https://www.faz.net/-gsf-789eb

Kolumne „Silicon Demokratie“ : Die dunkle Seite des digitalen Fortschritts

  • -Aktualisiert am

Facebook-Freunde helfen bei der Taxisuche

Nehmen wir Uber. Wenn man früher ein Taxi bestellte, wurde man wie jeder andere behandelt. Man wusste nicht, wie lange man auf das nächste freie Taxi warten musste. Wer vor lauter Ärger auflegte, musste sich neu einreihen in die Warteschlange. „Selbst wenn man das Hundertfache des üblichen Fahrpreises geboten hätte, um als Erster dranzukommen“, sagt Levchin, „hätte das in diesem unintelligenten System nichts genützt. Die Daten liegen ausschließlich in analogem Format vor und bewegen sich ausschließlich in analogem Tempo.“ Bei Uber sieht es anders aus: Die Daten über den Kunden liegen im digitalen Format vor, man weiß genau, wann es freie Kapazitäten gibt, wie lange man warten muss und so weiter. Und wenn man bereit ist, mehr als andere zu bezahlen, bekommt man womöglich einen besseren Service.

Levchin denkt dieses Modell weiter, schwärmt von dynamischen Wartelisten bei Priestern, die die Beichte abnehmen, sowie bei Therapeuten und prognostiziert sogar, dass wir dereinst die Denkfähigkeit unserer Gehirne vermieten werden, die, während wir schlafen, an Problemlösungen arbeiten. An dem Uber-Beispiel fällt aber doch eine Merkwürdigkeit auf: Warum sollte jemand, der auf Facebook mit Bill Gates befreundet ist, anders behandelt werden als jemand, der keinen Facebook-Account hat?

Effizienz auf Kosten der Gleichbehandlung

Dass die Fahrgäste von analogen, unintelligenten Taxis allesamt gleich behandelt werden, hat nichts mit der Abwesenheit von guten Sensoren zu tun. Es ist das logische Ergebnis der Tatsache, dass staatlich zugelassene Beförderungsunternehmen gesetzlichen Bestimmungen unterliegen. Niemand darf beispielsweise diskriminiert werden. Für jeden Fahrgast, ob schwarz oder weiß oder homosexuell oder stinkreich, gilt der gleiche Tarif.

Vielleicht gibt es gute Gründe, dieses Prinzip über Bord zu werfen. Dass wir heutzutage dank ausgefeilter Technologien Ineffizienz beseitigen können, ist aber kein solcher Grund. Ineffizienz ist nämlich genau der Preis, den wir bereitwillig für Gleichbehandlung bezahlen. Wenn zwischen dem streng regulierten Taxigewerbe und den Ablegern einer weniger stark regulierten „Shareconomy“ wie Uber verglichen wird (und zwar nur unter dem Aspekt der Effizienz), muss Uber automatisch besser abschneiden. Das Personenbeförderungsgewerbe kann, konstruktionsbedingt, nicht anders als ineffizient sein.

Schwächung einer sozialen Gesellschaft

Oder nehmen wir Airbnb, das Levchin ebenfalls erwähnt. Airbnb bietet Zugang zu Wohnraum auf einem knappen Markt. Aber wie sieht es mit den Kosten aus? Indem Vermieter die Möglichkeit haben, ihre Wohnung in permanente Hotels zu verwandeln, untergräbt Airbnb das soziale Gefüge eines Stadtviertels und verstößt vielleicht sogar gegen mietrechtliche Bestimmungen (offenbar entrichten weder Airbnb noch die beteiligten Vermieter die Steuern, die normalerweise für das Hotelgewerbe anfallen. Schätzungen zufolge könnte sich dieser Steuerausfall allein in San Francisco auf jährlich 1,8 Millionen Dollar belaufen.)

Gewiss, mietrechtliche Bestimmungen können furchtbar ineffizient sein, aber diese Ineffizienz ist kein Zufall, sondern gewollt. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der Wohnungsmarkt ausschließlich marktwirtschaftlichen Gesetzen gehorcht. Mit anderen Worten: Der Hinweis, Airbnb führe zu mehr Effizienz, sagt nichts über Sinn oder Unsinn mietrechtlicher Vorschriften. Wenn uns diese nicht gefallen, sollten wir sie mit politischen und sozialen Argumenten bekämpfen und nicht einfach darauf hinweisen, dass die Vermietung von Wohnraum auf Zeit dank Smartphones und sozialen Netzwerken effizienter organisiert werden kann. Am interessantesten - und irritierendsten - an Levchins Argumentation ist, dass alle Ineffizienzen der analogen Welt als natürliche Produkte einer technologisch altmodischen Umgebung hingestellt werden und nicht als Ergebnis bewusster Bestrebungen, den Zusammenhalt einer gerechten und sozialen Gesellschaft zu stärken.

Beschweren Sie sich also nicht, wenn der Getränkeautomat verkündet, dass Sie keinen Anspruch auf die letzte vorhandene Flasche Cola haben. Im nächsten Moment könnte nämlich ein durstiger Bill Gates um die Ecke biegen.

Weitere Themen

„Born in Evin“ Video-Seite öffnen

Filmkritik : „Born in Evin“

Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Ursula Scheer über den bewegenden Film „Born in Evin“.

Topmeldungen

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am 9. Oktober im Parlament in Ankara.

Offensive in Nordsyrien : Erdogan verspottet Trump

Der türkische Präsident verspottet nicht nur den deutschen Außenminister Heiko Maas, sondern auch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump für seine Tweets. Ein Treffen mit dessen Vize Pence und Außenminister Pompeo lehnt er ab.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.