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Kolumne „Silicon Demokratie“ : Die dunkle Seite des digitalen Fortschritts

  • -Aktualisiert am

Digital geht’s eben schnell: Ein Prozessor aus Nanodrähten. Bild: Charles Lieber / Harvard University

Automaten, die auf unsere Neigungen reagieren, oder auch Taxiunternehmen, die den bevorzugen, der am meisten zahlt: Wie die Sucht nach Effizienz unsere Gesellschaft verformt.

          5 Min.

          Im vergangenen Sommer führte die Marketingagentur Momentum in Spanien eine interessante Kampagne für Coca Cola durch: Achtzehn intelligente Getränkeautomaten wurden aufgestellt, die das Produkt an heißen Tagen billiger abgaben. Bei 25 Grad Celsius kostete eine Dose Cola zwei Euro, bei über 30 Grad nur noch einen Euro.

          Diese dynamische, sensorengestützte Preisgestaltung sollte aber nicht als Beweis dafür herangezogen werden, dass die „intelligente Stadt“ letztlich doch humane Züge hat. Dieses scheinbar menschenfreundliche Experiment war natürlich ein raffinierter Marketingtrick. Welcher Unternehmer wäre schon so dumm, bei hohen Temperaturen den Getränkepreis ausgerechnet zu senken. Wer auf dem Markt überleben will, muss es genau andersherum machen. Und die Verbraucher könnten, von mutwilliger Zerstörung der Automaten einmal abgesehen, nicht viel dagegen unternehmen, denn im Gegensatz zu realen Verkäufern reagiert der Getränkeautomat nicht auf Proteste.

          Automaten, die Alter und Geschlecht erkennen

          Eines hat Momentum aber richtig verstanden: Dank der großen Verbreitung kostengünstiger Sensoren ist eine dynamische Preisgestaltung, also ein Verfahren, bei dem der Preis ohne menschliche Eingriffe in Echtzeit angepasst werden kann, eine attraktive Option. Manche Sensoren registrieren Umweltfaktoren wie etwa die Außentemperatur, andere mögen mehr über die Käufer in Erfahrung bringen - sind sie jung, sind sie modisch gekleidet, sind sie auf Facebook?

          Die letzte Frage dürfte noch etwas schwierig sein, aber die beiden ersten können heute schon beantwortet werden. Vor zwei Jahren entwickelten Kraft und Intel iSample-Automaten, die mit Hilfe von optischen Sensoren Alter und Geschlecht der Kunden feststellten und entschieden, welche Produkte ihnen angeboten wurden. Ursprünglich war diese Maschine für die Markteinführung von „Temptations“ gedacht, einem Pudding „nur für Erwachsene“. Wenn also ein Kind vor dem Automaten stand, wurde es weggeschickt. In Japan verwendet ein ähnlicher Getränkeautomat Gesichtserkennungstechnologie, um Kunden das jeweils passende Getränk anzubieten: Männern unter fünfzig wird Kaffee, jungen Frauen um die zwanzig wird ein Teegetränk empfohlen.

          Eine effizientere Welt

          Bislang werden Sensoren meistens bei einfachen binären Entscheidungen eingesetzt (Verkaufe keinen Alkohol an Personen, die offenbar noch minderjährig sind!), aber anspruchsvollere Interventionen dürften schon bald möglich sein. Sobald unser Gesicht mit unserem Profil auf sozialen Netzwerken verknüpft werden kann, eröffnen sich viele andere Manipulationen, Preisnachlässe zum Beispiel; doch es sind auch Situationen vorstellbar, in denen wir mehr zu zahlen bereit sind als den Preis, den eine analoge, sensorlose Maschine fordert. Sobald die Maschine diese Situation vorhersagen kann - beispielsweise könnte sie anhand unserer Persönlichkeitsprofile oder der Selftracking-App auf unserem Smartphone herausfinden, wie groß unser Durst ist -, kann sie exakt den Betrag festsetzen, den wir bereitwillig bezahlen werden.

          In der Theorie zumindest klingt das wunderbar: Sensoren führen zu mehr Effizienz. Max Levchin, der ehemalige Technikvorstand (CTO) von Paypal, hat sich im Januar schon für eine solche effizienzorientierte Welt stark gemacht. Für ihn bedeuten die Existenz von Sensoren und die allgemeine Einsehbarkeit unserer Identität, dass die digitale Welt nun endlich effizienter gemacht werden kann als ihre analoge Vorgängerin: „Die Welt der realen Dinge ist sehr ineffizient. Viele Ressourcen liegen brach, und viele Unternehmen wollen den Umgang mit Ressourcen rationalisieren.“ Dank „Digitalisierung analoger Daten und zentralisiertem Management“ sei eine ganze Generation von Start-ups im Begriff, „erstaunliche neue Effizienzen zu schaffen“ - von Uber, einem populären Start-up, das Fahrgäste und Taxifahrer zusammenbringt, bis hin zu Airbnb, das Anbieter von Wohnraum auf Zeit und potentielle Mieter zusammenbringt.

          Facebook-Freunde helfen bei der Taxisuche

          Nehmen wir Uber. Wenn man früher ein Taxi bestellte, wurde man wie jeder andere behandelt. Man wusste nicht, wie lange man auf das nächste freie Taxi warten musste. Wer vor lauter Ärger auflegte, musste sich neu einreihen in die Warteschlange. „Selbst wenn man das Hundertfache des üblichen Fahrpreises geboten hätte, um als Erster dranzukommen“, sagt Levchin, „hätte das in diesem unintelligenten System nichts genützt. Die Daten liegen ausschließlich in analogem Format vor und bewegen sich ausschließlich in analogem Tempo.“ Bei Uber sieht es anders aus: Die Daten über den Kunden liegen im digitalen Format vor, man weiß genau, wann es freie Kapazitäten gibt, wie lange man warten muss und so weiter. Und wenn man bereit ist, mehr als andere zu bezahlen, bekommt man womöglich einen besseren Service.

          Levchin denkt dieses Modell weiter, schwärmt von dynamischen Wartelisten bei Priestern, die die Beichte abnehmen, sowie bei Therapeuten und prognostiziert sogar, dass wir dereinst die Denkfähigkeit unserer Gehirne vermieten werden, die, während wir schlafen, an Problemlösungen arbeiten. An dem Uber-Beispiel fällt aber doch eine Merkwürdigkeit auf: Warum sollte jemand, der auf Facebook mit Bill Gates befreundet ist, anders behandelt werden als jemand, der keinen Facebook-Account hat?

          Effizienz auf Kosten der Gleichbehandlung

          Dass die Fahrgäste von analogen, unintelligenten Taxis allesamt gleich behandelt werden, hat nichts mit der Abwesenheit von guten Sensoren zu tun. Es ist das logische Ergebnis der Tatsache, dass staatlich zugelassene Beförderungsunternehmen gesetzlichen Bestimmungen unterliegen. Niemand darf beispielsweise diskriminiert werden. Für jeden Fahrgast, ob schwarz oder weiß oder homosexuell oder stinkreich, gilt der gleiche Tarif.

          Vielleicht gibt es gute Gründe, dieses Prinzip über Bord zu werfen. Dass wir heutzutage dank ausgefeilter Technologien Ineffizienz beseitigen können, ist aber kein solcher Grund. Ineffizienz ist nämlich genau der Preis, den wir bereitwillig für Gleichbehandlung bezahlen. Wenn zwischen dem streng regulierten Taxigewerbe und den Ablegern einer weniger stark regulierten „Shareconomy“ wie Uber verglichen wird (und zwar nur unter dem Aspekt der Effizienz), muss Uber automatisch besser abschneiden. Das Personenbeförderungsgewerbe kann, konstruktionsbedingt, nicht anders als ineffizient sein.

          Schwächung einer sozialen Gesellschaft

          Oder nehmen wir Airbnb, das Levchin ebenfalls erwähnt. Airbnb bietet Zugang zu Wohnraum auf einem knappen Markt. Aber wie sieht es mit den Kosten aus? Indem Vermieter die Möglichkeit haben, ihre Wohnung in permanente Hotels zu verwandeln, untergräbt Airbnb das soziale Gefüge eines Stadtviertels und verstößt vielleicht sogar gegen mietrechtliche Bestimmungen (offenbar entrichten weder Airbnb noch die beteiligten Vermieter die Steuern, die normalerweise für das Hotelgewerbe anfallen. Schätzungen zufolge könnte sich dieser Steuerausfall allein in San Francisco auf jährlich 1,8 Millionen Dollar belaufen.)

          Gewiss, mietrechtliche Bestimmungen können furchtbar ineffizient sein, aber diese Ineffizienz ist kein Zufall, sondern gewollt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der Wohnungsmarkt ausschließlich marktwirtschaftlichen Gesetzen gehorcht. Mit anderen Worten: Der Hinweis, Airbnb führe zu mehr Effizienz, sagt nichts über Sinn oder Unsinn mietrechtlicher Vorschriften. Wenn uns diese nicht gefallen, sollten wir sie mit politischen und sozialen Argumenten bekämpfen und nicht einfach darauf hinweisen, dass die Vermietung von Wohnraum auf Zeit dank Smartphones und sozialen Netzwerken effizienter organisiert werden kann. Am interessantesten - und irritierendsten - an Levchins Argumentation ist, dass alle Ineffizienzen der analogen Welt als natürliche Produkte einer technologisch altmodischen Umgebung hingestellt werden und nicht als Ergebnis bewusster Bestrebungen, den Zusammenhalt einer gerechten und sozialen Gesellschaft zu stärken.

          Beschweren Sie sich also nicht, wenn der Getränkeautomat verkündet, dass Sie keinen Anspruch auf die letzte vorhandene Flasche Cola haben. Im nächsten Moment könnte nämlich ein durstiger Bill Gates um die Ecke biegen.

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