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Kolumne „Silicon Demokratie“ : Die dunkle Seite des digitalen Fortschritts

  • -Aktualisiert am

Digital geht’s eben schnell: Ein Prozessor aus Nanodrähten. Bild: Charles Lieber / Harvard University

Automaten, die auf unsere Neigungen reagieren, oder auch Taxiunternehmen, die den bevorzugen, der am meisten zahlt: Wie die Sucht nach Effizienz unsere Gesellschaft verformt.

          Im vergangenen Sommer führte die Marketingagentur Momentum in Spanien eine interessante Kampagne für Coca Cola durch: Achtzehn intelligente Getränkeautomaten wurden aufgestellt, die das Produkt an heißen Tagen billiger abgaben. Bei 25 Grad Celsius kostete eine Dose Cola zwei Euro, bei über 30 Grad nur noch einen Euro.

          Diese dynamische, sensorengestützte Preisgestaltung sollte aber nicht als Beweis dafür herangezogen werden, dass die „intelligente Stadt“ letztlich doch humane Züge hat. Dieses scheinbar menschenfreundliche Experiment war natürlich ein raffinierter Marketingtrick. Welcher Unternehmer wäre schon so dumm, bei hohen Temperaturen den Getränkepreis ausgerechnet zu senken. Wer auf dem Markt überleben will, muss es genau andersherum machen. Und die Verbraucher könnten, von mutwilliger Zerstörung der Automaten einmal abgesehen, nicht viel dagegen unternehmen, denn im Gegensatz zu realen Verkäufern reagiert der Getränkeautomat nicht auf Proteste.

          Automaten, die Alter und Geschlecht erkennen

          Eines hat Momentum aber richtig verstanden: Dank der großen Verbreitung kostengünstiger Sensoren ist eine dynamische Preisgestaltung, also ein Verfahren, bei dem der Preis ohne menschliche Eingriffe in Echtzeit angepasst werden kann, eine attraktive Option. Manche Sensoren registrieren Umweltfaktoren wie etwa die Außentemperatur, andere mögen mehr über die Käufer in Erfahrung bringen - sind sie jung, sind sie modisch gekleidet, sind sie auf Facebook?

          Die letzte Frage dürfte noch etwas schwierig sein, aber die beiden ersten können heute schon beantwortet werden. Vor zwei Jahren entwickelten Kraft und Intel iSample-Automaten, die mit Hilfe von optischen Sensoren Alter und Geschlecht der Kunden feststellten und entschieden, welche Produkte ihnen angeboten wurden. Ursprünglich war diese Maschine für die Markteinführung von „Temptations“ gedacht, einem Pudding „nur für Erwachsene“. Wenn also ein Kind vor dem Automaten stand, wurde es weggeschickt. In Japan verwendet ein ähnlicher Getränkeautomat Gesichtserkennungstechnologie, um Kunden das jeweils passende Getränk anzubieten: Männern unter fünfzig wird Kaffee, jungen Frauen um die zwanzig wird ein Teegetränk empfohlen.

          Eine effizientere Welt

          Bislang werden Sensoren meistens bei einfachen binären Entscheidungen eingesetzt (Verkaufe keinen Alkohol an Personen, die offenbar noch minderjährig sind!), aber anspruchsvollere Interventionen dürften schon bald möglich sein. Sobald unser Gesicht mit unserem Profil auf sozialen Netzwerken verknüpft werden kann, eröffnen sich viele andere Manipulationen, Preisnachlässe zum Beispiel; doch es sind auch Situationen vorstellbar, in denen wir mehr zu zahlen bereit sind als den Preis, den eine analoge, sensorlose Maschine fordert. Sobald die Maschine diese Situation vorhersagen kann - beispielsweise könnte sie anhand unserer Persönlichkeitsprofile oder der Selftracking-App auf unserem Smartphone herausfinden, wie groß unser Durst ist -, kann sie exakt den Betrag festsetzen, den wir bereitwillig bezahlen werden.

          In der Theorie zumindest klingt das wunderbar: Sensoren führen zu mehr Effizienz. Max Levchin, der ehemalige Technikvorstand (CTO) von Paypal, hat sich im Januar schon für eine solche effizienzorientierte Welt stark gemacht. Für ihn bedeuten die Existenz von Sensoren und die allgemeine Einsehbarkeit unserer Identität, dass die digitale Welt nun endlich effizienter gemacht werden kann als ihre analoge Vorgängerin: „Die Welt der realen Dinge ist sehr ineffizient. Viele Ressourcen liegen brach, und viele Unternehmen wollen den Umgang mit Ressourcen rationalisieren.“ Dank „Digitalisierung analoger Daten und zentralisiertem Management“ sei eine ganze Generation von Start-ups im Begriff, „erstaunliche neue Effizienzen zu schaffen“ - von Uber, einem populären Start-up, das Fahrgäste und Taxifahrer zusammenbringt, bis hin zu Airbnb, das Anbieter von Wohnraum auf Zeit und potentielle Mieter zusammenbringt.

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