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iPad und Virtualität : Sage mir, Muse, die Daten des Helden

Ulysses kommt nicht aus dem Haus und Harry Potter darf nicht ins Internet: Während wir auf dem Sofa das iPad bedienen, entzieht das Internet den traditionellen Erzählungen gleich reihenweise den Boden. Wie die neuen Technologien die Geschichten unserer Zeit verändern.

          Am 16. Juni 2010 könnte Leopold Bloom eigentlich zu Hause bleiben. Als Anzeigenakquisiteur in der krisengeschüttelten irischen Metropole Dublin hat er in seinem Home Office in der Eccles Street Nummer 7 auch an diesem Mittwoch alle Hände voll zu tun - auch wenn ihm das iPad die Arbeit erleichtert. Wir kennen seinen Tagesablauf aus dem Roman-Klassiker „Ulysses“ von James Joyce, dem ersten Echtzeitexperiment unserer literarischen Welt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf fast tausend Buchseiten folgen wir über neunzehn Stunden hinweg einem introvertierten Durchschnittsmenschen, der faszinierende Selbstgespräche führt, schüchtern soziale Kontakte pflegt, einen guten Appetit hat und von Eifersucht heimgesucht wird. Aber wie statisch wäre Blooms Tagesablauf im Jahre 2010! Und mit dem heutigen Tag hat das iPad sein Home Office sogar noch zum Sofa schrumpfen lassen.

          Der Roman erzählt vom 16. Juni 1904. An diesem Morgen hatte Leopold Bloom seiner Frau Molly noch das Frühstück ans Bett gebracht, bevor er sich auf den Weg in die Stadt machte - ein zeitluxuriöser Auftakt, der heute auch noch denkbar wäre, mit dem Blooms rein analoge Existenz an diesem Tag aber wohl ihr Ende fände. Gegen neun Uhr müsste er seine SMS-Nachrichten abrufen und das E-Mail-Konto durchforsten. In jedem Fall könnte er sich gegen zehn den Weg zum mehr als zwei Kilometer entfernten Westland Row Post Office sparen, wo er im Roman eine Nachricht seiner heimlichen Brieffreundin Martha Clifford abholt.

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          Seine immer frivoler werdenden Antworten kann er bequemer per Mail von zu Hause aus versenden, womit auch seine Abstecher in die All Hallows Church und der Besuch beim Drogisten Sweeny entfielen. Erübrigen würde sich auch der Weg in die Bibliothek, um eine gedruckte Anzeige zu recherchieren. Die fände er mittels Internet-Bildsuche oder auf Anfrage im digitalisierten Zeitungsarchiv weit schneller.

          Stubenhocker vor den Bildschirmen

          Wenn die Beerdigung Paddy Dignams nicht wäre und Bloom nicht eine Vorliebe für Restaurantbesuche besäße, die sich heute eigentlich kein Durchschnittsverdiener mehr leisten kann, müsste man sagen: Der berühmteste Anzeigenverkäufer der Weltliteratur hätte seinen Gang durch Dublin 2010 nie angetreten - die von Joyce bewusst schon reduzierte Romanhandlung, eine zuweilen übermütige Aktualisierung von Homers „Odyssee“, löste sich 2010 in einen äußerlich ereignislosen Tag vor verschiedenen Bildschirmen auf. Der Held säße in seinen eigenen vier Wänden fest wie in de Chiricos Bild „Retour d'Ulysse“. Das mobile Internet wäre nur ein Trostpflaster. Die Echtzeit hat, so scheint es, ihre Väter gefressen. Leopold Bloom blickt auf die Spiegelfläche seines Tablet-Computers und sieht an der Oberfläche von allem: den Stillstand des Helden.

          Natürlich bleibt Joyces Romanklassiker im Kern von alldem unberührt. Er bleibt immanent nachvollziehbar, und er bleibt auch gültig, denn was ihm anhaltende Frische verleiht, sind die frei-assoziativen, scheinbar ungefilterten inneren Monologe Blooms. Können solche inneren Bewusstseinsströme sich aber auch in einer von Bildschirmen bestimmten Existenz, so augenschmeichelnd diese auch sein mögen, Bahn brechen?

          Romanciers des wahren Lebens

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