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Künstliche Intelligenz : Ein Geist aus Software

  • -Aktualisiert am

Stellen wir uns zwei Gebilde vor, Bewusstsein und Gedächtnis. Jedem der beiden entsprechen bestimmte physische Strukturen des menschlichen Körpers. Wir interessieren uns freilich für die Klaviersonate, nicht für das Klavier. Die Sonatenstruktur ist etwas Reales, auch wenn sie nicht physisch ist - in zeitgenössischer Terminologie können wir sie als „virtuelle Struktur“ bezeichnen. Das Klavier verfügt über seine eigene Struktur, aber auch wenn wir alles verstehen, was es an einem Klavier zu verstehen gibt, lehrt uns das nichts über die Sonate. Unser Thema ist die Sonate des Denkens, nicht der Konzertflügel des Gehirns. Wir können uns den Gezeitenstrom des menschlichen Denkens mithilfe der beiden Größen Bewusstsein und Gedächtnis vor Augen führen. Stellen wir uns einen kleinen Kreis innerhalb eines größeren Kreises vor: Bei maximaler Konzentration ist das Gedächtnis (der kleine Kreis) vollständig im Bewusstsein (dem großen Kreis) enthalten; das Bewusstsein ist seinerseits von der äußeren Realität umgeben. Wir haben die bewusste Kontrolle über unser Denken und Erinnern.

So müsste Software sein

Bei minimaler Konzentration ist das Bewusstsein der kleine Kreis, der zur Gänze vom Gedächtnis eingeschlossen ist. Das Gedächtnis steht zwischen dem Bewusstsein und der äußeren Realität; das Bewusstsein ist isoliert wie eine Burg durch ihren Burggraben. Bewusst ist uns nur unsere innere, imaginäre Realität.

Lässt die Konzentration nach, tauschen die beiden Kreise allmählich ihre Plätze.

Und dies ist der tägliche Gezeitenstrom des menschlichen Geistes.

Abstrakt, wie diese Bilder erscheinen mögen, können sie doch ungefähre Blaupausen für Software abgeben.

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Was hat das kognitive Spektrum mit der Intelligenz des Internets oder dem künstlichen Denken im Allgemeinen zu tun?

Wie der Philosoph Paul Ziff betonte, kann mit Intelligenz nur menschliche oder menschenähnliche Intelligenz gemeint sein. (Wir gehen davon aus, dass der Geist eines Tiers in dem Maß menschenähnlich ist, in dem das Tier selbst menschenähnlich scheint.) Gelegentlich hört man die Behauptung, das Internet werde eine völlig neue Form von Intelligenz hervorbringen. Aber diese Vorstellung ist sinnlos oder, anders gesagt, unsinnig. Das wäre so, als behauptete man, einen neuen Schokoladegeschmack entdeckt zu haben. Der Geschmack, den wir Schokolade nennen, ist jedoch genau das, als was wir ihn bezeichnen; es gibt keine andere Definition. Wenn der „neue Geschmack“ wie Schokolade schmeckt, ist er nicht neu; tut er es nicht, dann ist es kein Schokoladengeschmack. Wenn die neue Form von Intelligenz menschenähnlich ist, ist sie nicht neu. Wenn sie nicht menschenähnlich ist, ist es keine Intelligenz.

Könnte das Internet eine menschenähnliche Intelligenz hervorbringen? Nein. Erstens stimmen die Rohmaterialien nicht. Menschliche Lebewesen und Tiere haben ein Bewusstsein, und wie sich aus einer Argumentation des Philosophen John Searle folgern lässt, muss ein Wissenschaftler davon ausgehen, dass das Bewusstsein aus einer bestimmten chemischen und physikalischen Struktur hervorgeht - so, wie die Photosynthese aus der pflanzlichen Chemie hervorgeht. Man kann seinen Laptop oder sein Handy nicht dazu programmieren, Kohlenstoffdioxid in Zucker umzuwandeln; für die Photosynthese sind Computer aus dem falschen Material gemacht - und für Bewusstsein auch.

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