren Technik wir vergessen haben

          Einige Propheten und Dichter erleben dieses zwielichtige Bewusstsein als eine Zone der Visionen. Ein Freund William Blakes schrieb: „Er sagte mir, dass alle Kinder ,Visionen' sähen, und fügte dann hinzu, dass alle Menschen sie sehen könnten, wären sie nicht voll Weltlichkeit und Unglauben, die das geistige Auge blind machen.“ Mit anderen Worten: Visionen zu sehen, hielt Blake für normal, alle Menschen könnten dies. Und alle Menschen bewegen sich ja auch wirklich jeden Tag das kognitive Spektrum hinab.

          Doch sind manche von ihnen aufgeschlossener für diese Erfahrung als andere. T. S. Eliot schreibt über die mittelalterliche Sensibilität Dantes: „Dantes Einbildungskraft ist visuell ... Sie ist visuell in dem Sinne, dass er in einem Zeitalter lebte, in dem die Menschen noch Visionen sahen. Es war eine psychologische Gepflogenheit, deren Technik wir vergessen haben.“ Auf seinem Weg zum Schlaf durchläuft jeder von uns tagtäglich diese Zone der Visionen; doch hinterlässt die Reise bei den meisten keinen Eindruck, und wir verspüren nicht den Wunsch, dort länger zu verweilen.

          Konzentration und Kreativität

          Das tägliche Oszillieren des menschlichen Denkens gleicht dem Gezeitenstrom. Verfolgen wir diese Analogie: Wenn die Flut (oder unser Konzentrationsvermögen) zurückgeht, werden große Strecken sandigen Meeresbodens freigelegt - und man kann Bodengedanken sehen, die normalerweise verborgen sind. Wenn man die Kontrolle über sein Denken verliert, kann man bizarre oder unangenehme Gedanken nicht länger bewusst vermeiden - obwohl man sie, worauf Freud hinwies, immer noch unbewusst vermeiden kann.

          Die Kreativität hat die Menschen schon immer fasziniert. Die Kognitionspsychologen sind sich einig, dass etwas Kreatives geschieht, wenn eine neue Analogie erfunden wird. Wenn unser Geist zwei Dinge verbindet, zwischen denen normalerweise keine Verbindung besteht - den ersten Flug des Jungvogels und den Sprung in einer Teetasse, um Rilkes Beispiel zu verwenden -, dann haben wir eine neue Analogie und die Grundlage dafür, die Welt in neuem Licht zu sehen. (Rilke zieht eine Art Schluss aus seiner neuen Analogie: „So reißt die Spur / der Fleder-maus durchs Porzellan des Abends.“ Von allen großen lyrischen Dichtern hatte vielleicht nur Keats einen für die Bildlichkeit noch fruchtbareren Geist.)

          Die meisten neuen Analogien führen zu nichts, doch manchmal enthüllen sie etwas Wichtiges. Kreativität stellt sich nicht ein, wenn wir hochkonzentriert sind; nur wenn unsere Gedanken zu schweifen begonnen haben, ist sie möglich. Wir finden kreative Lösungen für ein Problem, wenn wir es vage im Hinterkopf behalten, und nicht, wenn es sich in den Vordergrund drängt und unsere Aufmerksamkeit voll in Beschlag nimmt. Wir können uns nicht zwingen, einzuschlafen, genauso wenig wie wir uns zwingen können, eine kreative Inspiration zu haben (während wir uns dazu zwingen können, eine Rechenaufgabe zu lösen). Schlaf und Kreativität stellen sich nur ein, wenn unsere Gedanken sich unserer Kontrolle entziehen.

          Wie es sich anfühlt

          Was uns zu einer letzten Beobachtung führt. Wie ersinnen wir neue Analogien? Dies ist eines der großen ungelösten Probleme der Kognitionswissenschaften. Oftmals sind erinnerte und wiedererlebte Gefühle der Schlüssel zu neuen, unerwarteten Analogien. Gefühle fassen Erfahrungen zusammen. Wenn das subtile Gefühl, das man am ersten warmen und heiteren Frühlingstag empfindet (ein Gefühl, für das es keinen Namen gibt), dem Gefühl gleicht, mit dem man zum ersten Mal neben seiner Auserwählten im Kino saß, dann könnte diese besondere Emotion beide Ereignisse miteinander verknüpfen; und der erste warme Frühlingstag im nächsten Jahr könnte dazu führen, dass man sich an das Mädchen und den Film erinnert.

          Kein Computer wird je kreativ sein, wenn er nicht alle Nuancen des menschlichen Gefühlslebens zu simulieren vermag.

          Wenn wir an Gefühle denken, neigen wir dazu, sie in ein paar Primärfarben zu sehen: glücklich, traurig, wütend . . . Unsere wirklichen Gefühlszustände sind jedoch nahezu immer wesentlich subtiler und komplexer. Wie fühlt man sich, wenn man einen Tennisball hart und gut getroffen hat oder einen Nagel mit zwei perfekten Hammerschlägen in ein Brett getrieben hat? Wenn man als Erwachsener zum ersten Mal wieder in die Schule kommt, in die man als Kind gegangen ist? Wenn man die Kirchtürme von Chartres am Horizont auftauchen sieht oder die Freundin des eigenen Sohns einen an eine junge Frau erinnert, die man einmal gekannt hat? Oder der Tag sich plötzlich verfinstert und ein Gewitter aufzieht, oder unser bester Freund im Begriff ist, einen Riesenfehler zu begehen, wir es ihm aber nicht sagen können?

          Kodierte Erfahrung

          Gefühle sind die Musik, die Filmmusik oder der Soundtrack, der unser Leben begleitet. Gefühle sind so individuell wie musikalische Phrasen. Und so, wie uns ein Fetzen Musik eine längst vergangene Situation in Erinnerung rufen kann, so kann uns ein wiedererlebtes Gefühl an einen anderen Ort und eine andere Zeit erinnern.

          Aber hier endet die Analogie. Ein Lied oder eine Phrase kann rein zufällig mit einer bestimmten Erfahrung assoziiert sein. Das Gefühl hingegen ist durch die Erfahrung verursacht und fasst in einer Empfindung eine ganze komplexe Szene zusammen. Ein Gefühl kodiert eine Erfahrung.

          ***

          Wir werden literarische Werke nicht angemessen verstehen, solange wir nicht wissen, dass verschiedene Werke auf verschiedenen „Konzentrationsebenen“ oder „Fokussierungsniveaus“ verfasst wurden, so wie man Tonbänder in verschiedenen Geschwindigkeiten aufnimmt. Wir müssen auf der richtigen Konzentrationsebene oder mit der richtigen „Bandgeschwindigkeit“ lesen. Kafka ist hier ein einschlägiger Fall. Er ziele, heißt es in einem Tagebucheintrag, auf die Darstellung seines „traumhaften innern Lebens“. Das war wörtlich gemeint; wir können seine Werke nur als Beispiele des Traums als einer literarischen Form oder eines literarischen Genres verstehen. Kafkas Transkription des Traumdenkens ist dabei so präzise, dass wir sein Werk als Wegweiser zur Struktur und Logik des Traums gebrauchen können. In seiner Studie über Kafka charakterisiert Louis Begley dessen große Erfindung wie folgt: „Vorfälle, die, wie jeder Leser weiß, sehr unwahrscheinlich . . . oder sogar vollkommen unmöglich sind . . . stellt er in seinen Geschichten gelassen, wie selbstverständlich, dar.“ Aber es ist besser zu sagen, dass seine große Erfindung in einer modernen Version des Traums als literarischer Form bestand.

          Schwach fokussierende Genres spielen vor allem in der antiken Literatur eine große Rolle. Jakobs nachtlanges Ringen in 1. Buch Mose, 32 lässt sich am besten als ein altes Beispiel des Traumgenres verstehen (wie der mittelalterliche Philosoph Maimonides wusste). 2. Buch Mose 4, 24-26 - vielleicht die schwierigste Passage in der Bibel überhaupt - lässt sich nur als ein Beispiel des von Kafka wiederbelebten Albtraumgenres begreifen.

          Epos, Tragödie und romantischer Liebesroman sind literarische Formen mit ihren eigenen typischen Strukturen. Nicht anders verhält es sich mit Prophezeiung, Traum und Albtraum.

          ***

          Mit dem bisher Gesagten sind wir auf dem geraden und einfachen Pfad des Alltagsverstands geblieben. Jetzt können wir in groben und einfachen Begriffen - den Begriffen der „Volkspsychologie“ - die Operation des menschlichen Denkens beschreiben.

          Stellen wir uns zwei Gebilde vor, Bewusstsein und Gedächtnis. Jedem der beiden entsprechen bestimmte physische Strukturen des menschlichen Körpers. Wir interessieren uns freilich für die Klaviersonate, nicht für das Klavier. Die Sonatenstruktur ist etwas Reales, auch wenn sie nicht physisch ist - in zeitgenössischer Terminologie können wir sie als „virtuelle Struktur“ bezeichnen. Das Klavier verfügt über seine eigene Struktur, aber auch wenn wir alles verstehen, was es an einem Klavier zu verstehen gibt, lehrt uns das nichts über die Sonate. Unser Thema ist die Sonate des Denkens, nicht der Konzertflügel des Gehirns. Wir können uns den Gezeitenstrom des menschlichen Denkens mithilfe der beiden Größen Bewusstsein und Gedächtnis vor Augen führen. Stellen wir uns einen kleinen Kreis innerhalb eines größeren Kreises vor: Bei maximaler Konzentration ist das Gedächtnis (der kleine Kreis) vollständig im Bewusstsein (dem großen Kreis) enthalten; das Bewusstsein ist seinerseits von der äußeren Realität umgeben. Wir haben die bewusste Kontrolle über unser Denken und Erinnern.

          So müsste Software sein

          Bei minimaler Konzentration ist das Bewusstsein der kleine Kreis, der zur Gänze vom Gedächtnis eingeschlossen ist. Das Gedächtnis steht zwischen dem Bewusstsein und der äußeren Realität; das Bewusstsein ist isoliert wie eine Burg durch ihren Burggraben. Bewusst ist uns nur unsere innere, imaginäre Realität.

          Lässt die Konzentration nach, tauschen die beiden Kreise allmählich ihre Plätze.

          Und dies ist der tägliche Gezeitenstrom des menschlichen Geistes.

          Abstrakt, wie diese Bilder erscheinen mögen, können sie doch ungefähre Blaupausen für Software abgeben.

          ***

          Was hat das kognitive Spektrum mit der Intelligenz des Internets oder dem künstlichen Denken im Allgemeinen zu tun?

          Wie der Philosoph Paul Ziff betonte, kann mit Intelligenz nur menschliche oder menschenähnliche Intelligenz gemeint sein. (Wir gehen davon aus, dass der Geist eines Tiers in dem Maß menschenähnlich ist, in dem das Tier selbst menschenähnlich scheint.) Gelegentlich hört man die Behauptung, das Internet werde eine völlig neue Form von Intelligenz hervorbringen. Aber diese Vorstellung ist sinnlos oder, anders gesagt, unsinnig. Das wäre so, als behauptete man, einen neuen Schokoladegeschmack entdeckt zu haben. Der Geschmack, den wir Schokolade nennen, ist jedoch genau das, als was wir ihn bezeichnen; es gibt keine andere Definition. Wenn der „neue Geschmack“ wie Schokolade schmeckt, ist er nicht neu; tut er es nicht, dann ist es kein Schokoladengeschmack. Wenn die neue Form von Intelligenz menschenähnlich ist, ist sie nicht neu. Wenn sie nicht menschenähnlich ist, ist es keine Intelligenz.

          Könnte das Internet eine menschenähnliche Intelligenz hervorbringen? Nein. Erstens stimmen die Rohmaterialien nicht. Menschliche Lebewesen und Tiere haben ein Bewusstsein, und wie sich aus einer Argumentation des Philosophen John Searle folgern lässt, muss ein Wissenschaftler davon ausgehen, dass das Bewusstsein aus einer bestimmten chemischen und physikalischen Struktur hervorgeht - so, wie die Photosynthese aus der pflanzlichen Chemie hervorgeht. Man kann seinen Laptop oder sein Handy nicht dazu programmieren, Kohlenstoffdioxid in Zucker umzuwandeln; für die Photosynthese sind Computer aus dem falschen Material gemacht - und für Bewusstsein auch.

          Ohne Motor

          Man kann einen Computer und einen Menschen anleiten, sich eine Rose vorzustellen und sie zu beschreiben. Womöglich erhält man zwei gleichartige Beschreibungen und kann nicht entscheiden, welche vom Computer und welche vom Menschen stammt. Aber es besteht ein wichtiger Unterschied: Der Mensch sieht und erfasst vor seinem geistigen Auge eine Rose; er kann sich ihre Farbe und ihren Geruch vorstellen und wie sie sich anfühlt.

          Für den Computer gibt es keine imaginäre Rose und keine innere geistige Welt, nur eine Leere. (Philosophisch gesprochen ist dies das Problem der „fehlenden Qualia“.)

          Auch gingen das menschliche Bewusstsein und Denken mit der Genmutation aus einem Mechanismus hervor, der - unter dem kompromisslosen Druck der Frage von Überleben oder Tod - unzählige nuancierte Variationen zu testen erlaubte. Keine dieser beiden Ausgangsbedingungen gilt für das Internet, wie wir es kennen. Die Erwartung, dass aus dem Internet heraus Intelligenz entsteht, ist wie die Erwartung, ein Auto zum Fahren zu bringen, indem man aufs Gaspedal tritt, selbst wenn es keinen Motor hat.

          Sie könnten immerhin so wirken, als dächten sie

          Soweit wir wissen, gibt es keine Möglichkeit, Bewusstsein in einem Computer oder einer beliebigen Ansammlung von Computern hervorzubringen. Jedoch - und dies ist der interessante (oder auch gefährliche) Aspekt bei der Sache - gibt uns das kognitive Spektrum, sobald wir seine Funktionsweise bis in die Details verstehen, eine Richtschnur zur Konstruktion simulierten oder künstlichen Denkens an die Hand. Wir können Softwaremodelle des Bewusstseins und des Gedächtnisses entwickeln und sie anschließend in rhythmische Bewegung versetzen.

          Das Ergebnis wäre ein Computer, der zu denken scheint. Dies wäre ein Zombie, ein Wort, das Philosophen der Science-Fiction-Literatur und Hollywoodfilmen entlehnt haben: ein Computer, der keine innere geistige Welt hätte und faktisch unbewusst wäre. Praktisch gesehen würde dies jedoch keinen Unterschied machen. Der Computer würde grübeln, sich unterhalten und Probleme lösen wie ein Mensch. Und wir hätten künstliches oder simuliertes Denken, „künstliche Intelligenz“, geschaffen.

          Als wäre der Computer glücklich

          Davor aber wären gewaltige technische Probleme zu überwinden. Nur ein Beispiel: Es kann kein kognitives Spektrum ohne Gefühle geben. Gefühle werden in dem Maß, in dem die Konzentration nachlässt und das Wiedererleben an die Stelle des Abrufens tritt, zu einer immer wichtigeren Brücke zwischen einzelnen Gedanken. Computer haben sich stets als gute Modelle des menschlichen Gehirns dargestellt; im weitesten Sinn sind sowohl der digitale Rechner als auch das Gehirn Informationsprozessoren. Gefühle jedoch werden hervorgerufen, indem Gehirn und Körper zusammenarbeiten. Wenn man glücklich ist, hat man eine bestimmte Körperempfindung; der Geist registriert dies; und die Resonanz zwischen Körper und Geist bringt ein Gefühl hervor. „Ich sage es noch einmal, dass der Körper den Geist macht“ (John Donne).

          Die natürliche Parallele zwischen Computer und Gehirn gilt nicht für das Verhältnis von Computer und Körper. Doch wird das künstliche Denken ein Softwaremodell des Körpers erfordern, um ein gutes Modell der Gefühle zu bekommen, wie es für das künstliche Denken unabdingbar ist. Mit anderen Worten: Künstliches Denken erfordert künstliche Gefühle, und simulierte Gefühle sind an sich ein großes Problem. (Die Lösung wird wahrscheinlich die Form einer Software annehmen, die darauf „trainiert“ ist, die emotionalen Reaktionen eines bestimmten menschlichen Subjekts zu imitieren.)

          Eines Tages werden all diese Probleme gelöst sein, wird das künstliche Denken realisiert sein. Selbst dann aber wird ein künstlich intelligenter Computer nichts erfahren und kein Bewusstsein von irgendetwas haben. Er wird vielleicht sagen: „Das macht mich glücklich“, aber nicht glücklich sein. Immerhin: Er wird agieren, als ob er es wäre. Er wird wie ein intelligentes menschliches Wesen agieren.

          Und was dann?

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